Die Fülle des Lebens ausgeschöpft

Die Künstlerin Roswitha Merz starb am vergangenen 2. März in der Altersresidenz Hof Speicher. Im dort beheimateten Museum für Lebensgeschichten fand letztes Jahr ihre letzte Ausstellung statt. «Schöpfen durch Schöpfen» verwies im doppelten Sinne auf ihre Werke, die sie aus Zellulosemasse schuf.

Brigitte Schmid-Gugler
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Roswitha Merz (1941 – 2016) (Bild: ky/Karl-Heinz Hug)

Roswitha Merz (1941 – 2016) (Bild: ky/Karl-Heinz Hug)

Es war im Jahr 1995 gewesen, als Roswitha Merz ihre Installation mit dem Titel «Identität» auf den Sommersberg transportierte. Sie bestand aus einer dicken Papierscheibe und hatte einen Durchmesser von über drei Metern. Über Monate lag sie auf einer Waldwiese und veränderte sich durch die Witterungseinflüsse konstant. Der Fotograf Mäddel Fuchs, der selber auf dem Sommersberg lebt, fotografierte die einzelnen Stadien der Arbeit. Daraus entstand ein grossformatiges Faltbuch mit stimmungsvollen Schwarz-Weiss-Bildern.

Verwandlung im Lebenskreis

Mehr als zwanzig Jahre später, nach dem Tod der 1941 geborenen Künstlerin, mutet der Bilderzyklus an wie ein bildhaftes Gleichnis von Werden und Vergehen – auch das des Menschen. Die Papierscheibe, erst als ein grosser kreisrunder «Teppich» von weitherum sichtbar, löste sich nach und nach auf, zerfiel in kleinste Stücklein und wurde schliesslich Teil des Erdreichs. Die «Frohnatur», wie Roswitha Merz' Ehemann, alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz seine Gattin gerne bezeichnete, liebte die Natur. Das Experiment. Die Aktionskunst. Die Metamorphose. Das Schöpferische im Schöpfen von Papier. Darauf hatte sich die aus Düsseldorf Stammende seit Ende der 1980er-Jahre konzentriert und mit dieser Technik endlich zur Kunst gefunden. Es war ein langer Weg gewesen dorthin. Zwar hatte sie seit ihrer Schulzeit künstlerische Ambitionen gehabt, doch diese hielten sie nach dem Vorkurs dann doch nicht an der berühmten Kunstakademie ihrer Heimatstadt, wo Roswitha Schüller, wie sie ledig hiess, in jenen Jahren vermutlich von Josef Beuys unterrichtet und neben Künstlern wie Blinky Palermo und Jörg Immendorf studiert hätte. Sie zog die Modebranche vor und kam 1963 als Zuschneiderin nach Herisau in die Textilfirma Merz. Hier heiratete sie 1968 den Sohn des Hauses und wurde Mutter von drei Söhnen. Ihre Kreativität und kunsthandwerklichen Neigungen lebte sie während ihrer Familienzeit in Form von Scherenschnitten, Porzellan- und Seidenmalereien, mit Zeichnen, Aquarellieren und Fotografieren aus. Im Jahr 1999 wurde sie Mitglied des Vorstandes und der Programmkommission des Kunstvereins St. Gallen.

Späte Anerkennung

Mit ihrer eigenen künstlerischen «Identität» hatte sie es jedoch schwer in professionellen Kunstkreisen. Sie musste um Anerkennung kämpfen. Ausserdem hielten sie die repräsentativen Pflichten als Bundesratsgattin von ihrer eigenen Tätigkeit ab. Sie selber äusserte sich einmal dahingehend, nicht zu wissen, ob sich die Leute für ihre Arbeit oder «nur» für ihren Mann interessierten. Nachdem sie im Dachatelier St. Gallen einen Kurs in Papierschöpfen belegt hatte, begann – nunmehr in ihrem dritten Lebensabschnitt – ihr eigentlicher professioneller Output, welcher in mehrere Ausstellungen, Installationen und Aktionen im öffentlichen Raum mündete. Die Kunsthistorikerin Elisabeth Keller-Schweizer kuratierte im Jahr 2003 auf Schloss Wartensee ihre Ausstellung mit dem Titel «Transformationen» und richtete auch die Ausstellung im Hof Speicher im vergangenen Jahr ein. In der gleichzeitig erschienenen Publikation umkreiste sie gemeinsam mit Hans-Rudolf Merz Leben und Werk der Künstlerin. Erwähnt ist darin auch die Arbeit mit dem Titel «Wintertagebuch»: Sie hatte eine Papiermasse in ein riesiges Schöpfsieb und dieses ins Schwimmbecken gesetzt. Während den Wintermonaten verfing sich darin organisches Material. Nun, nach schwerer Krankheit, hat sich auch Roswitha Merz' Seele ins Wintertagebuch gebettet.

Roswitha Merz' Installation «Identität» auf dem Sommersberg, fotografiert von Mäddel Fuchs im Jahr 1995. (Bild: Mäddel Fuchs)

Roswitha Merz' Installation «Identität» auf dem Sommersberg, fotografiert von Mäddel Fuchs im Jahr 1995. (Bild: Mäddel Fuchs)