Die Heimat, eine zerrissene Welt

Das Kunstmuseum zeigt in der Kunstzone der Lokremise den gefeierten Künstler David Maljkovic. Im Karussell der internationalen Kunstszene spielt der in Zagreb geborene 41-Jährige eine herausragende Rolle.

Brigitte Schmid-Gugler
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David Maljkovic Der Künstler aus Zagreb an der Vernissage (Bild: Michel Canonica)

David Maljkovic Der Künstler aus Zagreb an der Vernissage (Bild: Michel Canonica)

Auf das momentane Ausstellungsprogramm des Kunstmuseums scheinen die Kürzungen des Kantons noch nicht abzufärben. Und ob dies zukünftig der Fall sein wird, ist noch nicht bekannt. Wie der Direktor Roland Waespe sagt, sei man intensiv damit beschäftigt, eine Lösung für die Finanzierung des Weiterbetriebs der Kunstzone in der Lokremise zu finden.

Ruhe also vor dem Sturm? Da kommt das künstlerische Schwergewicht David Maljkovic aus zweierlei Gründen gerade recht: Das künstlerische Schwergewicht nach St. Gallen zu holen, dürfte weder einfach noch billig gewesen sein, und der aus Kroatien Stammende beschäftigt sich mit dem Vermächtnis des ehemaligen Jugoslawien und den (leeren) Versprechungen einer gescheiterten Moderne. Wer nun eine martialisch-demonstrative Selbstinszenierung erwartet, liegt falsch. Die Arbeiten des 41jährigen Künstlers sind von einer strengen Reduziertheit und sie wirken erst einmal ziemlich kryptisch. Auch Einführungssätze wie dieser, dass den Hintergrund des künstlerischen Œuvres «die mit dem Zerfall von Gesellschaftsordnungen und der Überwindung der Moderne als sinnstiftende Entitäten verbundenen kulturellen Veränderungen» bildeten, schliessen einen nicht unbedingt in den Kreis der Mitwisser ein.

Schicht um Schicht freilegen

Man muss sich Zeit nehmen. Den Raum betreten und ihn auf sich wirken lassen. Die Fenster sind mit einer Folie leicht abgedunkelt. Es gibt, auf den ersten Blick erfasst, leichte «Verschiebungen» der Raumaufteilung, ein Video, Bilder, Installationen. Rechts beim Eingang hat Maljkovic den ersten Teil von «Afterform» installiert. Die Arbeit und deren Titel sind bezeichnend für die Vorgehensweise des Künstlers, der von sich sagt, der Prozess des Kunst-Werdens bestehe für ihn eben im Nachformen von bereits Bestehendem als Ausdruck eines konstanten Wandels.

Im Falle der Kunstzone betrat er erst Raumökonomie und Dimensionen, studierte Architektur, Korrespondenz von Innen- und Aussenraum, den Lichteinfall und stellte diese Bestandesaufnahme seiner künstlerischen Inbetriebnahme gegenüber.

Was die Auswahl seines Settings betrifft, geht er in seinem Archiv wie ein Archäologe auf Spurensuche. Für den bildnerischen Teil «New Productions» nimmt er Arbeiten hervor, die er für frühere Ausstellungen geschaffen hat. Der Prozess des Ordnens vollzieht sich in der Neuordnung, der Neuschreibung, der Neulesung, der Neuvermessung, der Neuinterpretation – dafür liess Maljkovic ein horizontal ausgelegtes grossflächiges weisses Podest (Afterform II) im Sinne von «Lehr- und Leerraum» bauen, das den Raum dominiert und ihn aus seiner ursprünglichen Form hebt.

Vision und Ernüchterung

Die Installation darauf: Ein auf einem Stativ befestigter Bildschirm, auf dem in einer Endlosschlaufe eine Animation abgespult wird, musikalisch «untermalt» von einem Kratzgeräusch, ähnlich der Nadel auf einer Vinylplatte. Der Soundtrack «kratzt» auch den Takt zu «New Produktions», der Fototapete und den gerahmten Bildern.

Der Künstler reisst, schneidet, fotografiert, zerlegt und setzt bereits bestehendes Fotomaterial neu zusammen. Wie ein Frage- und-Antwort-Spiel nach der Gültigkeit von Erinnerung. Nach den schlecht verkitteten Rissen in Mauern. Nach gestürzten Monumenten. Nach schlecht zugeschaufelten Erdhaufen. Nach kaum heilenden Narben in Seelen. Ja, wenn man sich Zeit nimmt für David Maljkovic, wird einem einiges klar, es rückt einiges in ein neues Licht – auch die Erkenntnis, dass humorvoll ausgelegte Kunst gut vereinbar ist mit tiefgründiger Trauer.

Bis 3. August (Lokremise). Zur Ausstellung erschien ein Künstlerbuch.

Die Installation «Afterform» des kroatischen, international gefeierten Künstlers David Maljkovic in der Kunstzone der Lokremise St. Gallen. (Bilder: Michel Canonica)

Die Installation «Afterform» des kroatischen, international gefeierten Künstlers David Maljkovic in der Kunstzone der Lokremise St. Gallen. (Bilder: Michel Canonica)

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