Die grosse Panne Leben

In der Lokremise hatte am Freitagabend Friedrich Dürrenmatts Komödie «Die Panne» Premiere. Dürrenmatts Tod jährte sich am 14. Dezember 2010 zum zwanzigsten Mal.

Brigitte Schmid Gugler
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Ein letztes Gläschen auf den Schuldigen, entlarvt von der greisen Runde seiner Ankläger. (Bild: Urs Bucher)

Ein letztes Gläschen auf den Schuldigen, entlarvt von der greisen Runde seiner Ankläger. (Bild: Urs Bucher)

Noch scheint ein Hauch des jüngsten Tages herüberzuwehen; nur wenige Schritte von hier wurde Horváth gegeben, es ging auch dort um eine «Panne». Um eine Zäsur im Ablauf der alltäglichen Routine. Dort ein zu spät gesetztes Signal mit fatalen Folgen, hier eine Autopanne, niemand zu Schaden gekommen, bloss der Fahrer, wo soll er hin für die Nacht? Alt Richter Wucht bietet in Not geratenen Menschen Unterkunft in seinem privaten Landhaus. Hereinspaziert! Das Interieur dem Milieu entsprechend, Geschmack, Grosszügigkeit. Und doch wirkt alles ein bisschen wie bei Roald Dahl, «Schreckmümpfeli»-artig. Hohe Fenster, in denen sich später das Publikum spiegeln kann, ein Flügel (Musik: Nikolaus Woernle), mehrere Tische, weisses Linnen, Kerzenständer. Alles perfekt für die festliche Schlachtplatte, alles perfekt fürs Tribunal. Die von Vinzenz Gertler zurückhaltend gesetzte Ausstattung in Einbezug bereits bestehender Elemente wie die Säulen für die Weinflaschen-Leuchter (tolle Idee) erlaubt gerade die Interpretation zwischen Eleganz und Muffigkeit.

Verschrumpelte Greise

Alfredo Traps spaziert neugierig herein, soviel gehobene Klasse ist ihm noch nicht vorgekommen, seit er vom einfachen Textilreisenden zum Nachfolger seines verstorbenen Chefs aufgestiegen ist - mit Studebaker und Panne. Das Spiel um Schuld, «ein Schuldiger lässt sich immer finden», kann losgehen. Das Theater St. Gallen hat nochmals eine eigene Fassung ausgearbeitet, der Stoff, so scheint's, ist unerschöpflich. Die Regisseurin Elisabeth Gabriel hat gemeinsam mit der Dramaturgin des Schauspiels, Karoline Exner, eine Mischform zwischen den von Dürrenmatt sowohl als Erzählung, Hör- und Theaterstück verfassten Versionen gewählt. Gabriel lässt einige Passagen erzählend vortragen und weitet somit den Radius der Handlung, ohne dabei den Spielfluss zu blockieren. Das ist eine kluge Entscheidung und schält aus der teilweise altbackenen Geschichte wenn auch nicht die Politur eines Groundings, so doch die Kernfrage um Manipulation. Tote gibt's ja eh', ob sie nun tot tot oder lebendig tot sind.

Zu Letzteren darf man die vier schrulligen Rentner - Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und Henker - zählen, die sich im Hause des Richters einfinden, um ihre alten Berufe zu «spielen». Nur noch ein Angeklagter fehlt. Da kommt Traps wie gerufen. Der Hausherr (Diethelm Stix) gibt sich distinguiert; Staatsanwalt (Hans Rudolf Spühler) und Verteidiger (David Steck) kriechen, als wohnten sie immer dort, wie Clochards unter den Tischen hervor, arg zerknittert, verdattert. Aalglatt, lauernd hingegen Bruno Riedl als Henker. Elisabeth Gabriel entlockt dem Vierergespann die Spiellust eines dritten Frühlings, ein Vergnügen, wie sie in Fahrt kommen, sich die Bonmots gegenseitig zuspielen, den «Angeklagten» in die Zange nehmen!

Die Tat gestanden

Traps Falle schnappt zu, oder besser: der Fall Trap-(s) ist eröffnet. Alexandre Pelichet geht den schwierigen Grat nuanciert, man glaubt ihm Arglosigkeit und Verwunderung zutiefst und möchte gern dazwischenrufen: Idiot! Doch das tut schon sein Verteidiger, wenn auch umsonst. Ahnungslos plaudert er sich in Widersprüche. Die Herren geben sich einfühlend, lachen, wenn der ungebildete Traps auf den Schlagabtausch lateinischer Parolen nichts besseres beizusteuern hat als «urbi et orbi». Er findet das Ganze «wie im Märchen» und muss doch bald schon einsehen, dass er der scheinbar intelligenten Rhetorik der geriatrischen Runde nichts entgegenzusetzen hat. Er ist, dessen ist er sich nun sicher, kein «harmloser» kleiner Aufsteiger, der die Frau seines Chefs ein bisschen vernascht hat, sondern ein Schurke, ein Mörder.

Kriegs- und andere Schuld

Bettina Schwarz als dienende Haushälterin Simone, listig, serviert derweil die Gänge, kredenzt in geschliffenem Französisch die Weine, mimt schliesslich noch Frau Gygax. Umwerfend!

Man ist geneigt, sich zu fragen, ob dies ein Stück über die zunehmende Demenz in unserer Gesellschaft ist, eines über die Waffenschutz-Initiative oder doch eines über die Auslegung von «Pannen», im Sinne von Krieg und dessen Folgen - hat doch Dürrenmatt für sein Hörspiel den Preis der Kriegsblinden erhalten. Das war im Jahr 1956, mehr als fünfzig Jahre vor Guantánamo und Abu Ghraib. Am Schluss flimmert ein Filmchen mit Kindheitserinnerungen über das weisse Gewand des «Gekreuzigten» - dann fällt ein Schuss, Traps ist tot. Selbstmord, ist anzunehmen. Warum nur trug der Mann eine Waffe auf sich?

Weitere Aufführungen: Lokremise, morgen Di, Fr 21., Sa 22., So 23., Do 27., Fr 28.1., Mi 2.2., So 6. und Do 10.2., jeweils 20 Uhr; So 13.2. um 17 Uhr