Die Farbe regiert

Seit zehn Jahren arbeitet der St. Galler Ivo Zingg an seinen Farbfeldkompositionen. Nun sind seine Werke in der Galerie vor der Klostermauer zum allerersten Mal ausgestellt.

Kristin Schmidt
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Ivo Zingg «tritt» aus dem Bild in der Galerie vor der Klostermauer. (Bild: Coralie Wenger)

Ivo Zingg «tritt» aus dem Bild in der Galerie vor der Klostermauer. (Bild: Coralie Wenger)

Die Farben fallen zuerst auf. Grün, Orange, Rot, Inkarnat, Braun, Hellblau – die Farben leuchten, sie ergänzen, bereichern, konkurrenzieren sich auch. Ivo Zingg hat ein untrügliches Gespür für Farben – genauso wie für Balance und Spannung. So bringen Schwarz und Weiss die Töne zum Leuchten und sind gleichzeitig Gewichte oder Freiräume im Bild. Ein hellgrüner Streifen vor grüner Fläche wird beispielsweise durch einen schwarzen Balken am Rand akzentuiert und gefestigt. Oder eine weisse Fläche öffnet das Bild und hellt es gleichzeitig auf. Olivgrün wird eingefasst von Orange und Hellgelb und mutet dadurch wie ein Gold- oder Bronzeton an. Hellblau und Schwarz sorgen für Kontraste, wirken als Farbverstärker oder -vermittler.

Eigene Wege gehen

Die Vielfalt der Farben ist in ein klares kompositorisches Prinzip gefasst. Ivo Zingg (geboren 1945) konstruiert seine Bilder aus Farbflächen mit einfachen geometrischen Grundformen. Er hat technisch so lange experimentiert, bis er mit der Farbrolle das Mittel für einen perfekt gleichmässigen Farbauftrag fand. Er verzichtet auf einen sichtbaren Pinselduktus und damit auf die persönliche Handschrift des Künstlers, um homogene Farbfelder erzeugen zu können. Damit betont er die Fläche genauso wie mit den äusserst trennscharf ausgeführten Konturlinien. Doch er verliert den Raum nicht aus dem Blick. Durch das Nebeneinander von Hell und Dunkel, von Klein und Gross entwickelt Zingg räumliche Bezuge. Jedes Werk ist reiner Form- und Farbgedanke. Und es ist nicht nach bestimmten Regeln konstruiert, sondern Zingg setzt Quadrate, Balken und Linien intuitiv zueinander. Rechte Winkel sind häufig, aber nicht zwingend. Sie erfahren gerade im Zusammenspiel mit Diagonalen oder Spitzen eine eigene Dynamik. Es kommt auch vor, dass eine gerade Linie plötzlich einen Haken schlägt und eine Fläche so zur expressiven Form wird. Ivo Zingg unterwirft sich keiner künstlerischen Doktrin. Seine Gemälde zeigen, dass er sich mit der Kunstgeschichte auseinandergesetzt hat. Konkrete Kunst, Konstruktivismus, auch Hard Edge sind ihm wohlbekannt, doch er ahmt nicht nach, sondern sucht seinen eigenen Weg. Dies seit 10 Jahren und autodidaktisch. Der Maschinenzeichner hat die grossen Vorbilder studiert, kennt sie gut und kann sich dennoch von ihnen befreien oder denkt sie weiter. So gelingt es ihm, in einem fünfteiligen Werk einen Formenablauf zu inszenieren. Er manifestiert sich in den gemalten Flächen und in den ungewöhnlichen Leinwandformaten. Ausgehend von einem extremen Hochformat in monochromem Braun entwickelt Zingg eine Bildfolge, die sich immer weiterdenken lässt.

Was im Kopf geschieht

Häufig wählt der St. Galler Künstler die Form des Diptychons für seine Farbton- und -felduntersuchungen. Die Komposition wird hier stets gespiegelt. Die Symmetrieachse liegt genau zwischen den beiden Leinwänden. Eines dieser zweiteiligen Gemälde hat Zingg um ein drittes erweitert: Im Triptychon wird die Bildanlage mit einem Mal erweitert. Zwei der grünschwarzen Tafeln sind von einem geschlossenen, rechtwinkligen Balkensystem dominiert, während in der dritten Tafel die Balken diagonal geführt werden und aus dem Bild zu streben scheinen. Der Maler zeigt eine Möglichkeit und regt die Vorstellungskraft an: Wie setzt sich eine Komposition fort? Was passiert im Kopf des Künstlers und des Betrachters?

Bis 7. Oktober; Sonntagsapéro: 23.9., 10–12 Uhr (Galerie vor der Klostermauer)