«Die Farben waren mir ein Glück»

Das Stadtmuseum Lindau setzt mit dem deutschen Expressionisten Emil Nolde (1867–1956) seine erfolgreiche Reihe mit Ausstellungen zur Kunst der Klassischen Moderne fort. Im Mittelpunkt stehen Ölbilder und Aquarelle.

Florian Weiland
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LINDAU. Man verbindet seinen Namen mit norddeutschen Landschaften. Die flache Landschaft im deutsch-dänischen Grenzgebiet mit tiefliegendem Horizont und hohem, dramatischem Himmel ist eines der zentralen Bildthemen von Emil Nolde. Doch der Norddeutsche liebte auch die Schweiz. Nolde kommt 1892 nach St. Gallen, um eine Stelle als Zeichenlehrer zu übernehmen (siehe «Emil Nolde und die Rosenwangen», Ausgabe vom 18. 2. 2015). Er bleibt fünf Jahre, wird Mitglied des Schweizer Alpen-Clubs und unternimmt zahlreiche Klettertouren. Er besteigt sogar das Matterhorn.

Farbintensive Blumen

Noldes Begeisterung für die Schweizer Bergwelt schlägt sich auch in seiner Kunst nieder. Das Aquarell eines Bergsees, das jetzt in Lindau zu sehen ist, zeugt davon. Im Vordergrund ragen Tannen auf. Hinter dem See thronen die Berge. Kühle Blau- und Violetttöne prägen die stimmungsvolle Abendlandschaft. Ungleich farbintensiver sind Noldes Blumen- und Gartenbilder. Sie dürfen in der Ausstellung nicht fehlen, gehören sie doch zu den bis heute populärsten Bildmotiven Noldes. Es sind unverfängliche Bilder, die ihre Wirkung vorrangig aus ihren leuchtenden Farben beziehen.

Ein weiterer «Blockbuster»

Zum fünften Mal in Folge widmet sich das Lindauer Stadtmuseum der Kunst der Klassischen Moderne. Bewusst setzt man auf populäre Künstler, regelrechte «Blockbuster», um neben Besuchern aus der Region auch ein touristisches Publikum anzulocken. Bisher ging der Plan auf: 250 000 Besucher sahen die letzten vier Ausstellungen zu Picasso, Chagall, Miró und Matisse. Ob sich der Erfolg mit Nolde wiederholen lässt? Die Chancen stehen gut, auch wenn Nolde, der zu den bedeutendsten expressionistischen Künstlern gehört und zeitweise Mitglied der Künstlergruppe Brücke war, nicht unumstritten ist.

Die Debatte entzündet sich an Noldes Verhältnis zum Nationalsozialismus. Auf einer Texttafel wird in der Ausstellung oberflächlich darauf eingegangen. Es steht ausser Frage, dass Nolde rechtes Gedankengut teilte, mehr als nur ein Mitläufer war. Er hielt seine Malweise für «urgermanisch». Joseph Goebbels besass mehrere Bilder von Nolde. Hitler dagegen konnte den norddeutschen Maler nicht ausstehen. 1937 wurden über tausend seiner Werke aus deutschen Museen entfernt – eine Zahl, die belegt, wie ungeheuer erfolgreich Nolde bis dahin war. Noldes Kunst gilt fortan als «entartet», er erhält Ausstellungsverbot. Seine Kunst, betonen die Ausstellungsmacher, hätte somit dazu geführt, dass aus Nolde kein nationalsozialistischer Künstler geworden sei.

Porträtstudien als Höhepunkt

Die Lindauer Ausstellung beschränkt sich auf knapp vierzig Arbeiten. Für die Qualität bürgt Roland Doschka. Der mittlerweile 75-Jährige ist einer der renommiertesten Kuratoren Deutschlands, und Lindau kann zum fünften Mal von seiner Erfahrung – und seinem Netzwerk – profitieren. So ist es Doschka unter anderem gelungen, zwei noch nie öffentlich gezeigte Porträtstudien für die Ausstellung zu gewinnen. Sie hängen neben den später ausgeführten Ölgemälden. Die Viererkombination, prominent an die Stirnwand des letzten Saales gehängt, ist der Höhepunkt der Lindauer Schau. Die beiden Studien sind Noldes Reihe der «Ungemalten Bilder» zuzurechnen. Mit Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt, malt Nolde sie ab 1938 in Seebüll, wohin er sich zurückgezogen hat. Hunderte kleinformatige Aquarelle entstehen. Einige Bildthemen greift Nolde nach 1945 als Ölbilder wieder auf.

Die Ausstellung betont Noldes Gespür für Farben. Zwar wird zum Auftakt eine kleine Auswahl früher grafischer Arbeiten gezeigt, aber im Mittelpunkt stehen die in kräftigen und leuchtenden Farben gemalten Ölbilder und Aquarelle. «Die Farben waren mir ein Glück. Es war, als ob sie meine Hände liebten», hat der Künstler einmal gesagt. Oftmals verwendet er reine Primärfarben. Die räumlich-perspektivische Darstellung wird immer weiter aufgegeben. Die Kompositionen werden flächiger.

Picasso, Chagall, Miró und Matisse. Die Ausstellung will keine Retrospektive sein. Man konzentriert sich auf einige wichtige Themen und Aspekte in Noldes Werk. Dennoch bekommt man, beinahe, den ganzen Nolde geboten: Landschaften, Gartenszenen und Blumenstillleben, ein eindrucksvolles Selbstbildnis, Noldes unnahbare Frauenporträts und ambivalente Doppelfigurenbilder, zum Schluss ein stimmungsvoller Sonnenuntergang. Vor dem Eingang zum Museum sind Blumenbeete und Strandkörbe aus Sylt aufgestellt. Sie sollen an Noldes Garten und seine norddeutsche Heimat erinnern. Touristischer Schnickschnack, den diese Ausstellung nicht nötig hat.

Bis 30. August, Stadtmuseum Lindau; Mo–So 10–18 Uhr www.museum-lindau.de

Zwei Werke aus der Lindauer Ausstellung: Ein Selbstbildnis (ohne Datum) und das Gemälde Dahlien und blaue Clematis (1950-1954). (Bild: Nolde Stiftung Seebüll)

Zwei Werke aus der Lindauer Ausstellung: Ein Selbstbildnis (ohne Datum) und das Gemälde Dahlien und blaue Clematis (1950-1954). (Bild: Nolde Stiftung Seebüll)