Die Häutungen des Blechtrommlers

Günter Grass gehörte nicht nur zu den bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsschriftstellern. Er war auch über mehr als sechs Jahrzehnte künstlerischer Tätigkeit ein streitbarer und umstrittener Zeitgenosse. 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Peter Mohr
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Selbstbildnis mit Rättin: Eine von Günter Grass' vielen Radierungen. (Bild: akg)

Selbstbildnis mit Rättin: Eine von Günter Grass' vielen Radierungen. (Bild: akg)

Noch vor drei Jahren hatte Grass mit seinem israelkritischen Gedicht «Was gesagt werden muss» stark polarisiert. Als «notwendige Torheit» bezeichnete er später diesen formal hoffnungslos verunglückten und auch inhaltlich fragwürdigen Text. Das war auch eine Facette des Schriftstellers Grass: seine Impulsivität und Unberechenbarkeit.

Schon 2006 schlugen die publizistischen Wellen hoch, als Grass im Vorfeld der Veröffentlichung seines autobiographischen Romans «Beim Häuten der Zwiebel» seine SS-Mitgliedschaft «gestanden» hatte, nach jahrzehntelangem Schweigen. Das Denkmal des aufrichtigen Radikaldemokraten trug zwar einige «moralische Risse» davon, doch die Reputation des Schriftstellers Grass blieb unbeschadet. Dieses offene und durchaus selbstkritische Buch liest sich noch heute wie eine erzählerische Häutung des «Blechtrommlers» Grass. In nüchterner Erzählweise blickt Grass zurück: auf Kindheit und Jugend, in denen er mit Hilfe von Klebebildern erstmals mit der bildenden Kunst in Berührung kam; auf seine späteren Verfehlungen als Jugendlicher, der von den «Helden von Narvik» berauscht war, freiwillig der Waffen-SS beitrat und der sich fragte, ob der Wirrnis seiner Tagträume ein wenig Todessehnsucht beigemengt war.

Mehr Fluch als Segen

Günter Grass hatte es nicht immer leicht im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Der frühe Erfolg der «Blechtrommel» war mehr Fluch als Segen, über viele Jahre wurde sein international anerkannter Erstling als Vergleich herangezogen, um andere Werke zu «verreissen». Es war zwar keine Versöhnung erster Klasse, aber seit der Nobelpreisverleihung vor 15 Jahren ging das deutschsprachige Feuilleton wesentlich behutsamer mit Grass um. Der Respekt vor der bedeutendsten Auszeichnung der literarischen Welt hatte zum Einlenken geführt – auch mit dem unbequemen politischen Zeitgenossen Günter Grass.

«Ja, ich liebe meinen Beruf. Er verschafft mir Gesellschaft, die vielstimmig zu Wort kommt und möglichst wortgetreu ins Manuskript finden will. Am liebsten begegne ich meinen mir vor Jahren entlaufenen oder vom Leser enteigneten Büchern, wenn ich vor Zuhörern lese, was geschrieben und ausgedruckt zur Ruhe kam», erklärte Grass 1999 in seiner Nobelpreisrede.

Mahner und latenter Revoluzzer

Wohl kaum eine andere Romanfigur aus der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur hat so grosse Popularität erlangt wie Günter Grass' Oskar Matzerath aus der «Blechtrommel» (1959). Der kleine Trommler, der aus Protest gegen seine Umwelt sein Wachstum vor Erreichen der 1-Meter-Grenze einstellte, der mit seinen spitzen Schreien selbst Glas zum Bersten brachte (die Verfilmung von Volker Schlöndorff war ebenfalls ein Meisterstück), dieser zwergwüchsige Rebell verkörpert auch ein wenig von Grass' Geisteshaltung: unbequem, gegen den Strom schwimmend, Mahner und latenter Revoluzzer in einer Person.

Ein höchst sensibler Zeitgenosse

Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren und besuchte nach einer Steinmetzlehre als Meisterschüler die Düsseldorfer Kunstakademie. Viele seiner Bücher hat er später mit eindrucksvollen Radierungen und Aquarellen illustriert. 1956 debütierte er mit bescheidenem Erfolg mit dem Lyrikband «Die Vorzüge der Windhühner», ehe ihm 1958 auf der Tagung der Gruppe 47 mit einer Lesung aus der noch unvollendeten «Blechtrommel» der Durchbruch gelang. Mit der meisterlichen Novelle «Katz und Maus» (1961) und dem zweiten Roman «Hundejahre» (1963) erreichte Grass – gerade 36jährig – schon früh seinen ersten literarischen Höhepunkt. Schon zu dieser Zeit nutzte der Autor seine Popularität, um in das aktuelle Tagesgeschehen einzugreifen. In den 1960er-Jahren unterstützte Grass die SPD im Wahlkampf. Er war leidenschaftlicher Verfechter der Brandtschen Ostpolitik. Sein öffentliches Engagement hat ihm freilich mehr Feinde als Freunde beschert.

Vor allem konservativen Kreisen war Grass stets ein Dorn im Auge; seine Bücher wurden oftmals nicht nach dem künstlerischen Wert, sondern nach der Gesinnung ihres Verfassers abgeurteilt. Wenngleich Grass nur noch mit dem «Krebsgang» (2002) an den Glanz der frühen Jahre heranreichte, wurden die späteren Werke viel zu schlecht von der Kritik aufgenommen; die Rezensionen gerieten nicht selten zum peinlichen Feuilletonistenwettstreit um die originellsten Verrisse. Der anscheinend so starke Autor, der in seinem Innern allerdings ein höchst sensibler Zeitgenosse war, zog sich nach Erscheinen seines Romans «Die Rättin» (1987) und der anschliessenden Welle der Kritik nach Indien zurück. Nach seiner Rückkehr erschien der Band «Zunge zeigen».

Kritik unter der Gürtellinie

Der 21. August 1995 ist ein Datum, das Günter Grass nie vergessen hat. Es war ein Montag, der in die Geschichte einging und ein denkbar schlechtes Licht auf den deutschen Journalismus und die Literaturkritik warf. Der «Spiegel» veröffentlichte Marcel Reich-Ranickis vernichtende Kritik des gerade erschienenen Grass-Romans «Ein weites Feld». Die Kritik zielte schon unter die Gürtellinie , da sie nicht literarisch, sondern ideologisch motiviert war. Den Gipfel der Geschmacklosigkeit bot die «Spiegel»-Titelseite mit einer Fotomontage, die den Kritiker zeigte, wie er Grass' Buch zerriss. Das Lesepublikum liess sich von der anschliessenden Kritikwelle nicht beeindrucken – das «weite Feld» wurde zu einem Bestseller.

Grass hat oftmals auf die Angriffe reagiert und Giftpfeile aus dem Köcher gezogen, die so schrill klangen wie einst die Schreie des Trommlers Oskar Matzerath. Seinen Lesern hat er es nie leichtgemacht, literarische Moden waren nie seine Sache, seine Bücher stellten sich meistens quer zum Zeitgeist und ragten wie erratische Blöcke aus dem Wust der Fast-Food-Literatur heraus.

Auf dem Gipfel: Grass nimmt 1999 in Stockholm den Nobelpreis von König Carl Gustaf entgegen. (Bild: epa/Anders Wiklund)

Auf dem Gipfel: Grass nimmt 1999 in Stockholm den Nobelpreis von König Carl Gustaf entgegen. (Bild: epa/Anders Wiklund)

2006 stellt er in Berlin sein autobiographisches Buch «Beim Häuten der Zwiebel» vor. (Bild: ap/Fritz Reiss)

2006 stellt er in Berlin sein autobiographisches Buch «Beim Häuten der Zwiebel» vor. (Bild: ap/Fritz Reiss)

Grass trifft Schriftstellerkollege Max Frisch am SPD-Parteitag in Hamburg 1977. (Bild: ky)

Grass trifft Schriftstellerkollege Max Frisch am SPD-Parteitag in Hamburg 1977. (Bild: ky)

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