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Die Fratze des Kapitals

Wirtschaftsgeschichte Die Ausstellung Kapital im Landesmuseum Zürich sucht die Anfänge unseres Wirtschaftssystems und findet sie im mittelalterlichen Venedig und im frühneuzeitlichen Amsterdam. Ein Konzept mit spannenden Einsichten, die nicht so historisch sind wie gedacht. Valeria Heintges
Steuereintreiber waren schon um 1500 nicht sehr beliebt. Gemälde von Quentin Massys, Öl auf Holz, entstanden nach 1501. (Bild: Liechtenstein. The Princely Collections, Vaduz-Vienna)

Steuereintreiber waren schon um 1500 nicht sehr beliebt. Gemälde von Quentin Massys, Öl auf Holz, entstanden nach 1501. (Bild: Liechtenstein. The Princely Collections, Vaduz-Vienna)

Die Steuereintreiber sind hässlich. Lange Nasen, tiefe Falten, dazu geschürzte Lippen und stechender Blick beim einen, griesgrämiges Gesicht und gerunzelte Stirn beim anderen. Ein Diamantengehänge an der Mütze, ein dicker Ring am Finger – das Rechnen mit spitzer Feder macht sich anscheinend schon im Jahr 1500 bezahlt.

Das erste Exponat macht den Besuchern des Landesmuseums Zürich klar: Das Thema «KAPITAL» in Grossbuchstaben hat fratzenhafte, aber auch sehr interessante Seiten. Die Schau mit dem Untertitel «Kaufleute in Venedig und Amsterdam» zeigt, wie die Seerepublik Venedig und die Handelsstadt Amsterdam zu Reichtum kamen und was zu ihrem Untergang führte. Und wie die Instrumente unseres Wirtschaftssystems entstanden.

Zwei Handelsstädte am Meer

Venedig und Amsterdam liegen am Meer, beide haben als Städte am und auf dem Wasser nur eine geringe Fläche für ihre Ausbreitung zur Verfügung, beide verdanken ihren Reichtum dem Seehandel. Kaufleute aus Venedig beherrschen ab dem 13. Jahrhundert den Mittelmeerraum, denn der konnte von Stützpunkt zu Stützpunkt befahren werden, da die Schiffe immer in Sichtweite des Festlandes bleiben. Über fünf Jahrhunderte häuft die Stadt riesige Reichtümer an, kann aus Prestigegründen die grössten Künstler der Zeit an sich binden.

Als Vasco da Gama den «Seeweg nach Indien» entdeckt, muss die «Serenissima Repubblica di San Marco» umdenken und zur Stadt der Manufakturen werden. Plötzlich liegt sie fernab der Seerouten, beschäftigt sich zunehmend mit sich selbst und verliert in Kriegen – der Niedergang ist besiegelt.

Investition in die Konkurrenz

Jetzt schlägt die Stunde der Amsterdamer Kaufleute. Sie beherrschen im 17. Jahrhundert, ihrem «Goldenen Zeitalter», den Handel von Spanien und den beiden Amerika bis nach Jakarta, das damals noch Batavia hiess, und weiter bis Japan. Ihre Reichtümer fliessen nicht in Repräsentationsbauten, sondern kommen auch der Allgemeinheit zugute.

Doch als die Stadt den Seekrieg gegen den Konkurrenten England endgültig verliert, trauen die eigenen Bürger dem Wohlstand nicht mehr. Sie ziehen sich aufs Land zurück und investieren – ausgerechnet! – in die englische Industrie. Der Konkurrent erstarkt, Amsterdam verliert.

Spannend zu sehen, welche Technik für den Seehandel nötig ist. In den Venedig-Räumen liegen handgezeichnete See- und Küstenkarten in den Vitrinen, dazu Uhren, Waagen, Bücher mit Umrechnungstabellen und zum Lernen fremder Sprachen und Schriften. Modelle von Schiffen werden gezeigt, die mit bis zu 200 Tonnen beladen über die Meere fahren. Die anschliessenden Amsterdam-Räume zeigen hingegen gedruckte Atlanten und Oktanten, mit denen die Breitengrade bestimmt werden. Die Schiffe laden jetzt schon 800 Tonnen.

Der Seehandel funktioniert, weil ihn technischer Fortschritt möglich macht und weil die Wirtschaft neu organisiert wird. Dazu gehört das «Liber Abaci», in dem Leonardo von Pisa, genannt Fibonacci, 1202 den Dreisatz als Rechenbasis erörtert und dazu aufruft, die römischen Zahlen abzuschaffen, weil sie für komplizierte Rechnungen nicht taugen. Er plädiert erfolgreich dafür, die arabischen Zahlen und das uns heute bekannte Dezimalsystem einschliesslich der Null zu nutzen. 1494 stellt der Franziskanermönch Luca Pacioli die Methode der doppelten Buchführung vor; auch sie gibt Kaufleuten bis heute Überblick über ihren Besitz und ihre Lagerbestände.

Anteile werden versteigert

Um die kostspieligen Fahrten zu finanzieren, lässt der venezianische Stadtstaat die Schiffe in eigenen Arsenalen bauen und versteigert dann im Incanto-System einzeln oder gebündelt 24 Anteile an der Galeere, die «carati». Bald entstehen Handelsgesellschaften, die die Exkursionen organisieren, und die Anteile werden gehandelt. Das Geschäft gleicht, so Ausstellungskurator Walter Keller, «einer frühen Form des Public Private Partnership».

Zudem wird das Prinzip der Geldverleiher von Banken abgelöst. Der Begriff bezeichnet das Möbelstück, auf dem die Geldverleiher zunächst Platz nahmen. Daher auch der Begriff Bankrott, denn wenn die «banca rotta» war, konnte der Verleiher nicht mehr darauf sitzen.

Den Grundstock des Reichtums in Amsterdam bildete die «Verenigde Oostindische Compagnie», kurz VOC. Sie gilt als erste Aktiengesellschaft der Welt: Zwischen Anfang und Ende August 1602 zeichneten über tausend Investoren VOC-Papiere, darunter Kleininvestoren und weniger vermögende Leute. Später wurden diese Papiere, die «acties», an der «Beurs» gehandelt. Erst auf freier Strasse, ab 1608 in einem eigens dafür errichteten Gebäude. Prompt erlebte die Welt die erste Börsenblase: Seit den 30er-Jahren des 17. Jahrhunderts wurden Tulpenzwiebeln immer begehrter. 1637 kostete eine einzige Zwiebel einer besonderen Art 10 000 Gulden und damit so viel wie ein teures Stadthaus. 1637 platzte die «Tulpenblase» und der Zwiebelmarkt brach zusammen.

Unverständliche Lücken

Die eher wirtschaftsfreundliche Ausstellung hat Lücken, endet abrupt im modernen China und überspringt die industrielle Revolution komplett. Das ist unverständlich und falsch. Aber was sie ihren Besuchern, auch in sehr gut gemachten Kurzfilmen, über die Ursprünge des Kapitalismus erzählt, ist äusserst sehenswert.

KAPITAL. Kaufleute in Venedig und Amsterdam. Noch bis 17.2.2013 im Landesmuseum Zürich. www.kapital.landesmuseum.ch

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