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Die Heimat ist auch keine Heimat mehr

Die junge schweizerisch-kroatische Autorin Ivna Žic blickt in ihrem Debütroman «Die Nachkommende» in eine doppelt zerrissene Seconda-Seele.
Hansruedi Kugler
Die schweizerisch-kroatische Schriftstellerin Ivna Žic. (Bild: pd)

Die schweizerisch-kroatische Schriftstellerin Ivna Žic. (Bild: pd)

Dieser schmale, wunderbare Roman ist das Tagebuch und der innere Monolog einer Entfremdung, voller Poesie und Satire, Sehnsucht und Lebensstillstand. Mitten aus der zerrissenen europäischen Gegenwart. Die Vergangenheit drängt sich als lähmendes Gespenst auf, die Liebe bietet keine Zukunft. Ivna Žics Erzählerin ist eine junge, introvertierte Schweizerin mit kroatischer Herkunft: Scheu, wortkarg, zurückhaltend.

Das Buch beginnt mit zwei Zugreisen. Da ist die nächtliche Zugfahrt mit Geschnarche, Schwitzen, Mückenstichen. Zwölf Stunden von Zürich nach Zagreb. «Hundertmal oder waren es vierhundertmal» ist sie diese Strecke schon gefahren. «Diese Fahrt, die weder aufhört, noch irgendetwas auslöst, ausser die Wiederholung», denkt sie. Ein melancholisches, resignatives Fazit schon auf der ersten Seite. Nach wenigen Seiten liest man von einer zweiten Zugreise, nach Paris, wo sie sich trennen wollte – von ihrem selbstgefälligen Geliebten, der aber verheiratet ist. Eine Liebe ohne Zukunft. Sie wusste, dass sie die Trennung noch nicht schaffen würde.

Zum Schweigen verdammt

Wir schauen also auf eine doppelte Entfremdung. Davon erzählt Ivna Žic knapp, bildstark und präzis. Und man folgt der Ich-Erzählerin gerne auf der Spurensuche in ihre gespaltene Seele. Und in ihr Schweigen. Denn ihre Affäre verschweigt sie den kroatischen Freundinnen genauso wie ihr Grossvater verschwiegen hatte, was er im Exil als Maler in Paris und im Krieg erlebt hat. Um sogleich als Kontrast spöttisch zu sagen: Guten Morgen liebe Eidgenossen, ihr eingeschlafenen Körper ohne Kriege.

Politisch und persönlich lebt die Erzählerin in einer Zwischenzeit, nur Erinnerung und Fantasie bleiben ihr. Und wenn sie von Verwandten hört, sie sei «der Grossmutter wie aus dem Gesicht geschnitten», versteht man die grundsätzliche Kränkung dahinter, das Verleugnen ihrer Identität: «Ihr seid euch ähnlich, dieser Satz klaut meinen Körper», sagt die Erzählerin. Und man merkt, die Verwandten sagen dies als Beschwörung der Zusammengehörigkeit von Herkunft und Exil. Der Geliebte mutet ihr fast den gleichen Satz zu: Sie sei seiner Frau ähnlich. Da verstummt nicht nur die Erzählerin, auch als Leser schluckt man da leer.

Im Hintergrund die Kriegsvergangenheit

Die Erzählerin blickt tief in die Familien- und in die Nationalgeschichte. «Die Nachkommende» ist auch verspätete Doppelgängerin. Sie reist ihrem Geliebten nach Paris nach, dorthin, wo sich schon ihr Grossvater in jungen Jahren als Maler versucht hatte und nach seiner Rückkehr nach Zagreb fast alle Gemälde zerstört hat. Wohl weil seine Ehefrau in den Porträts Geliebte ihres Mannes vermutete. Sein Exil, weg vom kriegszerrissenen Kroatien, vielleicht eine Enttäuschung, die Rückkehr wahrscheinlich ein resignierter Abbruch. Die Erzählerin muss sich das alles selbst zusammenreimen, denn der Grossvater hatte nie davon berichtet, aber stattdessen tolle Märchen erzählt. «Er hat sich zum Verschwinden gebracht», denkt sie über ihren Grossvater. Ihre zentrale Frage weist dabei ins Allgemeine: Wie lange hält man durch mit einer realen, eigenen Situation in der Fremde oder einer Geschichte, die man niemandem erzählen kann?

Vielstimmig mit Satire und Reportage

Der Geruch des Pelzmantels ihrer Grossmutter steigt ihr im Zug in die Nase – die Erinnerung ist körperlich präsent. Ein sinnlich reiches Buch liegt hier vor – und ein literarisch unaufgeregtes, aber vielstimmiges: Da gibt es surreale Traumbilder, etwa, wenn die kollektive kroatische Vergangenheit als Reiterstatuen-Pferd durch das Wohnzimmer trabt. Wenn Ivna Žic die Bürokratie in ihrem Heimatland beschreibt, wird sie zur Satirikerin. Sie findet auch einfache Sinnbilder für das kindliche Gefühl der Entfremdung: Slanac, das beste Brot der Welt aus Zagreb, ist nach 12 Stunden Fahrt in die Schweiz ausgetrocknet und fade.

Daneben steht harte Selbsteinsicht mit ruppig-tollen Sätzen wie «Ich bin ein müder Automat, der gut lügt» und bittere Klarsichtigkeit, wenn sie ihre Affäre als «Kriegsfeld der geklauten Zeit» bezeichnet. Den rituellen Heimaturlaub verdichtet sie lakonisch als blosses Abarbeiten von immer gleichen Besuchen, Verpflichtungen, Ämtern und Tratsch. Wie eine Reportage liest sich später eine Rückreise in die Schweiz mit dem Bus – das wäre in der präzisen Schilderung von Gerüchen, Schnarchen, Grenzkontrollen und dem schroffen Nebeneinander von Rucksacktouristen-Naivität und Migranten-Sehnsucht auch in einem journalistischen Magazin gut platziert. Ein Roman also, den man wegen der Intensität der seelischen Spurensuche und wegen seiner literarischen Dichte gleich noch ein zweites Mal liest.

Ivna Žic Die Nachkommende, Roman, Matthes & Seitz, 168 S.

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