Die Geschichten der Geschichte

Der Westschweizer Roland Buti hat mit «Das Flirren am Horizont» einen Roman geschrieben, der ihm viele Preise eingebracht hat und auch ins Deutsche übersetzt wurde. Ein Besuch bei dem Geschichtslehrer und Autor in Lausanne.

Valeria Heintges
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Dankt im Februar 2014 für den Eidgenössischen Literaturpreis: Der Westschweizer Autor und Geschichtslehrer Roland Buti. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Dankt im Februar 2014 für den Eidgenössischen Literaturpreis: Der Westschweizer Autor und Geschichtslehrer Roland Buti. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Am Anfang war das Ende. Der Tag, an dem der Bauer den Hof verkaufen muss, dessen jahrhundertealte Geschichte zu Ende geht. Von diesem Moment aus tastete sich Roland Buti zurück in die Vergangenheit. Der Autor und promovierte Historiker erfand Gus, den 13jährigen Jungen, den Ich-Erzähler. Er ersann Cécile, die wie ein Fremdkörper in die heile Welt eindringt und sie von innen heraus zerstört. Und er plazierte seine Geschichte in den heissen und trockenen Sommer 1976.

Gesamtschweizerisches Thema

Für «Le Milieu de l'horizon» gewann Roland Buti den Prix Medicis 2013, den Prix du Public de la RTS 2014 und einen der Eidgenössischen Literaturpreise 2014. Jetzt liegt das Buch unter dem Titel «Das Flirren am Horizont» auf Deutsch vor.

Dies ist sein erster Journalistenbesuch aus der Deutschschweiz. Das freut den Lausanner sehr, «denn ich finde, es ist ein Westschweizer Roman mit einem gesamtschweizerischen Thema».

Wer mit Buti durch seine Lausanner Heimat fährt, kann mit Händen greifen, wie recht er damit hat. «Als wir vor 20 Jahren herzogen, war die Gegend total ländlich», erzählt der 50-Jährige auf der Autofahrt von der Metro zu seinem Wohnhaus. Kaum vorstellbar, stehen doch heute überall neue Gebäude. «Es gibt in Lausanne nur noch einen Bauern. Er verkauft sein Rindfleisch im Hofladen an die Leute der Umgebung.»

In «Das Flirren am Horizont» muss Auguste Sutter, den seine Freunde Gus nennen, erleben, wie seine Welt untergeht. «Er entdeckt die Welt der Erwachsenen und wird selbst sehr schnell erwachsen», sagt Buti. Gus' Geschichte geht einher mit dem Versuch des Vaters, von traditioneller zu technisierter Landwirtschaft zu wechseln. Längst sind da Gus' Grossvater und dessen Pferd Bagatelle zum Relikt geworden. Der alte Mann versteckt sich im Stroh, das Pferd ist fast versteinert, und es stinkt.

Als Astronaut im Stall

Gus' Vater hingegen versucht, in das Geschäft mit Massentierhaltung einzusteigen. Plastisch beschreibt Buti, wie der Bauer im astronautenähnlichen Anzug den Stall betritt und die in der Hitze verendeten Hühner in Plastiksäcke stopft.

«Das Naturbild, das Gus' Vater an die Kinder weitergibt, ist sehr mythisch», sagt Buti, «auch sehr schweizerisch, übrigens.» Mitten hinein in den Widerstreit Mensch gegen Tier stellt Buti den Knecht Rudy. Ein liebenswerter Mensch, der «an einer milden Form des Downsyndroms leide», wie man Gus erklärt hat. Rudy hat Mühe mit den Menschen, ein wenig auch mit dem Denken, aber im Umgang mit den Tieren ist er seinen Mitmenschen weit voraus.

Roland Buti ist nicht, wie man denken könnte, auf dem Land gross geworden, im Gegenteil: Er ist ein Stadtkind, hat immer in Lausanne gelebt. Er erinnert sich an den heissen Sommer 1976, weil er als Junge damals täglich ins Schwimmbad gehen konnte.

«Trotzdem erzähle ich die Geschichte meiner Familie», erklärt Buti unumwunden. «Wir waren als Kinder sonntags immer auf dem Land.» 1906 wanderten die Bütikofers aus dem Berner Oberland ins Waadtland ein – den Nachnamen hat Buti zum Autorenpseudonym verkürzt. Dort, bei einem Cousin des Vaters, gab es die Kühe, die Schweine und auch die Hühnerzucht. Und es gab Rudo, den leicht behinderten Gehilfen des Bauern.

Offen erzählt Buti von seinen Beweggründen, seinen Motiven, seiner Arbeitsweise. Umstandslos lädt er den Besuch in sein Haus ein. Gediegen und geschmackvoll ist es eingerichtet, Bücher stehen im Flur und auf dem Treppenabsatz und natürlich im Wohnzimmer. Buti, der verheiratet ist und Vater von zwei erwachsenen Kindern, hat die Strassenschuhe gegen ausgelatschte Hausschuhe getauscht. In weissem Hemd, schwarzen Hosen und mit braunschwarzer Hornbrille auf der Nase, gibt er sich unkompliziert und unprätentiös.

Geschichtslehrer und Autor

Er erzählt von der Arbeit im Garten, wirkt bodenständig, wie einer, der das Leben geniesst und neugierig genug ist, Neues auszuprobieren, aber sich nicht unter Druck setzen lässt. Als Vollzeit-Geschichtslehrer an einer Kantonsschule kann er nur einen Nachmittag pro Woche an seinen Büchern arbeiten. Wenn das nicht klappt, ist es auch nicht schlimm. «Dann eben nicht. Geht es halt nächste Woche. Ich mach mir keinen Stress.»

Schon als Kind wollte er Historiker werden. «Was mich auch damals an der Geschichte faszinierte, waren die Geschichten.» Gute Historiker seien doch immer gute Erzähler, die sich von den Quellen inspirieren liessen.

Auch Buti geht für «Das Flirren am Horizont» von der Tatsache aus, dass reihenweise Landwirte ihre Höfe aufgeben, und begibt sich literarisch in die Vergangenheit zurück. Die lässt er mit ungeheuer starken Bildern, prägnanter Sprache und atmosphärisch dicht auferstehen. Am Ende wird der Hof verkauft und das tote Pferd abtransportiert. Das Villenviertel wächst am Dorfrand.

Roland Buti: Das Flirren am Horizont, Nagel & Kimche 2014, 186 S., Fr. 27.90