Die Faszination von Demontage und Dynamik

Der Türke Nuri Bilge Ceylan erbringt in «Winter Sleep», Gewinner der diesjährigen Palme d'Or von Cannes, während 196 Minuten den Beweis atemloser Spannung auch in extremster zeitlicher Zerdehnung – in einem Geniestreich voller kluger Dialoge und schierer visueller Überwältigung.

Geri Krebs
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Gewinner der «Goldenen Palme» in Cannes: «Winter Sleep». (Bild: Trigon)

Gewinner der «Goldenen Palme» in Cannes: «Winter Sleep». (Bild: Trigon)

In einer der ersten Szenen von «Winter Sleep» fahren zwei Männer im Geländewagen durch das kleine Dorf mit seinen spektakulären Felsen und Höhlenwohnungen im zentralen Hochland von Anatolien, das den Schauplatz des Films bildet. Plötzlich knallt mit voller Wucht ein Stein auf die Windschutzscheibe, fast verliert der Chauffeur die Kontrolle, kann das Auto gerade noch stoppen. Er steigt aus, ein Knabe rennt weg, eine wilde Verfolgungsjagd beginnt.

Western und Lethargie

«Once Upon a Time in Anatolia» hiess 2011 Nuri Bilge Ceylans vorheriger Film, und so wie der türkische Regisseur dort mit dem Titel auf einen Italo-Western-Klassiker anspielte, dabei aber in Zeitlupe einen vertrackten Thriller entwickelte, so entfaltet er in «Winter Sleep» mit besagter Szene eine Dynamik, die in scheinbarem Widerspruch zum Filmtitel steht. Und wenn einige Sequenzen später Wildpferde durch eine Prärielandschaft galoppieren und kurz darauf eines dieser Tiere mit dramatischem Kraftaufwand von einer Art anatolischem Cowboy eingefangen wird, wähnt man sich für einen Moment in einem veritablen Western – bevor sich jene Lethargie ausbreitet, die weite Teile von «Winter Sleep» prägt.

Hauptfigur im Film ist Aydin, einst ein gefeierter Schauspielstar auf Istanbuls Theaterbühnen. Heute betreibt der wohlhabende Endfünfziger zusammen mit Nihal, seiner jungen Frau, in besagtem Dorf ein Hotel, schreibt nebenbei für die Lokalzeitung erbauliche Kolumnen und verwaltet im Dorf einige Mietshäuser. Es war Aydin, der in der eingangs erwähnten Szene zusammen mit seinem Verwalter im Geländewagen sass, doch was es mit jenem beschriebenen Zwischenfall weiter auf sich hatte, sei hier nicht verraten.

Während die gelangweilte Nihal sich mit der Unterstützung von Wohltätigkeitsprojekten die Zeit vertreibt, will Aydin die nun beginnende, alles lähmende Wintersaison mit einem Buchprojekt überbrücken. Gesellschaft leistet dem Paar, das sich längst auseinandergelebt hat, Aydins frisch geschiedene Schwester Necla. Was Überheblichkeit, Standesdünkel und messerscharfen Sarkasmus betrifft, ist Necla ihrem Bruder durchaus ebenbürtig. Auch sie hat es aus Istanbul an dieses anatolische Ende der Welt verschlagen, und als im Verlaufe des Winters die Spannungen mit den Dorfbewohnern wachsen, beginnt sich auch die scheinbare Harmonie innerhalb des Trios in Luft aufzulösen.

Überwältigende Landschaft

In grandiosen Innenansichten und Landschaftstableaus von überwältigender Schönheit lässt Nuri Bilge Ceylan sich für die Darstellung dieses Prozesses und für die Demontage von Aydin alle Zeit der Welt. Selber sieht Aydin sich gerne als humanistisch gesinnten Intellektuellen, ist in Wirklichkeit aber nur ein selbstgefälliger Despot, ein alterndes Ekel.

Im Umgang mit Licht und Schatten zeigen Ceylan und sein Kameramann Gökhan Tiryaki – er war schon in früheren Filmen mit von der Partie – dies in einer Art und Weise, die deutlich macht, dass sie zu den grössten Bildpoeten des heutigen Weltkinos gehören. Und auf der Wortebene brilliert «Winter Sleep» – der sich im Abspann explizit als «von Tschechows Dramen inspiriert» bezeichnet – mit messerscharfen Dialogen von kaum zu überbietender Präzision. Dass dabei die schillernde Figur des Aydin auch als Anspielung auf den sich immer autokratischer gebärdenden türkischen Präsidenten gesehen werden kann, ist von Regisseur Ceylan durchaus beabsichtigt. In seiner Dankesrede in Cannes widmete er seinen Preis ausdrücklich «jenen jungen Menschen in der Türkei, die im vergangenen Jahr das Leben verloren haben».

Winter Sleep: Mi, 3.12., 14 Uhr, Sa, 6.12., 17.30 Uhr, Mo, 8.12., 18.30 Uhr, Sa, 13.12., 19.30 Uhr, So, 21.12., 10.30 Uhr, Mi, 24.12. 16 Uhr, Kinok, St. Gallen; weitere Kinos folgen.