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Schleppender Ticketverkauf: Open Airs sind keine Selbstläufer mehr – auch das Open Air St.Gallen hat zu kämpfen

Mit Montreux hat nun auch das letzte grosse Festival sein Programm bekannt gegeben. Big Names sucht man dieses Jahr auf der Schweizer Festivalkarte vergebens. Dafür gibt es (fast) überall noch Tickets.
Michael Graber
Die Festivalsaison startet bald. Dieses Jahr könnte es da und dort etwas mehr Platz haben als hier am Gurtenfestival 2018. Bild: Anthony Anex/Keystone (Bern, 12.7.2018)

Die Festivalsaison startet bald. Dieses Jahr könnte es da und dort etwas mehr Platz haben als hier am Gurtenfestival 2018. Bild: Anthony Anex/Keystone (Bern, 12.7.2018)

Die Zeiten ändern sich. Vor wenigen Jahren hätte eine solche Geschichte über Festivals Mitte April wenig Sinn gemacht: Es hätte schlicht und einfach ­keine Tickets mehr gegeben. Die grossen Open Airs waren Selbstläufer und oft ­innert kurzer Zeit ausverkauft. 2019 scheint sich der gegenteilige Trend zu bestätigen: Keines der grossen Festivals ist ausverkauft. Sogar für das sonst immer sofort ausverkaufte Paléo in Nyon kann man noch für einzelne Tage Tickets kaufen.

In Christoph Bills Brust schlagen derzeit zwei Herzen. Er ist Geschäftsführer des – ausverkauften – Heitere Open Air und Präsident des Branchenverbands der Konzert- und Festivalveranstalter SMPA. Was macht das Heitere besser als die anderen? Bill winkt ab:

«Ich möchte auch nicht 30'000 Tickets verkaufen müssen.»

Das Heitere Open Air in Zo­fingen ist mit 12'000 Besuchern pro Tag je nach Leseart das Grösste der Kleinen oder das Kleinste der Grossen. «Ein Festival braucht Seele», sagt Bill, «und eine konsequente Linie. Ohne Alleinstellungsmerkmale wird es im gesättigten Markt schwierig.»

Festivals als «Prestigeobjekt»

Von einem gesättigten Markt spricht man seit zirka fünf Jahren, die grosse Explosion ist trotzdem ausgeblieben. Bill sieht den Grund darin, dass man mit Festivals, anders als mit Hallen- und Stadienkonzerten, noch Geld verdienen könne: «Bei Festivals arbeiten wir mit Festgagen, bei Einzelkonzerten sind die grossen Künstler prozentual beteiligt – bei einem garantierten hohen Minimum.» Anders formuliert: Die Veranstalter tragen das volle Risiko, und läuft das Konzert, so profitiert vor allem der Künstler.

Gleichzeitig vermutet Bill, dass auch einige Schweizer Festivals am Schluss eher rote als schwarze Zahlen schreiben:

«Ohne Fremdgeld und Sponsoren könnte man das nicht mehr machen.»

Es gäbe durchaus auch potente Unternehmen und Privatpersonen, die Festivals als eine Art «Prestigeobjekt» sähen und denen finanzielle Verluste recht egal seien. Bill nennt sie nicht, gemeint sind aber beispielsweise das Zermatt Unplugged oder das Zürich Open Air.

Und mittlerweile mischen auch im Schweizer Markt die internationalen Player kräftig mit. Dem Konzertgiganten Live Nation gehört das Open Air Frauenfeld und auch die Bookingagentur Mainland Music. «Das Monopoly läuft weiter», ist sich Bill sicher, «da werden immer Gespräche geführt.» Auch der zweite grosse Player, CTS Eventim, hat wohl Interesse, sein Netzwerk in der Schweiz noch weiter auszubauen.

Kein Eminem im Line-up

Der harte Verdrängungskampf führt zu höheren Gagen. Höhere Gagen führen – verbunden mit Kostensteigerungen in vielen anderen Bereichen –zu höheren Ticketpreisen. Rund ein Drittel teurer sind die Open-Air-Tickets in den letzten zehn Jahren geworden, rechnete SRF im letzten Sommer nach.

Höhere Ticketpreise bezahlen die Leute aber eigentlich nur dann, wenn sie auch etwas ­dafür geboten kriegen. Gleichzeitig bemerkt man, dass es dieses Jahr keine ganz ­grossen Namen in den Festival-Line-ups gibt – Rammstein etwa spielen lieber ein Stadionkonzert in Bern. Etwas in der Liga eines Eminem, der 2018 in Frauenfeld spielte, sucht man vergebens. «Um einen fehlenden Headliner zu kompensieren, braucht man zwei bis drei Mid-Size-Bands», sagt Bill. Und da alle Festivals diese Mid-Size-Bands brauchen, gehen auch deren Gage ständig nach oben.

Was also tun, wenn das Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert? Am spannendsten ist der Versuch am Open Air St.Gallen. Nachdem man im letzten Jahr mit Depeche Mode am Publikum vorbeiprogrammiert hat, versucht man es dieses Jahr mit einem recht abenteuerlichen Mix: Da spielen Die Ärzte neben Cloud Rapper wie Yung Hurn und Rin, und dazwischen wird noch Comedy ­geboten.

Viele Festivals versuchen ein Stück vom Hip-Hop-Kuchen zu bekommen. Keine andere Livemusik boomt derart – während die Rockmusik schwächelt. Dummerweise haben die Hip-Hop-Fans mit dem Open Air Frauenfeld und dem Royal Arena bereits ihre (ebenfalls noch nicht ausverkauften) Festivals. Urteilt man nach den Reaktionen auf Social Medias, vergrault man mehr Stammpublikum indem man Trends nacheifert, als dass man Leute dazugewinnen würde. Bill rät denn auch, bei seiner Linie zu bleiben: «Die meisten Festivals sind gut positioniert in ihrem Segment. Aktivismus hilft da selten.»

Tickets werden immer früher gekauft

Christoph Bill wehrt sich auch gegen den Festival-Pessimismus und betont, dass man noch sehr früh im Festivalsommer stehe, und geht davon aus, dass viele Festivals ihre Gelände doch noch komplett füllen können.

«Und wenn am Schluss 1000 Personen pro Tag fehlen, ist dies bei Festivals mit 25'000 oder mehr Besuchern auch nur ein kleiner Prozentsatz.»

Bill weiss aber auch, dass die Tickets heutzutage eigentlich immer früher ­gekauft werden – kurzfristige Konzert­besuche werden immer seltener. Und er weiss auch, dass 1000 fehlende Besucher zwar nur ein sehr geringer Prozentsatz sind, aber am Ende eben genau oft in diesem Bereich die Gewinnzone eines Festivals liegt. Irgendwann wird der gesättigte Markt wohl seine ersten Opfer fressen.

Montreux Jazz Festival

    Publikum am Jazz Festival. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

    Publikum am Jazz Festival. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

  • Festival: Der Klassiker unter den Festivals – alles im eher gediegenen Rahmen. Neben zahlreichen arrivierten Künstlern gibt es gerade im Rahmenprogramm viele Entdeckungen.
  • Datum: 28. Juni bis 13. Juli
  • Highlights: Elton John, Sting, Bon Iver, The Chemical Brothers
  • Tickets: Einzelne Konzerttickets.
  • Mehr Infos: www.montreuxjazzfestival.com

Paléo Festival Nyon

    Am Peléo gibt es noch ein bisschen Hippie-Feeling. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

    Am Peléo gibt es noch ein bisschen Hippie-Feeling. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

  • Festival: In Nyon stimmt das Gesamtpaket jeweils. Ein guter Mix zwischen bekannteren Namen und Geheimtipps und dazu ganz viel Charme und das beste Essenangebot aller Festivals.
  • Datum: 23. bis 28. Juli
  • Highlights: The Cure, Lana del Rey, Twenty One Pilots, Tash Sultana
  • Tickets: Tagesticket für 73 Franken
  • Mehr Infos: www.paleo.ch

Open Air St. Gallen

    Im Sittertobel sind die Nächte lang und die Musik laut. (Bild: Peer Füglistaller )

    Im Sittertobel sind die Nächte lang und die Musik laut. (Bild: Peer Füglistaller )

  • Festival: Das Sittertobel ist Kult: Legendäre Schlammschlachten und der schönste Zeltplatz der Festivalsaison. Dieses Jahr durchaus ein mutiges, wechselhaftes Programm.
  • Datum: 27. bis 30. Juni
  • Highlights: Die Ärzte, Florence & The Machine, Yung Hurn, Diplo, K.I.Z.
  • Tickets: 4-Tage-Pass für 250 Franken
  • Mehr Infos: www.openairsg.ch

Gurtenfestival

Auf dem Gurten lässt sich gemütlich Musik hören.(Bild: Keystone/Anthony Anex)

Auf dem Gurten lässt sich gemütlich Musik hören.(Bild: Keystone/Anthony Anex)

  • Festival: Auf dem Berner Hausberg bleibt man sich seiner Linie treu: Internationale Headliner neben vielen Schweizer Acts, natürlich mit Fokus auf Künstler aus der Bundesstadt.
  • Datum: 17. bis 20. Juli
  • Highlights: Lauryn Hill, Twenty One Pilots, Editors, Lo & Leduc, Patent Ochsner
  • Tickets: 4-Tage-Pass für 310 Franken
  • Mehr Infos: www.gurtenfestival.ch

Blue Balls

Das Blue Balls vermittelt in Luzern jeweils fast ein bisschen Ferienfeeling. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Das Blue Balls vermittelt in Luzern jeweils fast ein bisschen Ferienfeeling. (Bild: Manuela Jans-Koch)

  • Festival: Das Blue Balls rund um das Seebecken in Luzern zieht über alle Festivaltage rund 100000 Personen an. Das Herzstück sind die Konzerte im KKL, mindestens so wichtig sind aber auch die Konzerte im Rahmenprogramm am Pavillon, im Schweizerhof und auf weiteren Bühnen.
  • Datum: 19. Juli bis 27. Juli
  • Highlights: Xavier Naidoo, Samy Deluxe, Ben Harper, Joss Stone, Katie Melua.
  • Tickets: Tickets für jedes Konzert. Für die Konzerte im Rahmenprogramm genügt ein Festival-Pin.
  • Weitere Infos: www.blueballs.ch

Zürich Openair

Das Zürich Open Air findet nahe dem Flughafen statt. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Das Zürich Open Air findet nahe dem Flughafen statt. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

  • Festival: Das urbanste aller Festivals. Nahe dem Zürcher Flughafen spielt ein ziemlicher Mischmasch aus allen Stilen – darunter hat es viele spannende und exklusive Sachen.
  • Datum: 21. bis 24. August
  • Highlights: Calvin Harris, Billie Eilish, Jungle, Swedish House Mafia.
  • Tickets: 4-Tage-Pass für 219 Franken.
  • Mehr Infos: www.zurichopenair.ch

Openair Gampel

Das Gampel ist das Party-Festival unter den Open Airs. (Bild: Keystone/Manuel Lopez)

Das Gampel ist das Party-Festival unter den Open Airs. (Bild: Keystone/Manuel Lopez)

  • Festival: Das Festival im Wallis hat ein bisschen den Ruf, das «Party-Festival» zu sein, was die Macher mit dem Slogan «Ischi Party» noch befeuern. Dieses Jahr auffällig viel Hip-Hop im Programm.
  • Datum: 15. bis 18. August
  • Highlights: Capital Bra, Bonez MC & RAF Camora, Sunrise Avenue.
  • Tickets: 4-Tage-Ticket für 239 Franken.
  • Mehr Infos: www.openairgampel.ch

Greenfield Festival

    In Interlaken werden zu Rockmusik gefeiert. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

    In Interlaken werden zu Rockmusik gefeiert. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

  • Festival: In Interlaken setzt man konsequent auf Gitarren. Entsprechend überraschungsarm ist das Programm, aber das ist ja eigentlich eine Auszeichnung.
  • Datum: 13. bis 15. Juni
  • Highlights: Slipknot, Die Toten Hosen, Sabaton, Amon Amarth, Millencolin
  • Tickets: 3-Tage-Pass für 218 Franken.
  • Mehr Infos: www.greenfieldfestival.ch

Openair Frauenfeld

Das Open Air Frauenfeld ist das grösste Festival der Schweiz. Bild: Keystone

Das Open Air Frauenfeld ist das grösste Festival der Schweiz. Bild: Keystone

  • Festival: Hip-Hop und Rap werden in Frauenfeld gefeiert. Das grösste der grossen Festivals zelebriert den Hedonismus und liebt es stets, eher zu klotzen als zu kleckern.
  • Datum: 11. Juli bis 13. Juli
  • Highlights: Travis Scott, Cardi B, Future, Marteria & Casper, Trettman
  • Tickets: 3-Tage-Ticket für 235 Franken.
  • Mehr Infos: www.openair-frauenfeld.ch

Heitere Open Air

Bei bestem Wetter lässt es sich auf dem Heitere gut feiern. (Bild: Eveline Beerkircher)

Bei bestem Wetter lässt es sich auf dem Heitere gut feiern. (Bild: Eveline Beerkircher)

  • Festival: Auf dem Zofinger Hausberg gibt man sich familiär. Das Programm ist ein bisschen kommerzieller als anderswo und man hat auch sonst nur wenig Berührungsängste mit anderen Genres.
  • Datum: 9. August bis 11. August.
  • Highlights: Cro, Bastille, Nemo, Die Fantastischen Vier.
  • Tickets: Das Festival ist ausverkauft.
  • Mehr Infos: www.heitere.ch

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