Weihnachtsgeschichte
Die grösste Geburtsanzeige aller Zeiten – eine verheissungsvolle Parabel

Die meisten Leuten aus unserem Kulturkreis können sich unter der Weihnachtsgeschichte eine Handlung vorstellen. Bis diese aber so erzählt wurde, wie wir sie heute lesen, mussten die Autoren mehrfach über die Bücher.

Simon Maurer
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Kein Wort über Ochs, Esel oder einen schwarzen König: Gutenberg-Bibel der New York Public Library.

Kein Wort über Ochs, Esel oder einen schwarzen König: Gutenberg-Bibel der New York Public Library.

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Wir glauben, die Weihnachtsgeschichte detailliert zu kennen. Doch die wenigsten wissen, was historisch belegt ist und was im Laufe der Jahrhunderte dazuerfunden wurde. Muss man das wissen? Nein. Feste sind Anlässe mit Traditionen und dazugehörigen Erzählungen, die durch zusätzliche Erfindungen über die Jahrzehnte nur schöner und farbiger werden. Spannend ist es dennoch, was nun historisch belegt werden kann und was nicht. Es gibt von der Weihnachtsgeschichte reichlich viele Varianten – die allerdings an der positiven Kernaussage nichts ändern, oder sie gar verstärken.

Beim alljährlichen Krippenspiel reiten Maria und Josef auf einem Esel zur Volkszählung nach Bethlehem. In der Scheune, in welcher die Jungfrau Maria ihr Kind gebärt, wärmen Tiere die heilige Familie: Ochse, Esel, Schafe finden sich um das Jesuskind ein. Nur: In der ursprünglichen Weihnachtsgeschichte des Neuen Testaments wird keines dieser Tiere genannt. Wie kommen die Vierbeiner also in die moderne Weihnachtsgeschichte?

Keine Tiere an der Krippe

Im Neuen Testament gibt es zwei Texte, welche die Geburt von Jesus Christus beschreiben: das jeweils zweite Kapitel im Lukas- und im Matthäus-Evangelium. Bei Matthäus wird gar kein Tier erwähnt, bei Lukas indirekt: «Und Hirten waren in der Region und lagerten im Feld und hielten Nachtwache über ihre Herde.» Das lateinische Wort für Herde ist hier sehr undeutlich. Es steht für eine Ansammlung von Wesen, ohne spezifisch zu sein, um welche es sich handelt. Vielleicht hat Lukas nicht mal Schafe gemeint, sondern Ziegen.

Neben den beiden Aufzeichnungen aus dem Neuen Testament existierten in den ersten vier Jahrhunderten einige andere Texte, welche das Leben und die Geburt von Jesus beschrieben. In diesen sogenannten Apokryphen, zum Beispiel im Protoevangelium des Jakobus, kommen Ochs und Esel vor. Als die Kirche im vierten Jahrhundert aber entschied, welche Texte sie anerkennt und zum Neuen Testament zusammensetzt, blieben diese Geschichten aussen vor. Obwohl sie im kirchlichen Sinn keine Bedeutung mehr hatten, überdauerten einzelne Elemente dieser Schriften in den Köpfen der Menschen. Als Künstler die Weihnachtsgeschichte später bildlich darstellten, beriefen sie sich auf Erzählungen aus dem Volk und nicht auf lateinische Schriftquellen. Ochs und Esel fanden so ihren Platz in unserer gelebten Weihnachtstradition.

Die drei Könige, von denen einer dunkelhäutig ist, gehören auch zur Tradition. Caspar, Melchior und Balthasar finden das Jesuskind in der Krippe und schenken ihm Weihrauch, Gold und Myrrhe.

Wer waren die Besucher?

Im Matthäusevangelium erhält der neugeborene Jesus tatsächlich Besuch – allerdings nicht von Königen, sondern von Magiern. Deren Namen, Anzahl und Hautfarbe sind unbekannt. Dafür weiss Matthäus, dass sie aus dem Osten kommen. Verbrieft ist ebenfalls, dass sie Weihrauch, Gold und Myrrhe mitbrachten. Möglicherweise stellen wir uns genau drei Besucher vor, weil das zu den drei Geschenken passt.

Auch dass ihnen ein Stern den Weg wies, ist tatsächlich in der Bibel beschrieben. Astronomen betrachten diese Episode des Neuen Testaments aber sehr kritisch. Seit Jahrhunderten versuchen sie, die biblische Himmelserscheinung rational zu erklären. Als der berühmte Astronom Johannes Kepler 1604 eine explodierende Supernova beobachtete, glaubte er, die wissenschaftliche Erklärung der Bibelstelle gefunden zu haben: Das Licht eines explodierenden Sterns habe alle anderen Sterne überstrahlt und sei von den Magiern als Zeichen Gottes interpretiert worden. Heutige Astronomen können allerdings keine Hinweise auf ein solches Ereignis um das Jahr null finden.

Vorgeschlagen wurde auch schon, dass der Adventsstern ein Komet gewesen sein könnte. Dafür spricht, dass er häufig mit einem Schweif dargestellt wurde. Infrage käme am ehesten der Halleysche Komet. Doch er tauchte im Jahre 12 vor Christus am Himmel auf, also einige Jahre zu früh. Am geläufigsten ist heute eine andere Erklärung: Im Jahre sechs vor Christus waren die Planeten Jupiter und Saturn dreimal hintereinander sehr nahe beieinander zu sehen. Den Menschen könnten sie als ein Einziges, besonders helles Himmelsobjekt erschienen sein. Sollte diese Theorie korrekt sein, wäre Jesus also sechs Jahre vor dem Jahr null geboren.

Die zwei Hinweise im Neuen Testament weisen jedoch auf ganz andere Jahre hin. Laut Lukas war die Geburt in dem Jahr, in welchem Quirinius Statthalter von Syrien war: Das ist nach Römischer Zeitrechnung ab dem Jahr 6 nach Christus der Fall. Matthäus dagegen schreibt, dass Jesus zur Zeit von Herodes geboren wurde– dieser starb schon 4 vor Christus. Die Texte aus dem Neuen Testament widersprechen einander.

Auch Tag und Monat der Geburt sind unklar, obwohl wir offiziell am 25. Dezember Weihnachten feiern. In der Bibel findet sich kein Geburtsdatum. Die Christen feierten bis ins vierte Jahrhundert überhaupt kein Weihnachtsfest.

Geboren im März?

Schon damals war umstritten, wann Jesus zur Welt gekommen ist. Die christlich-jüdische Vorstellung war, dass wichtige Propheten am selben Jahrestag sterben, an dem sie geboren wurden – und so nahmen einige an, dass Jesus am 25. März, seinem Todesdatum, das Licht der Welt erblickt habe. Der Tag im März war allerdings ein ungelegener Geburtstermin. Das wichtigste christliche Fest, Ostern, wurde bereits im Frühjahr gefeiert und ein weiterer Feiertag passte nicht hin.

Historiker haben zwei Erklärungsansätze gefunden, wie die Geburt von Jesus in den Dezember gerutscht sein könnte: Laut Erklärung Nummer eins begannen christliche Theologen, Empfängnis und Geburt zu unterscheiden. Demnach empfing Maria das Jesuskind am 25. März und gebar es – genau neun Monate später – am 25. Dezember.

Der zweite Erklärungsversuch geht davon aus, dass die Menschen am 25. Dezember seit je Sonnenwendefeste feierten. Vor 2000 Jahren war der kürzeste Tag des Jahres der 25. und nicht wie heute der 21. Dezember. Die Römer feierten dann zum Beispiel den «Dies Natalis Invicti», den Geburtstag des Sonnengottes. Weil viele Christen diese Feiertage nicht aufgeben wollten, soll die Kirche den Geburtstag von Jesus kurzerhand auf das gleiche Datum gesetzt haben. So hätte Nichtchristen der Übertritt ins Christentum vereinfacht werden können, weil diese ihre Traditionen trotz Religionswechsel behalten konnten. Endgültig beweisen lässt sich keine der Theorien.

Trotz allem: Weihnachten ist keine Geschichtsvorlesung. Sondern eine verheissungsvolle Parabel, eine hoffnungsstiftende Geschichte darüber, wie etwas Gut wurde und auch heute wieder gut kommen kann. Dass das Fest über Jahrhunderte so gereift ist, macht es nur noch wertvoller.