Die enterbten Erben

Es ist quasi eine Fortsetzung seines Bestsellers «Die Jury». Doch John Grishams neuer Roman entwickelt erst spät ähnliche Brisanz.

Arno Renggli
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John Grisham: Die Erbin. Heyne 2014, 702 S., Fr. 36.90

John Grisham: Die Erbin. Heyne 2014, 702 S., Fr. 36.90

Dass sich Seth Hubbard erhängt hat, können seine Familienmitglieder nachvollziehen. Schliesslich hatte der Alte nicht nur ein riesiges Vermögen, sondern auch Lungenkrebs im finalen Stadium. Und ihre Trauer müssen sie eher spielen, denn sie hatten kaum mehr Kontakt zu ihrem Vater und Grossvater. Doch käme ihnen ein stattliches Erbe sehr entgegen. Es liegt auch ein entsprechendes Testament vor. Also ist alles in Butter.

Immer wieder weitschweifig

Jake Brigance ist Anwalt in Mississippi. Ihn hat John Grisham schon in «Die Jury» auftreten lassen, einem allerersten, 1996 brillant verfilmten Welterfolg. Ihm geht ein Brief von Seth Hubbard zu mit einem neuen, unmittelbar vor Hubbards Selbstmord verfassten Testament. Das ganze Vermögen soll an die schwarze Haushälterin Lettie gehen. Und seine Sippschaft, das wird explizit betont, solle leer ausgehen. Jake wird beauftragt, für die juristische Umsetzung zu sorgen.

Jake Brigance wirft sich gerne ins Zeug. Konkret wird es vor Gericht um zwei zentrale Fragen gehen: War der Erblasser beim Erstellen des neuen Testaments noch voll bei Sinnen? War seine Testierfähigkeit eingeschränkt – nicht nur durch Alter und Schmerzmittel, sondern auch durch die Haushälterin, gar mit sexuellen Mitteln?

Aus diesen Fragen bezieht der Roman seinen Spannungsbogen. Das ist insgesamt eher wenig Handlung für total 700 Seiten. So ist Grisham weitschweifig wie fast immer, verliert sich in unwichtigen Episoden zu seinen unzähligen Nebenfiguren oder in Storyelementen wie der Auswahl der Geschworenen. Wie in vielen seiner Romane gefällt sich Grisham, früher selber Anwalt, darin, die Absurditäten des US-Justizsystems satirisch aufzuzeigen. Dieses System ist etwa so ausufernd wie sein Schreibstil.

Aber blendend erzählt

Zum Glück ist John Grisham ein blendender, humorvoller Erzähler und vor allem fähig zu starken Dialogen, so dass sogar das Überflüssige noch halbwegs interessant ausfällt. Wie immer sind seine Figuren zwar leicht klischiert, aber kraftvoll und plastisch gezeichnet. Auch das Wiedersehen mit Jack Brigance und einigen Nebenfiguren von damals macht Freude.

Starkes Finale

Vor allem aber nimmt die Story, spät zwar, dann doch noch richtig Fahrt auf. Zum einen plaziert Grisham, nachdem die Story zunächst bloss locker unterhält und primär die Schadenfreude kitzelt, noch ein paar starke emotionale Momente. Zudem sind die letzten etwa 200 Seiten dann wirklich temporeich und mitreissend. Und man erfährt auch noch das dunkle Geheimnis von Seth Hubbard.