Die dunklen Seiten des Mensch-Seins

Zwanzig Alben gibt es mittlerweile von ihnen. Morgen abend sind sie live in der Grabenhalle zu hören: Die aus London stammende dreiköpfige Musikgruppe The Tiger Lillies bringen ein Gesamtkunstwerk auf die Bühne.

Marc Peschke
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Clownesk und grimmig: Martin Jacques am Akkordeon, Adrian Stout (links) und Adrian Huge. (Bild: pd)

Clownesk und grimmig: Martin Jacques am Akkordeon, Adrian Stout (links) und Adrian Huge. (Bild: pd)

Martyn Jacques, Adrian Huge und Adrian Stout, das sind die Tiger Lillies: eine Band aus London, die es sich seit 1989 zur Aufgabe gemacht hat, durch musikalische Stile und Zeiten zu flanieren und an einem Gesamtkunstwerk zu feilen, das in der zeitgenössischen Musik ganz einzigartig ist.

Mit Kontrabass, Singender Säge, Ukulele, Theremin, Bass, Schlagzeug, Akkordeon und vielen anderen Instrumenten ziehen sie ins Feld – gegen die einfachen Wahrheiten der Popmusik. Ein Konzert der Tiger Lillies, das ist eine Mischung aus moderner Oper, Variété und Vaudeville – eine Bühnenunterhaltung aus Musik und Theater.

Wild und grotesk

Dunkel tönen die Songs der Tiger Lillies, mal zitieren sie Klezmer, dann das Cabaret der 20er- und 30er-Jahre, die Polka, die phantastische Welt von Monty Python, dann wieder die Musik von Kurt Weill oder Tom Waits. «Brechtian Vaudeville Punk Cabaret» nennen The Tiger Lillies dieses furiose Gebräu selbst, in dessen Zentrum der grotesk geschminkte Falsett-Sänger Martyn Jacques steht – der einem Stummfilm entsprungen sein könnte.

Chanson, Zigeunerfolklore, die italienische Oper, Punk und Rockmusik – all das kreuzen die Tiger Lillies. Mal klingen sie wie Johnny Cash, dann wie Enrico Caruso und im nächsten Moment dann wie Maurice Ravel oder Erik Satie. Achtet man auf die Texte, wird die Radikalität ihres Tuns noch deutlicher: Sie sind Provokateure, nichts ist ihnen heilig, wie man inzwischen auch auf 20 Alben hören kann. Jetzt ist die Band in der Grabenhalle zu Gast, um von den dunklen Seiten des Mensch-Seins zu berichten, von Krieg, Mord und sexuellen Phantasien. Als eine «herrlich-schöne Kampfansage an das Sein» wurde das Schaffen der Band einmal bezeichnet. Und am Ende eines solchen Abends steht die Erkenntnis, dass in jedem Menschen ein Freak steckt. Aber es ist auch eine Kampfansage an die Gleichförmigkeit der zeitgenössischen Popmusik, welche die Tiger Lillies seit vielen Jahren antreibt.

Gesamtkunstwerk

Wo sich andere Bands allzu gerne in Schubladen stecken lassen, wo die Musikwirtschaft an einer «unique selling proposition» feilt, da gehen die Tiger Lillies einen ganz anderen Weg. Das Mit- und Durcheinander der Einflüsse ist hier legendär, diese Musik spreizt ihre Finger in jede Richtung, fährt die Antennen aus – und hinterlässt allzu oft ein sprachloses Publikum. Martyn Jacques, Adrian Huge und Adrian Stout sind Anhänger einer Idee, die in den vergangenen Dekaden ein wenig von ihrer ehemaligen Faszinationskraft eingebüsst hat. Ihre Show ist ein Mixed-Media-Gesamtkunstwerk aus Musik, Literatur, Pantomime und Tanz – eine neue Synthese, die auch als Rückschau auf viele künstlerische Ideen, als Rückblick auf die Avantgarde des 20. Jahrhunderts fasziniert.

Morgen Do, Grabenhalle, 20.30 Uhr

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