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Lucerne Festival Orchester: Die «Häutung» geht weiter

Mit einem sensationellen Ravel-Programm blickte das Festival-Orchester unter Riccardo Chailly weit in die Zukunft. Aber das letzte Konzert gestern Abend zeigte: Die Suche nach einer Identität, die den Sonderfall garantiert, ist noch nicht abgeschlossen.
Urs Mattenberger
Alle Konzerte praktisch ausverkauft: Riccardo Chailly dirigiert das Lucerne Festival Orchestra. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Alle Konzerte praktisch ausverkauft: Riccardo Chailly dirigiert das Lucerne Festival Orchestra. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Er verlange vom Lucerne Festival Orchestra (LFO) Stilwechsel, «als würde es sich häuten». Mit diesen Worten brachte Riccardo Chailly im Festival-Magazin PIÙ auf den Punkt, wie das Orchester sich unter seiner Leitung quasi von der Abbado-Tradition emanzipieren wird. Aber der Auftritt des LFO in diesem Sommer, der mit den Konzerten am Freitag und gestern zu Ende ging, wies eher in eine andere Richtung.

Das Experimentieren mit unterschiedlichen Stilen setzte sich zwar im Eröffnungskonzert mit Mozart und Mendelssohn fort. Aber die Nähe zu den Konzerten des Chamber Orchestra of Europe zeigten, dass das LFO in diesem Stilbereich nicht über den Exklusivitätsanspruch verfügt, den man mit dieser Ausnahmeformation verbindet.

Mögliches neues Profil

Dabei ist es Chaillys Ziel für das LFO, dass dieses Meisterwerke aus allen Epochen auf Top-Niveau interpretieren kann. Als entscheidender als diese Stilvielfalt erweist sich mit Blick auf die bisherigen Konzerte, dass das Orchester mit der frühen Moderne, mit Werken von Richard Strauss, Igor Strawinsky und jetzt am Samstag Maurice Ravel, ein überraschend klares, neues Profil ansteuert. Die offensichtliche Emanzipation von der Abbado-Tradition vollzieht sich dabei nicht als Bruch, sondern als nahtlose Weiterentwicklung. Dafür stand auch das letzte Konzert von gestern Abend, das mit Bruckners siebter Sinfonie näher an die Ursprünge dieses Orchesters zurückging.

Für neue Exklusivitätsansprüche stand im Konzert vom Freitag das Programm mit ausschliesslich Musik von Maurice Ravel. Hier bekräftigte sich, was schon Strawinskys «Feuervogel» im Eröffnungskonzert vorgeführt hat. Chailly nutzt die voluminöse Klangwucht des Orchesters, ja, er treibt sie an musikalischen Brennpunkten auf die Spitze bis an die Schmerzgrenze. Anderseits nutzt er die Flexibilität durch alle Register hindurch als Instrument für die ambivalente Klanglichkeit am Umbruch von der Spätromantik zur Moderne. Und mit der rhythmischen Strenge und Spannkraft, die er hinzubringt, schärft er die zukunftsweisenden Konturen von Werken wie «La Valse» oder der Suiten Nr. 1 und 2 aus der Ballettmusik «Daphnis et Chloé».

In den «Valses nobles et sentimentales» verschob die Kombination mit der angehängten Walzerdestruktion «La Valse» die Balance zwischen Eleganz und Ekstase und führte auch mal zu muskulösen Kraftakten. Aber die Verbindung war dennoch ein raffinierter Programmgriff, weil sich im Übergang über den bedrohlich grummelnden Bässen eine Magie einstellte, wie man sie von diesem Orchester auch erwartet.

Angekommen in Luzern

Zum Ereignis allerdings wurden die beiden ersten Suiten zur Ballettmusik «Daphnis et Chloé», die sich unter Chaillys Leitung zu einem musikalischen Füllhorn entpuppten. Da war bestechend, wie sich die aus den orchestertypischen Pianissimi aufbauenden Klanggewebe in durchsichtigen Pastelltönen so mischten, dass es Impressionismus in seinem eigentlichen Wortsinn ist: Die Morgendämmerung war hier ein Wunder an Atmosphäre und steigerte sich doch mit einer Klarheit ins Licht, die so analytisch wirkte wie etwa Claude Monets Lichtstudien. Aber Chailly meisselte umgekehrt – in der «Danse guerrière» der ersten Suite – die archaische Dramatik mit einer rhythmischen Sprengkraft und Wucht heraus, die auf Strawinskys «Sacre du Printemps» verwies. Und wo das Liebespaar zusammenfindet, floss hier in den weiträumigen Bögen das Erbe der Romantik mit ein: Dass Ballettmusik eine Vorform der Filmmusik ist, hört man selten so unmittelbar wie hier in den langen Kamerafahrten durch weite und aufgewirbelte Klanglandschaften.

Nach diesem Konzert stellte sich der Eindruck ein: Chailly ist bei diesem Orchester angekommen, zumal er im jazzig angehauchten «Boléro» zum Schluss einzelnen Solisten jene Freiheit zugestand, die ebenfalls zur Tradition dieses Orchesters gehört.

Die Suche geht weiter

Nicht denselben Eindruck löste das dritte Programm gestern Abend aus. Schon die zwei Ouvertüren des jungen Wagner (Rienzi, Holländer) wirkten hier programmatisch etwas ratlos als Einstimmung auf die siebte Sinfonie von Anton Bruckner, auch wenn dieser sie zur Trauermusik für Wagner deklarierte.

Was folgte, war zwar eine makellose Interpretation dieser Sinfonie. Das äusserste Piano zu Beginn, das Strömen der tiefen Streicher und das zum Delirium gesteigerte Stammeln der Geigen im ersten Satz lagen gar in der Tradition des Orchesters. Chailly setzte eher auf eine organische Entwicklung als auf verstörende Brüche, bot dafür scharfe Kontraste zwischen Schlagkraft und weichem Schwung (Scherzo) und steigerte die Dynamik im letzten Satz zu einer Stärke, mit der die Intensität nicht immer mithalten konnte. Damit war es zwar eine Wiedergabe auf Top-Niveau, das andere Orchester freilich auch bieten. Die eigentliche «Häutung» des Orchesters zu einer neuen Identität, die es über andere Top-Orchester hinaushebt, ist damit auch nach diesem Sommer nicht abgeschlossen.

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