Theater

«Die frühere Regierung gab uns Geld, die jetzige gibt uns Themen»

Der ungarische Regisseur Béla Pintér befürchtet, dass in seinem Land die rechtsextreme Jobbik Regierungspartei werden könnte.

Susanna Petrin (Interview) und Peter Petrin (Übersetzung)
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Béla Pintér arbeitet in seinen Stücken Ungarns Vergangenheit auf und beleuchtet die Gegenwart kritisch.

Béla Pintér arbeitet in seinen Stücken Ungarns Vergangenheit auf und beleuchtet die Gegenwart kritisch.

Rechtsnationalismus, Rassismus und antidemokratische Tendenzen prägen seit einigen Jahren Ungarns Politik. Unter Ministerpräsident Viktor Orbán und seiner rechtskonservativen Partei Fidesz hat es die kritische, freie Theaterszene schwer. Ihr wurden massiv Gelder gekürzt. Davon betroffen ist auch der Regisseur Béla Pintér. Mit seinen so klugen wie vielseitigen Stücken hat er internationale Bekanntheit erlangt. Nach Basel war sein neues Stück «Unsere Geheimnisse» nun auch am Festival «Politik im Freien Theater» in Freiburg im Breisgau zu sehen. Dort haben wir Béla Pintér (44) zum Gespräch getroffen. Herr Pintér, was halten Sie von den aktuellen Demonstrationen gegen Ministerpräsident Viktor Orbán und seine Regierung. Machen sie Ihnen Hoffnung, dass sich etwas an der Situation in Ungarn ändern könnte?

Béla Pintér: Hoffen ist gut, aber ändern wird sich nichts. 10'000 Demonstranten sind für die Opposition bereits ein Erfolg, aber die Fidesz-Partei schafft es problemlos, mehrere 100'000 Sympathisanten für ihre Anliegen zu mobilisieren. In Ungarn wird sich nichts ändern. Im Gegenteil, ich befürchte, dass es noch schlimmer kommt: Die rechtsextreme Partei Jobbik wird immer stärker. Es könnte passieren, dass sogar ich, beileibe kein Fidesz-Anhänger, Fidesz wählen werden muss, nur um den Sieg der noch rechteren Jobbik zu verhindern.

Gibt es wählbare Alternativen, Hoffnungsträger in der Politik?

Nein. Die die früher regierenden Parteien haben versagt und jeglichen Kredit verspielt. Die einzige Macht neben Fidesz ist Jobbik.

Offenbar fallen Rassismus, Populismus und Rechtsnationalismus in Ungarn auf fruchtbaren Boden. Was denken Sie, warum spricht diese Politik so viele Ungarinnen und Ungarn an?

In Ungarn sind die Menschen von der Politik sehr enttäuscht. Schon seit dem Vertrag von Trianon nach dem Ersten Weltkrieg, bei dem Ungarn massive Gebietsverluste hinnehmen musste, fühlen sie sich benachteiligt und erniedrigt. Von der Systemänderung und vom Anschluss an die EU hat das Volk sich eine wesentliche Verbesserung seiner Lebensumstände erhofft – das ist nicht eingetreten. Aus der folgenden Enttäuschung und Verbitterung hat sich ein Hass gegen das globale Grosskapital, die Banken und die «alt bekannten Feinde» entwickelt – die Juden und die in Ungarn zahlreich lebenden Roma.

Offenbar wählt sogar Ihre eigene Mutter Fidesz.

Ich lebe seit meinem 16. Lebensjahr nicht mehr bei meiner Mutter. Sie lebt auf dem Land und ist katholisch; es kann sein, dass dort in den Gottesdiensten gesagt wird, man solle gottesfürchtig Fidesz wählen.

Sie sind ein kritischer Theatermacher. Hat man Sie schon einzuschüchtern oder zu bestechen versucht?

Das nicht. Aber seit Fidesz 2010 an die Macht gekommen ist, sind die Gelder für die freie Theaterszene halbiert worden. Einige Jahre sind sie ganz ausgefallen oder erst viel später ausbezahlt worden. Die Situation war demütigend und verunsichernd. Vor kurzem hat sie sich konsolidiert. Aber seit den Parlamentswahlen vom Frühling ist es erneut unsicher, wie die freie Szene künftig von der neu gebildeten Regierung unterstützt wird.

Haben all diese Abgründe in Ihrer Heimat nicht trotz allem auch etwas Gutes für Sie, indem Sie ein relevantes Theater machen können, dem wichtige Stoffe nicht so schnell ausgehen?

Die frühere Regierung gab uns Geld, die jetzige gibt Themen. Nicht alle unsere Stücke beschäftigen sich mit Politik, aber «Unsere Geheimnisse» zum Beispiel widerspiegelt viele Aspekte der aktuellen Situation. Unser Theater stösst in Budapest auf viel Interesse: Unsere Vorstellungen sind immer ausverkauft.

Mit Ihrem Theater, das Ideologien und Rassismus entlarvt, scheinen Sie sich im Namen einer Minderheit gegen diese Tendenzen zu stellen. Glauben Sie, damit etwas bewirken zu können?

Kurzfristig nicht, aber langfristig können wir vielleicht bei der kommenden Generation eine andere Denkweise bewirken. Wir haben ein Publikum, das aufgrund der aktuellen Politik mit uns leidet. Aber auch liberale Fidesz-Anhänger besuchen unsere Vorstellungen; wenn sie unruhig werden, kann das zu Diskussionen führen, die neue Einsichten bringen.

Warum haben Sie sich gerade fürs Theatermachen entschieden?

Ich habe zuerst eine Lehre als Lederwarenfacharbeiter absolviert. Aber ich habe schon früher in der Schule Gedichte vorgetragen und meine Klasse mit Sprüchen unterhalten. So kam es, dass ich dann die Kunsthochschule besuchte, wo ich weiterhin wirke. Von da an habe ich nie etwas anderes als Theater gemacht. Diese Kunst zu leben, befriedigt mich vollkommen. Ich schreibe, führe Regie, spiele. Mein Ehrgeiz ist, dass jede Vorstellung ein Erfolg wird. Ausserdem schätze ich den täglichen Kontakt mit dem Publikum.

Sie zeigen Ihre Figuren stets von allen Seiten, mit ihren Stärken und Schwächen. In «Unsere Geheimnisse» weckt ein verzweifelter Pädophiler nicht nur Abscheu, sondern auch Mitgefühl. In «Miststück» betrügt der politisch-korrekte Biobäcker seine Frau mit der Adoptivtochter. Ist es Ihnen ein grosses Anliegen, nicht schwarz-weiss zu malen, sondern differenziert zu sein?

Ja. Auch in der Literatur ist die Wirkung umso besser, je umfassender die Schattierung der Figuren ist. Mir ist es wichtig, die Motivation der Menschen darzustellen. Sie sind nicht von Geburt an böse oder gut; ihre Beweggründe müssen nachvollziehbar sein, damit man sich mit ihnen identifizieren kann.

Wenn man als Zuschauer mal glaubt, eine Figur zu kennen, geben Sie ihr oft eine neue Wendung. Feilen Sie lange an Ihren Theaterdramaturgien?

Meine Schauspieler-Kolleginnen und -Kollegen und der Dramaturg unterstützen mich stark bei der Entwicklung der Stücke. Oft lege ich ihnen 20 bis 30 Werkseiten vor, die wir dann spielend probieren. Sie geben mir kritische Rückmeldungen, und ich feile danach weiter an den Texten. Manchmal ändere ich die Figuren noch mal stark. Istvan Balla Ban zum Beispiel hatte ich am Anfang so konzipiert, dass er seine Pädophilie nicht auslebt, kein Kind schädigt. Im Verlauf der Proben haben wir gemerkt, dass es doch besser ist, wenn er sich am Kind vergreift; damit wird seine dunkle Seite sichtbarer.

In welche Richtung möchten Sie Ihren künstlerischen Stil weiterentwickeln?

Mein Ziel ist stets die gute, erfolgreiche nächste Vorstellung. Wenn es Sinn macht, möchte ich weiterhin auf die aktuelle Politik reagieren. Aber auch ohne solche Impulse kann ich Stücke schreiben. Wichtig ist für mich deren Wahrhaftigkeit.

Wann käme für Sie der Punkt, aus Ungarn auszuwandern?

Nur im äussersten Fall. Ich bin in Ungarn erfolgreich, ich schreibe Ungarisch, ich bin in Ungarn zu Hause. Ich würde bis zum Letzten kämpfen, um im Land bleiben zu können.