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Die Feier des Einzelkämpfers

Er ist einer der grossen Erzähler des US-Kinos. Clint Eastwood, der sich gegen politische Vereinnahmung seiner Filme wehrt, besingt sehr amerikanisch die Stärke des Individuums.
Andreas Stock
Clint Eastwood bei den Dreharbeiten zu «Sully». (Bild: Bobby Bank/GC Images/Getty (New York, 07. Oktober 2015))

Clint Eastwood bei den Dreharbeiten zu «Sully». (Bild: Bobby Bank/GC Images/Getty (New York, 07. Oktober 2015))

Ein typischer Clint-Eastwood-Film – für diesen Satz würde einen der 86jährige US-Amerikaner mit jenen zugekniffenen, schmalen Augen anblicken, die schon manchen Bösewicht das Fürchten lehrten. Denn wenn der Regisseur und Schauspieler in den seltenen Interviews etwas nicht mag: dass man ihn in irgendwelche Schubladen verstauen will; seien sie nun politischer oder filmbiographischer Natur. Tatsächlich wird diesem herausragenden Geschichtenerzähler des US-Kinos nicht gerecht, wer ihn vorschnell in Kategorien zwängt. Solchen Zuordnungen ist Clint Eastwood einerseits längst entwachsen, anderseits hat er sie in seiner 60 Jahre langen Karriere eindrücklich widerlegt – sich zu wiederholen ist ihm zum Greuel geworden.

Und trotzdem: «Sully», seine neuste, mittlerweile 38. Regiearbeit, die in den USA bereits erfolgreich läuft und am 1. Dezember in die Schweizer Kinos kommt, scheint so ein Eastwood-Stoff. «Sully» erzählt vom Flugkapitän Chesley B. Sullenberger, der am 15. Januar 2009 eine defekte Maschine der US-Airways mit 155 Menschen an Bord auf dem Hudson River notlandete.

Mutige, auf sich gestellte Männer

Ins Zentrum stellt Eastwood aber nicht die heroische Tat, sondern die Tatsache, dass die nachfolgende behördliche Untersuchung dem Piloten fast die Laufbahn ruiniert hätte. Damit befinden wir uns mitten in einem Leitthema von Eastwood, das seine Regiearbeiten ebenso wie seine Rollenwahl durchzieht. Denn beinahe immer wird von Männern erzählt, die mutig und eigensinnig, teils selbstlos oder von unerschütterlichen Überzeugungen angetrieben ihren Weg gehen. Meist auf sich gestellt, trotzen sie den Hindernissen, die sich ihnen in den Weg stellen. Seien das Serienkiller und Mörder wie in den «Dirty Harry»-Filmen oder Gangster und korrupte Sheriffs in Western wie «Pale Rider» und «Unforgiven». Seien es bürokratische, gesellschaftliche oder politische Hürden. Beispielsweise im Nelson-Mandela-Film «Invictus», im Sterbehilfe-Boxerdrama «Million Dollar Baby» oder nun in «Sully».

Er finde Dramen interessant, in denen Charaktere grosse Hürden zu meistern haben und dabei ein Konflikt entstehe, meinte Eastwood gegenüber einem Interviewer einmal, der das filmische Schaffen zu fassen versuchte. «Ich halte mich nicht für einen intellektuell Suchenden, alles geschieht eher instinktiv; man muss seinen Instinkten vertrauen», umschreibt er seine Themenwahl. Es ist verblüffend, mit welchem Pragmatismus er künstlerische Entscheidungen und seine Karriere erklärt: «Wenn mir eine Geschichte gefällt, verfilme ich sie.»

Geschäftsmann mit voller Kontrolle

Oft wurde versucht, die ikonische Filmpersona mit dem Menschen Eastwood gleichzusetzen. Der namenlose, schweigende Revolverheld in der «Dollar Trilogie» von Sergio Leone, und der verbitterte Polizist Harry Callahan mit seinem störrischen Gerechtigkeitssinn. Stets hat er solchen Vergleichen widersprochen: «Das war nur eine Figur, die ich gespielt habe.» Doch der Mythos dieser Rollen ist mächtig. Die asketischen, schweigsamen Einzelgänger und ihr Kampf gegen Böses und Ungerechtigkeiten hatten Eastwood früh zu einem Markenzeichen gemacht. Und später auch in zahlreichen Filmen in subtileren Variationen und differenzierteren Fortschreibungen aufgegriffen.

Der Instinkt, auf den sich Eastwood beruft, legt jedoch sehr wohl Zeugnis über einen Menschen ab, den man zweifellos als einen US-Amerikaner von altem Schrot und Korn bezeichnen kann. Der antibürokratisch und konservativ tickt und individuelle Freiheit höher schätzt als staatliche Eingriffe. Das wird beim Geschäftsmann Eastwood deutlich. Bereits 1967 gründete er die eigene Produktionsfirma Malpaso, mit der er alle seine Filme produziert. Weil er schnell dreht und die Budgets einhält, geniesst er vom Studio Warner Bros. alle Freiheiten; Eastwood hat die volle Kontrolle über seine Filme.

«Vielleicht kann man mir vorwerfen, dass ich altmodisch bin. Von einer Zeit träume, als die Dinge einfacher waren, ehrlicher. Die Macht der Bürokratie wächst im Verhältnis, wie die Probleme der Gesellschaft komplexer werden. Ich fürchte, die individuelle Freiheit wird dabei zum unzeitgemässen Traum», sagte Clint Eastwood bereits 1984. Diese Überzeugung hat sich nur verstärkt. Die Unzufriedenheit darüber akzentuierte seine politische Position. 1986 liess er sich für zwei Jahre zum Bürgermeister seiner Heimatstadt Carmel, 190 km südlich von San Francisco, wählen. Er bilanzierte danach, er sei «mental nicht dafür geschaffen, Politik zu seinem Beruf zu machen». Zu den Republikanern bekannte er sich öfters. Besonders medienwirksam 2012 mit einer eher peinlichen Rede am Parteitag der Republikaner. Diesen Sommer sprach er sich noch für Donald Trump aus – «auch wenn er viele Dummheiten sagt».

Der Patriot Eastwood unterscheidet sich jedoch vom Künstler Eastwood. Der hat sehr wohl einen differenzierteren, teils illusionslosen Blick auf das Leben. Und so prägend seine uramerikanischen Einzelkämpfer sind, eindimensionale Comic-Superhelden sind sie nicht. Sondern ambivalente Charaktere, die ihre Widersprüche haben.

Mehrdeutigkeit im Schnörkellosen

Beispielsweise der egozentrische Regisseur in «White Hunter, Black Heart», hinter dem sich John Huston erkennen lässt, und den Eastwood selbst spielt und zwischen kritischem Abstand und Sympathie inszeniert. Oder das Biopic «J. Edgar» über J. Edgar Hoover, der wie kaum einer die Macht jener Bürokratie verkörpert, die Eastwoods Figuren so hassen. Dennoch zeichnet er den Machtmenschen, der mit seinen inneren Dämonen kämpft, respektvoll. Und im Zwillingsfilm «Flags of Our Fathers» und «Letters from Ivo Jima» schildert er den Krieg im Pazifik aus amerikanischer und aus japanischer Perspektive. Wer hinschaut, findet im Kino von Clint Eastwood oft eine Mehrdeutigkeit, die man ob seines schnörkellosen Inszenierungsstils kaum erwartet.

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