Die Erfinder des Jugendwahns

Ist das Grössenwahn? Frédéric Beigbeder, 49, ist Model, Schauspieler, Chefredakteur eines Nackedei-Magazins, Filmemacher und Kritiker im Fernsehen. Berühmt wurde er mit seinem Roman «39,90» über die Welt der Werbung und mit Szenen von kopulierenden Paaren im Feuer des stürzenden World Trade Center.

Roland Mischke
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Frédéric Beigbeder: Oona & Salinger, Piper 2015, 304 S., Fr. 28.90

Frédéric Beigbeder: Oona & Salinger, Piper 2015, 304 S., Fr. 28.90

Ist das Grössenwahn? Frédéric Beigbeder, 49, ist Model, Schauspieler, Chefredakteur eines Nackedei-Magazins, Filmemacher und Kritiker im Fernsehen. Berühmt wurde er mit seinem Roman «39,90» über die Welt der Werbung und mit Szenen von kopulierenden Paaren im Feuer des stürzenden World Trade Center.

Beigbeder macht Eigenwerbung

Sein Name fällt im Zusammenhang mit Geld, Glamour und Kokain. Doch in «Oona & Salinger» huldigt Beigbeder einem Mann, der sein Gegenteil war. J. D. Salinger ist der Autor von «Der Fänger im Roggen», das über 60 Millionen Mal verkauft wurde. Der Sprachmagier, der sich nach seinem Erfolg in die Wälder von New Hampshire zurückzog, hat nie ein vergleichbares Partyleben gehabt. Dennoch beharrt Beigbeder darauf, Salinger sei der Erfinder des Jugendwahns, das belege dessen Buch. Er sieht sich selbst als Miterfinder, denn er wolle auch nicht alt werden. Mit Holden Caulfield habe der berühmteste Eremit der Geschichte der Literatur den «ewigen Jugendlichen» gegeben, und deshalb lebten wir heute in einer «Diktatur der Jugend».

Beigbeder hat seine Arbeitsstelle nach «39,90» verloren, doch er kennt die Mechanismen noch. Aber entsteht aus Selbstmarketing ein gutes Buch? Es ist lesenswert, weil Beigbeder sich tief in seinen Helden hineingedacht hat. Er recherchierte im Umfeld des Autors, sprach mit Zeitzeugen und hockte in Salingers Lieblingslokal. Dort kam er womöglich auf die Idee zur literarischen Ménage à trois, denn Oona O'Neills Geist war allgegenwärtig. Denn die 16jährige New Yorkerin, Tochter von Nobelpreisträger Eugene O'Neill, und Salinger, der Sohn eines reichen Schinkenimporteurs, näherten sich in den frühen 1940ern einander an.

Die von ihren Eltern wenig geliebte Oona lässt sich umwerben, zeigt Zuneigung, lässt ihn aber warten. Salinger ist hingerissen. «Wenn man eine zu schützende Autistin, einen zu rettenden Engel suchte, dann war die Chance gross, dass man Oona in die Falle ging», heisst es in der Übersetzung von Tobias Scheffel. Es gibt einige Küsse, aber sonst passiert nichts, bis Oona die Beziehung beendet. Beigbeder glaubt, sie habe Salinger das Herz gebrochen.

Die Anmassung stört

Salinger erlebt als Soldat die Schlacht in der Normandie, die Befreiung eines Aussenlagers des Konzentrationslagers Dachau, was ihn traumatisiert. Oona spricht in Hollywood vor, lernt den 36 Jahre älteren Charlie Chaplin kennen, heiratet ihn, sie bekommen acht Kinder und Oona noch den Vater, den sie suchte. Salinger ist ausser sich, beschimpft die einst Geliebte. Zugleich wird er berühmt, aber das bedrängt ihn nur.

Das ist eindringlich beschrieben. Störend ist nur die Anmassung in allem, dem grossen Autor ebenbürtig zu sein. Zum Glück hat Beigbeder «Oona & Salinger» nicht noch «& ich» angehängt.

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