Die Frau hinter dem Seufzer

Begleitend zur grossen Nelly-Sachs-Ausstellung «Berlin – Stockholm» ist eine materialreiche Bildbiographie der Lyrikerin und Nobelpreisträgerin erschienen.

Bettina Kugler
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Nelly Sachs (Bild: Kungliga biblioteket/Stockholm)

Nelly Sachs (Bild: Kungliga biblioteket/Stockholm)

Ein brauner Lederkoffer mit Kleidern, Manuskripten und Fotografien, dazu ein paar Andenken: Das ist alles, was Nelly Sachs an Habseligkeiten mitführt, als sie im Sommer 1940 mit einem der letzten zivilen Flugzeuge Berlin Tempelhof verlässt und kurz darauf schwedischen Boden betritt. Einiges davon muss sie noch am Zoll abgeben, auch Manuskripte.

Sie werden ihr nicht fehlen, denn in Schweden beginnt für die knapp Fünfzigjährige ein neues Leben. Die vier Quadratmeter ihrer Schreib-«Kajüte» werden zum Mittelpunkt des Universums; dreissig Jahre Exil liegen vor ihr. Symbol ihres Flugs in die Freiheit ist eine Holzfigur aus ihrem Nachlass, ein kleiner Globetrotter in Holzpantinen und roter Mütze: Nils Holgersson. Eine Postkarte von Selma Lagerlöf, geschrieben im Jahr 1921, gehört zum gut gehüteten «Schatz» der Dichterin.

Sie lernt Schwedisch, beginnt Lyrik zu übersetzen, legt bald den romantischen Ton ihrer frühen Gedichte ab. Künftig sind es die Schreckensbilder der Schornsteine, die sie nicht mehr loslassen werden.

Ihre Biographie tritt in den Hintergrund; in einem Brief bittet die spätere Nobelpreisträgerin den Freund Walter A. Berendson, hinter ihrem Werk verschwinden zu dürfen: «Ich will, dass man mich gänzlich ausschaltet – nur eine Stimme, ein Seufzer für die, die lauschen wollen.»

Verwischte Spuren

Dass die wortmächtige Lyrikerin einerseits die verbliebenen Erinnerungsstücke so liebevoll hütete und gleichzeitig biographische Spuren bewusst verwischte, macht die Aufarbeitung der vielen bislang unbekannten Fotos, Manuskripte, der Briefe, Ton- und Bildaufnahmen äusserst spannend. Das Jüdische Museum in Berlin hat 2010 das Material sinnlich inszeniert.

Später wanderte die Schau nach Stockholm, derzeit ist sie in Zürich zu sehen: auf engstem Raum, was ein Gefühl gibt für die existenzielle Platznot, die Nelly Sachs nach einer behüteten grossbürgerlichen Kindheit und Jugend im Berlin der Nazizeit erfuhr.

Das 4-Quadratmeter-Werk

In aller Ruhe nachlesen, was die Ausstellung komprimiert zeigt, den vielfältigen und interessanten Beziehungen nachgehen kann man mit Sachs-Biograph und -Herausgeber Aris Fioretos,

der die Dokumente in einem umfangreichen Bildband ausbreitet und kundig deutet – eng am Werk der wortmächtigen Dichterin.

Aris Fioretos: Flucht und Verwandlung. Bildbiographie. Suhrkamp, Berlin 2010, Fr. 44.– Die Ausstellung im Strauhof Zürich ist noch bis 28. Februar zu sehen.

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