Die grosse Strauss-Katastrophe

Johann Strauss Vater und seine Söhne Johann, Josef und Eduard waren Popstars des 19. Jahrhunderts. Am St. Galler Neujahrskonzert werden ihre Werke gespielt – zumindest jene, die das Feuer überlebt haben.

Rolf App
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Erfreut über die Qualitäten des St. Galler Orchesters: Johannes Wildner. (Bild: Urs Bucher)

Erfreut über die Qualitäten des St. Galler Orchesters: Johannes Wildner. (Bild: Urs Bucher)

Johannes Wildner kommt gerade von der ersten Probe für das diesjährige Neujahrskonzert mit dem Sinfonieorchester St. Gallen und ist ziemlich guter Dinge. «Das Orchester hat eine wahnsinnige Klangkultur. Man merkt, wie gross der Repertoiremix ist, den es spielt – hier in der Tonhalle als Sinfonie-, drüben im Theater als Opernorchester. Dadurch ist es enorm biegsam. Genau das brauche ich für diese Musik, die aus der Volksmusik kommt und in der so vieles nicht in den Noten steht.» Wie das zum Hindernis werden könne, habe er gerade kürzlich erlebt, bei einem Workshop mit dem Young Israel Philharmonic Orchestra: «Mahler ist für diese Musiker kein Problem, aber mit dem Walzer <Geschichten aus dem Wienerwald> von Johann Strauss Sohn haben wir Stunde um Stunde zugebracht. Was gleich aussieht, wird da jedes Mal anders gespielt.»

Der Vater will es nicht

Das Programm des diesjährigen St. Galler Neujahrskonzerts bietet eine fein austarierte Mischung von Bekanntem und Unbekanntem. Die Ouverture zur Operette «Fatinitza» von Franz von Suppè macht den Anfang, mit «Gruss aus Wien» von Robert Stolz klingt das vom Schauspieler Bruno Riedl begleitete Konzert zum Jahresanfang aus. Dazwischen finden sich Stücke von Emile Waldteufel und Emil Nikolaus von Reznicek, vor allem aber von der Familie Strauss: von Johann Strauss Vater und Sohn und von dessen Brüdern Josef und Eduard. Ursprünglich hat der Vater gar nicht gewollt, dass seine Söhne ins riskante Unterhaltungsgewerbe gehen. Aber als Vater und Mutter sich 1843 trennen, lässt diese den ältesten Sohn musikalisch weiterbilden.

Verhängnisvolles Abkommen

Das zahlt sich aus, als der Vater 1849 überraschend stirbt. Jetzt wollen die Musiker, dass der Sohn übernimmt. Er tut es zusammen mit den Brüdern, die später ein verhängnisvolles Abkommen treffen. Sie machen ab, dass der am längsten lebende von ihnen alles Notenmaterial vernichten soll, damit die Konkurrenz sich ihrer Werke nicht bemächtigen kann.

Zwei Wagenladungen Noten

«Das war ein kulturhistorischer GAU», sagt Johannes Wildner. «Eduard Strauss löste 1901 die Strausskapelle auf und liess sechs Jahre später zwei Wagenladungen voller Noten in einem Ziegelwerk verbrennen. Die Tränen sind ihm dabei heruntergekullert, aber erweichen liess er sich nicht.» Aus diesem Grund gebe es fast keine Originale, vor allem nicht die Noten, aus denen die Musiker gespielt hätten. Was existiert, sind oft Rekonstruktionen auf der Basis der gedruckten Klavierauszüge, deren Instrumentierung vom jeweiligen Zeitgeschmack geprägt ist.

Schon Johann Strauss Vater ist enorm bekannt. Zu einem Popstar des 19. Jahrhunderts wird dann aber sein unglaublich produktiver Sohn, nicht unbedingt zur Freude der Obrigkeit. Während der Vater in der 1848er- Revolution auf der Seite des Kaisers steht und nach dem Sieg des Heeres in Oberitalien auf dessen Feldherrn den «Radetzky-Marsch» komponiert, stammen vom Sohn Stücke wie der «Freiheits-Lieder-Walzer» und ein «Revolutions-Marsch».

Strauss propagiert Verdi

So wird Musik zum politischen Kommentar. Auch in jener «Maskenball-Quadrille», die den zweiten Teil des Neujahrskonzerts eröffnet. «Solche Quadrillen waren damals weit verbreitet», erzählt Johannes Wildner. «In ihnen wurden fremde Melodien zu Tänzen verarbeitet.» Dass Johann Strauss Sohn aber gerade Giuseppe Verdis Oper «Der Maskenball» zur Vorlage nimmt, ist politisch heikel – weil der Gefangenenchor aus Verdis «Nabucco» die italienischen Aufständischen inspiriert hat. «Verdi wurde in Wien lange nicht gespielt. Aber man konnte ihn bei Johann Strauss schon einmal kennenlernen.»

Und natürlich auch die Partnerin. «Bei diesen Tänzen konnte man sich näher kommen, einander berühren.» So unterläuft der Tanz eine Etikette, die als immer starrer empfunden wird.

Das Neujahrskonzert des Sinfonieorchesters St. Gallen findet am Freitag. 1. Januar, um 17 Uhr in der Tonhalle St. Gallen statt und wird ab 16 Uhr auf TVO übertragen.

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