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Delia Mayer singt mit
dem Luzerner Sinfonieorchester

Das Luzerner Sinfonieorchester und James Gaffigan boten ein hinreissendes, amerikanisch geprägtes Programm. Ein Violinkonzert des Jazz-Trompeters Wynton Marsalis bewies, dass der Jazz immer noch oder wieder als Klassik-Jungbrunnen taugt.
Urs Mattenberger
Zerbricht an den «Todsünden»: Delia Mayer. (Bild: Pius Amrein (14. Februar))

Zerbricht an den «Todsünden»: Delia Mayer. (Bild: Pius Amrein (14. Februar))

Klassikhörer interessieren sich noch immer für das, was Kritiker schreiben, wie eine Studie der Musikhochschule Luzern ergab. Sie schätzen Wertungen und Einordnungen im Wissen, dass diese subjektiv geprägt sind. Und vielleicht weil das so ist, lassen Kritiker heute umgekehrt Stimmen aus dem Publikum zu Wort kommen. Im Konzert des Luzerner Sinfonieorchesters flogen sie einem am Mittwoch im KKL-Konzertsaal förmlich zu. «Grossartig», schwärmte ein Besucher: «Etwas vom Erfrischendsten, was ich in einem Sinfoniekonzert seit langem gehört habe!»

Dabei meinte er nicht nur die Unbeschwertheit von George Gershwins «Cuban Overture»», die «Tatort»-Kommissarin Delia Mayer als Sängerin in Kurt Weills «Sieben Todsünden» oder das Violinkonzert des Jazz-Trompeters Wynton Marsalis, auch wenn dieses für die grösste Überraschung sorgte. Die Begeisterung galt auch dem Programm als Ganzem.

Dieses übernahm einen Teil des Kritiker-Jobs, so sehr erläuterten sich die Werke gegenseitig. Bei Gershwin hörte man, wie die Verschmelzung von Jazz und Latin-Rhythmen mit einem Sinfonieorchester noch 1932 eine populäre Spielart der Moderne ermöglichten. Weills ein Jahr später uraufgeführte «Todsünden» zeigten, wie Europäer mit Einflüssen der importierten amerikanischen Tanzmusik den umgekehrten Weg gingen. Wynton Marsalis’ Konzert war ein Beispiel dafür, wie heute, nachdem die Avantgarde-Dogmen längst historisch geworden sind, solche Verbindungen neu fruchtbar gemacht werden können.

Exzellente Geigerin

Das zeigte der Beginn des Violinkonzerts im Gegensatz zu Gershwins Ouvertüre. Konnte da das Orchester unter der Leitung seines amerikanischen Chefdirigenten James Gaffigan mit süffigen Streicher- und Bläsersounds und der etwas diskret eingesetzten Perkussion auftrumpfen, löste sich Marsalis’ Violinkonzert langsam aus der Stille heraus, in die es sich – beim Abgang der spielenden Solistin von der Bühne – am Ende wieder zurückzog. Die exzellente Geigerin Nicola Benedetti suchte da nach dem Faden, aus dem sie verträumte Motive ausspinnen konnte – immer körperhafter vor dem luftig aufglitzernden Orchester.

Das Violinkonzert eines Jazz-Trompeters? Schon da war klar, dass Marsalis nicht vordergründig Klischees bedient. Das viersätzige, weit verzweigte Werk ist zwar stark, aber oft nur latent getränkt von Bezügen zu amerikanischer Musik. Die Geige hat den Blues oder spielt als Country-Fiedel wild zum Tanz auf. In einer Kadenz erinnern gezupfte Ghost-Notes an ein Banjo, im Dialog mit der Bratsche von Alexander Besa finden beide Instrumente zu romantischer Innigkeit. Mit Doppelgriffpassagen, ätherisch schwebenden Gesangslinien und virtuoser Raserei ist das Werk auch ein Paradestück für Geiger.

Tatort-Kommissarin als Unschuld vom Land

Dass die Stilanleihen nicht aufgesetzt wirken, liegt daran, dass sie sich in einen rasch wechselnden Strom von Stimmungen zwischen urbaner Polyfonie und ländlichen Idyllen einfügen. Die Durchlässigkeit, die das bewirkt, verlangte dem Luzerner Sinfonieorchester neben markanten Auftritten – imposant die Street Band der Blechbläser – Feinarbeit und Agilität ab und zeigte, welche Stilvielfalt das Orchester unter Gaffigan lustvoll bewältigt.

Wenn man dem vielgestaltigen Stück, das erst im Verlauf der Sätze zu einer klaren Form findet, einen Vorwurf machen wollte, dann wäre es jener der «Völlerei». Sie ist eine der sieben Todsünden, an denen Kurt Weill und Bertolt Brecht kleinbürgerliche Doppelmoral aufs Korn nahmen. Die zweite Überraschung des Abends war die Gestaltung der Doppelrolle der Anna durch Delia Mayer. Die Schauspielerin und Sängerin wahrte, changierend zwischen Sprechstimme und Gesang, den Ton der Unschuld vom Land selbst da, wo die Annas diese im Lasterpfuhl der Städte verkaufen. Und machte die Figur, wenn sie sich sich auf den Tisch am Bühnenrand wie auf einen Opferaltar legte, umso zerbrechlicher.

Es mochte auch an der nicht optimalen Verstärkung liegen, dass sich ihre Stimme selbst da, wo sie sich doch in rohe Verzweiflung steigerte, nur schwer gegen das Orchester behaupten konnte. Dieses zeigte seine Klasse noch einmal darin, wie es den typischen Weill-Sound konturenscharf umsetzte. Wie sehr dieser von klassizistischer Motorik – und nicht von der Latin-Perkussion wie bei Gershwin – angetrieben wurde, war ein Beispiel dafür, wie sich die Werke gegenseitig erhellten. Da wunderte man sich nur, dass das Konzert gut besucht, aber nicht ausverkauft war.

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