Die ganze Welt in einer Geige

Im Rahmen des Konzertprogramms der St. Galler Festspiele hat Igor Keller mit Werken von Bach und Biber vorgestern einen meisterhaften Soloabend in der Schutzengelkapelle gegeben.

Charles Uzor
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Igor Keller (Bild: pd)

Igor Keller (Bild: pd)

Es ist ein kluges Konzept der St. Galler Festspiele, der grossen Oper stille Kammermusik gegenüberzustellen. Igor Kellers Konzert mit Werken von Bach und Biber stellt grosse Gefühle intim und kommunikativ dar.

Bachs Sonaten und Partiten sind für ambitionierte Violinisten Pflicht und Kür. Der im Elsass geborene Igor Keller spielt die fürchterlich schweren Stücke mit seltener Eleganz und Innigkeit. Durch seine grosse klangliche und rhythmische Ausdruckspalette erhalten die Tänze Gestalt und mal den erhabenen, mal den melancholischen Ton. Man empfindet gleichzeitig noble Unterhaltung, Handwerk und Meditation.

Im ersten Satz der g-Moll-Sonate erstaunt Kellers schlichte Expressivität: Regelmässiger Puls, saubere Doppelgriffe, Kontrapunkt, alles fügt sich ein. In der Fuge spürt man die Kunst der bewussten Absichtslosigkeit, Keller lässt die Musik selbst sprechen, jeder Ton folgt einer diskreten Dramaturgie verwobener Dialoge und feiner Zwischenspiele. Nach den vertrackten, immer wieder schrägen Schritten des etwas erdenschweren Sicilianos gelingt im Schlusssatz ein feines Geflecht rhythmischer Strukturen. Das Stück vergeht, bevor es ganz ins Ohr kommen kann, und hinterlässt eine erfüllte Stille.

Rosenkranz-Geheimnisse

Im Gegensatz zu Bachs Abstraktionen steht die Bildhaftigkeit der sechzehn Rosenkranzsonaten Heinrich Ignaz Franz Bibers. Zu jeder Sonate gehörte eine Kupferstichvignette mit Darstellungen verschiedener freudenreicher, schmerzensreicher und glorioser Geheimnisse des Rosenkranzes.

Die 16. Sonate in g-Moll ist die einzige für Solovioline und ist dem Schutzengelfest gewidmet. In seiner Interpretation der Passacaglia variiert Keller phantasievoll das ostinate Vierton-Motiv. Berückend schön die Fülle der Stimmungen dieses Perpetuum mobile, eindrücklich wie das simple Lachrymae zum dreistimmigen Kontrapunkt wird oder wie Keller von der grossen Phrasierung zum verspielten Springbogen wechselt. Bibers kindlicher Ton weicht in Bachs d-Moll-Partita einer tiefen Schwermut, die nicht nur den Ciaccona-Satz, sondern das ganze Werk bestimmt.

Keller unterordnet sich nicht den Kategorien barocker «Authentizität». Jeder Ton erfüllt – mit und ohne Vibrato, mit kurzem oder langen Bogen, mit starkem Druck oder federleicht – seine Funktion im vielgestaltigen verinnerlichten Ausdruck.

Stille und laute Klage

Dieses Phrasieren erklärt nicht, sondern bringt hervor, mit schier unendlicher Phantasie verbindet es Ton und Gedächtnis. Man gibt sich der schlichten Klanggeste der Allemande ebenso hin wie den Kaskaden leidenschaftlicher Virtuosität im Corrente oder dem eleganten, langsam bewegten Tanz der Sarabande. Höhepunkt ist die holzschnittartige Ciaconna, eine dualistische Interpretation stiller und lauter Klage, die unter die Haut geht. Igor Keller ist ein Ausnahmekünstler, ein Glück, ihn als ersten Konzertmeister in St. Gallen zu haben. Man hofft, er möge lange bleiben.

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