Die Evolution der Affen

Stilbruch Indie-Rocker entdecken den Hip-Hop. So zumindest die britische Band Arctic Monkeys. Den Musikern gelingt es so, ihr fünftes Album «AM» musikalisch auf ein neues Level zu hieven.

David Gadze
Merken
Drucken
Teilen
Die britischste Band der Nullerjahre: Jamie Cook, Alex Turner, Andy Nicholson und Matt Helders sind die Arctic Monkeys. (Bild: pd)

Die britischste Band der Nullerjahre: Jamie Cook, Alex Turner, Andy Nicholson und Matt Helders sind die Arctic Monkeys. (Bild: pd)

Wie viel musikalische Veränderung braucht eine Band? Wie viel verträgt sie? Verfolgt man die Karriere der Arctic Monkeys, scheint die Antwort einfach: so viel wie möglich. Seit der Veröffentlichung ihres Débuts zählte für die arktischen Affen nur eins: die Evolution. Der musikalische Fortschritt. Mit ihrem fünften, schlicht «AM» betitelten Album machen sie nun einen riesigen Schritt nach vorne.

Indie Rock trifft auf Hip-Hop

Auf «AM» kombinieren die Arctic Monkeys Indie Rock mit Hip-Hop- und R 'n' B-Elementen. Die Songs sind entschleunigt, entwickeln aber einen unheimlichen Sog. Alex Turners Gesang ist direkter, während die Gitarren mal in dunstigem Hall verschwinden, mal wie ein Brett an den Kopf knallen. Songs wie «Why'd You Call Me When You're High?», «Snap Out Of It» oder «One For The Road» stecken vollem anzüglichem Groove und bilden einen Kontrast zu zackigen Tracks wie «Arabella». Bestes Beispiel für diesen neuen Sound ist die Single «R U Mine», welche die Band bereits vor eineinhalb Jahren anlässlich des «Record Store Day» veröffentlicht hatte. Der Song sei auch der Schlüssel zur neuen Platte gewesen, sagt Schlagzeuger Matt Helders im Interview. «Es war nicht geplant, ihn auf die Platte zu nehmen. Doch als wir mit der Arbeit an der neuen Platte begannen, merkten wir, wie er die anderen Stücke beeinflusst hat und seine Stimmung auch in ihnen mitschwang.»

In stetem Wandel

Neue Einflüsse in die Musik einzubauen und trotzdem sich selbst treuzubleiben war für die Arctic Monkeys eine Herausforderung. «Auf unseren ersten Platten fiel es uns schwer, aus den gewohnten Mustern auszubrechen. Wir hatten Angst, wir würden uns zu sehr verändern», sagt der Drummer. Josh Homme von den Queens Of The Stone Age, unter dessen Regie sie das vorletzte Album «Humbug» aufgenommen hatten, habe ihnen beigebracht, dass man auch andere Dinge ausprobieren und trotzdem nach sich selbst klingen könne. Trotz der Geschmeidigkeit der Platte sei das Songschreiben auch diesmal eine Gratwanderung gewesen, ergänzt Gitarrist Jamie Cook. Wohl deshalb, weil die Gruppe noch nie so hoch hinausging.

Für die Aufnahmen zogen sich die Arctic Monkeys – wie schon für die zwei Platten davor – nach Los Angeles zurück. Doch anders als bisher gingen sie nicht mit grösstenteils fertigen Songs ins Studio, sondern schälten die Stücke erst dort aus den Ideenhüllen, die sie mitgebracht hatten. «Das führte dazu, dass die Platte in einem ständigen Wandel war», sagt Cook. Vieles habe sich aus dem Moment heraus entwickelt, ergänzt Helders. «Der Fokus lag diesmal nicht in erster Linie darauf, die Energie der Band einzufangen. Es ging uns vielmehr darum, interessante Sounds zu finden.» Die Band habe sehr viel Zeit damit verbracht, am Klang der Instrumente und am Gesang zu feilen.

Wir geniessen es einfach

Bei den Arctic Monkeys erstaunt immer wieder, wie frisch sie nach rund zehn Jahren Bandgeschichte immer noch klingen. Während die meisten Gruppen der Indie-Rock-Welle, die Mitte der Nullerjahre die Musiklandschaft überflutet hatten, inzwischen wieder weggespült wurden, schafft es das Quartett aus Sheffield von Platte zu Platte, sich weiterzuentwickeln und frisch zu klingen.

Auf «AM» zeigen die Arctic Monkeys einmal mehr, warum sie zu den innovativsten Bands ihres Genres gehören. Aus einer Gruppe von Freunden aus der Nachbarschaft und der Schule, die an ihren Instrumenten kaum geübt waren, ist eine Band gewachsen, für die es scheinbar keine Grenzen mehr gibt und die der jugendlichen Angriffslust der Anfangstage längst entwachsen ist, die aber auch nicht kuscheln will. «Wir haben alles zusammen gelernt und sind gemeinsam besser geworden. All die gewonnenen Erfahrungen helfen uns dabei, immer weiterzugehen. Wir können uns aufeinander verlassen», ist Helders' simple Erklärung.

Genauso wie jene von Jamie Cook auf die Frage, wie es die Gruppe im Zweijahresrhythmus schafft, sich nicht auf Bewährtem auszuruhen, sondern stets neue Herausforderungen und Wege zu suchen: «Wir geniessen einfach, was wir tun. Der Rest kommt von allein.»

Arctic Monkeys: «AM» (Domino/Musikvertrieb)