Spa statt Spannung: Das Zürcher Theater Neumarkt wird zur Wellness-Oase

Noch bis zum 16. Februar kann man sich im Zürcher Theater Neumarkt in einer täuschend echten Wellness-Zone verwöhnen lassen mit Saunagängen und Gesundheitsbehandlungen. Wozu soll das gut sein?

Julia Stephan
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Auf der Guckkastenbühne des Theater Neumarkt steht neuerdings eine finnische Sauna.

Auf der Guckkastenbühne des Theater Neumarkt steht neuerdings eine finnische Sauna.

Bild: Philip Frowein

Der Besuch einer Theateraufführung ist im besten Fall inspirierend. Durch den Besuch eines Wellness-Tempels ist wahrscheinlich noch niemand menschlich gewachsen. Hier gähnt einen die Leere an – aus den Augen von Pseudo-Buddha-Statuen und leeren Schlafkojen. Wellness-Anlagen sind eine merkwürdige Erfindung.

Ausgerechnet diese mit pseudoreligiösen Symbolen aufgeladenen, unpersönliche Orten sind heutzutage für unser seelisches und physisches Wohlbefinden zuständig. Auch deshalb haben wahrscheinlich weit mehr Menschen eine Wellnesszone von innen gesehen als ein Theater. Denn Theater hat ein mieses Image. Es ist elitär, anstrengend, unbequem. Wer geht da in seiner Freizeit schon freiwillig hin?

Einschlafen mit Adalbert Stifter

Genau so kriegen wir euch, muss sich das Zürcher Theater Neumarkt gedacht haben, das derzeit alles tut, um ja nicht den Anschein zu erwecken, dass bei ihm Theater stattfindet. Mit einem gewaltigen Aufwand haben die Neumarkt-Co-Leiterinnen Hayat Erdogan und Julia Reichert mit dem Kulturwissenschaftler Philipp Hauss das Theaterhaus für zehn Tage in eine Wellness-Oase verwandelt. Der dahinter stehende, erweiterte Theaterbegriff heisst «Mimikry». In der Biologie meint das: Kopiere die äusseren Merkmale deines Feindes, damit du nicht gefressen wirst.

Die Tarnung ist perfekt. Am Eingang händigt man mir einen weissen Bademantel aus und empfiehlt eine Verweildauer von zwei bis drei Stunden. Saalschwester Brandy Butler nimmt mich in Empfang. Nach Auswertung meines Fragebogens, auf dem ich Angaben zu meinem Schlaf-, Sport-, Ess-, Rauch- und Alkoholkonsumverhalten machen muss, empfiehlt sie mir mehrere Behandlungen, darunter eine Chefarztsprechstunde mit einer (echten) Trendforscherin, eine geführte Saunareise und das Paket «Dying Well», das mir eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod ermöglichen soll. Eine Erfindung? Mitnichten. Ein Wellness-Trend des Jahres 2019.

Auf der Guckkastenbühne steht eine finnische Sauna mit Duschen, auf den Zuschauerrängen liegen Matten, Kissen und Kopfhörer mit Youtube-Meditationsmusik. In einem Floating-Tank treibe ich minutenlang im Salzwasser. Schauspieler Jakob Leo Stark liest mir als Einschlafhilfe aus Adalbert Stifters «Nachsommer» vor.

Der Abend plätschert ironiefrei dahin. Subversive, die Ruhe störende Aktionen bleiben aus. So anspruchslos hat man selten einen Theaterabend verbracht. In der Diskretion ist für Dramatik kein Platz. Ist das Rache an all jenen, die Theater unbequem finden? Oder ist das einfach der Spass spielender Kinder, die die Erwachsenenwelt mit Playmobil nachbauen und sich daran berauschen? Das Neumarkt behauptet ja neuerdings, auch ein Playground (Spielplatz) zu sein.

Auch Wellness braucht gute Geschichten

Wellness und Theater teilen trotzdem viel miteinander: die Rituale, der Hang, jede Banalität zum Erlebnis zu erklären – vor dem Eingang kann man mit zwei Schauspielerinnen rauchen und trinken, weil das in einer gesundheitsvernarrten Gesellschaft etwas Exklusives ist. Und zu Wellness gehört wie zum Theater eine gute Geschichte. Etwa die vom angeblichen Fund der Bilgeri-Heilquelle im Neumarkt-Theater. «Das Wasser braucht 28 Jahre, bis es hier ankommt», erklärt mir die Schauspielerin Sascha Ö. Soydan, als ich vor der in Pseudomarmor umfassten Quelle stehe. Ich halte ein Glas Wasser in der Hand, das mit Mikromengen LSD angereichert sein soll und mich an so manches «vitalisierte» Wasser erinnert.

«Wellness Retrotopia» zieht ihren Reiz nicht nur daraus, einer echten Anlage zum Verwechseln ähnlich zu sehen und perfekt in den Zeitgeist zu passen. Sie aktualisiert diskret den Wellness-Ideenreichtum vergangener Tage mit historischen Fotos von Kurhäusern und alten Apparaturen.

Nach meinem letzten Saunagang bleibt mir nur noch eins: Ich springe in den eiskalten Brunnen in der Zürcher Altstadt, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Aber erst, nachdem ich mit meiner Unterschrift erklärt habe, dass diese Form des zivilen Ungehorsams auf meinen eigenen Mist gewachsen ist.

Mimikry: Wellness Retrotopia. Eine immersive Wellness-Archäologie. Theater Neumarkt, Zürich. Bis 16.2. Montags Ruhetag. www.theaterneumarkt.ch