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Die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln

«Justiz» nach dem Roman von Friedrich Dürrenmatt am Schauspielhaus Zürich dauert über fünf Stunden. Regisseur Frank Castorf findet in dem Stück mit quälenden Längen erstaunlich viel Schweiz
Tobias Gerosa
Das unbestrittene Kraftzentrum in "Justiz": Alexander Scheer als Rechtsanwalt Spät. (Bild: Matthias Horn)

Das unbestrittene Kraftzentrum in "Justiz": Alexander Scheer als Rechtsanwalt Spät. (Bild: Matthias Horn)

Es ist nach Mitternacht, als Friedrich Dürrenmatt auf die Bühne des Schauspielhauses tritt. In seinem unverkennbaren, schweren und schwer bernisch gefärbten Deutsch erzählt er das Ende des Romans «Justiz». Ueli Jäggi, an die Säule der Bellevue-Tramstation gelehnt, spricht grossartig ruhig, ohne zu karikieren: Es geht um Gerechtigkeit und es geht um diesen kleinen Staat, in dem die bis dahin fünf Stunden mit direkten und indirekten Anspielungen gespielt haben.

Aleksandar Denic hat eines seiner typisch verschachtelten Drehbühnenbilder gebaut: Das Dach des Zürcher Bellevue, das benachbarte Edelrestaurant Kronenhalle (das bei Dürrenmatt Du Théâtre heisst), das Le Corbusier-Haus im nahen Seefeld und dazu ein Pornokino von der Langstrasse. Live-Videos vermischten die Innen- und Aussenräume auf drei Leinwänden.

Szene in "Justiz" am Schauspielhaus Zürich nach dem Roman von Friedrich Dürrenmatt. (Bild: Matthias Horn)

Szene in "Justiz" am Schauspielhaus Zürich nach dem Roman von Friedrich Dürrenmatt. (Bild: Matthias Horn)

Wirtschaftskrieg und Gesellschaftskritik

In diesem zürcherischen Setting wird Professor Winter erschossen, alle sehen es, und Dr. h. c. Kohler versucht auch nicht zu fliehen (Robert Hunger-Bühler spielt ihn passend als unfassbare Leerstelle). Grund habe er keinen, er beauftragt aber den jungen Rechtsanwalt Spät, den Fall zu untersuchen unter der Prämisse, dass es einen andern Mörder gebe. Bis zum Fazit, dass ein Mord helfen könne, wenn die Justiz keine Gerechtigkeit schaffe im heimlichen Wirtschaftskrieg.

Dürrenmatt geht es in seinem auch beim Lesen sehr verschlungenen Roman rasch nicht mehr um die Handlung, dem Regisseur Frank Castorf, dem stilprägenden Ex-Intendanten der Berliner Volksbühne, ebenfalls nicht.

Dürrenmatt geht es in seinem auch beim Lesen sehr verschlungenen Roman rasch nicht mehr um die Handlung, dem Regisseur Frank Castorf, dem stilprägenden Ex-Intendanten der Berliner Volksbühne, ebenfalls nicht. Und das ist das Hauptproblem. Solange die Inszenierung nah an der Romanhandlung bleibt, ist sie grossartig vielschichtig und toll gespielt. Neben Jäggi und der leider wenig beschäftigten Julia Kreusch und dem fiebrigen Jan Bülow brilliert Nicolas Rosat in den wechselnden Rollen von Späts Widersachern. Castorf gönnt dem Publikum zwar die Rahmenhandlung, welche hilfreich sortiert und einordnet. Einmal noch lässt er nach der Pause (sowieso dem konziseren Teil) den grossartig präsenten Alexander Scheer, das unbestrittene Kraftzentrum dieser Aufführung, in einem Rückblick aus der Rolle Späts treten.

Szene in "Justiz" nach dem Roman von Friedrich Dürrenmatt am Schauspielhaus Zürich. (Bild: Matthias Horn)

Szene in "Justiz" nach dem Roman von Friedrich Dürrenmatt am Schauspielhaus Zürich. (Bild: Matthias Horn)

Kraft und Verzettelung

Da wird - absolut im Castorf-Stil, dieser faszinierenden Mischung aus theatraler Kraft, schauspielerischer Entäusserung bei gleichzeitiger Hinterfragung des Textes - so viel deutlicher, worum es geht, als in den verrätselnden Einschüben (aus urheberrechtlichen Gründen nur von Dürrenmatt selber) oder der Besetzung der heimlichen Zentralfigur Monika Steiermann mit einem Neunjährigen, ohne die Figur irgendwie einzuführen. Das unterläuft dann eben doch den Ansatz, die scharfe Schweiz-Analyse Dürrenmatts, die Rollen der Wirtschaft und Doppelmoral zwischen Langstrassen-Huren und Kronenhalle zu demaskieren und schafft quälende Längen.

Das unterläuft dann eben doch den Ansatz, die scharfe Schweiz-Analyse Dürrenmatts, die Rollen der Wirtschaft und Doppelmoral zwischen Langstrassen-Huren und Kronenhalle zu demaskieren und schafft quälende Längen.

Der überlange Abend erinnert so an eine Opera Seria, wie sie bis zu Mozarts Zeiten geschrieben wurde: Die Handlung läuft da fast ausschliesslich in den Rezitativen, während in den ausgedehnten Arien lang die Seelenzustände und Motivationen besungen werden. Bei Castorf sind die Rezitative fast vollständig gestrichen, wichtig ist die Atmosphäre (brillant der Soundtrack des Abends!), sind die Monologe, die Gedanken hinter dem schnöden Krimi.

Damit ist Castorf dann, das zeigt der überzeugende Schluss, ganz bei Dürrenmatts philosophischem Roman. Den hat man vor dem Theaterbesuch allerdings besser gelesen.

«Justiz» wird noch bis am 27. Mai am Schauspielhaus Zürich aufgeführt.

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