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Die dunkle Seite der Gemütlichkeit - die Wiener Aktionisten sind 80

Mit Blutorgien und radikaler Körperkunst haben in den 1960er-Jahren die Wiener Aktionisten provoziert. Inzwischen weltberühmt und 80 Jahre alt, sind Hermann Nitsch und Günter Brus kaum ruhiger geworden.
Erika Achermann
Vergangene Woche feierte er seinen 80. Geburtstag: Hermann Nitsch im Atelier auf seinem Schloss in Niederösterreich. (Bild: Roland Schlager/APA (Prinzendorf, 15. Mai 2018)

Vergangene Woche feierte er seinen 80. Geburtstag: Hermann Nitsch im Atelier auf seinem Schloss in Niederösterreich. (Bild: Roland Schlager/APA (Prinzendorf, 15. Mai 2018)

Hermann Nitsch hat in den Sechzigerjahren mit rituellen Schlachtungen vor Publikum provoziert, Opfertiere und Menschen ans Kreuz gebunden und das Blut auf die Mitspieler geschüttet. Das wurde zum Skandal. Nitsch ­somit berühmt. Wen wundert’s?

Aber was wollte der Künstler ­damit sagen?

Dass geschlachtet werden muss, bevor das Fleisch auf den Teller kommt und das Opfer am Kreuz ein blutiges ­Geschäft sei und besonders der Krieg, den Hermann Nitsch als Kind in Wien erlebte? Kann man das verstehen? Ja, es war ein heftiger Protest gegen das Schweigen der Nachkriegsgesellschaft. Die Aktionisten Nitsch und Brus haben mit einem brutalen Spiel protestiert, das sich Happening nannte.

Blutrausch, Abscheu

Rauschhaft sollte die Kunst sein, dionysisches Lustempfinden wecken. Nitsch hat sich auf Nietzsche berufen. Der Blutrausch sollte bewusst beim Zuschauer Ekel und Abscheu hervorrufen, das Leben als Passion darstellen, den Malprozess als verdichtetes Leben. Die dunkle Seite der Wiener Gemütlichkeit!

Es war aber nicht nur das katholische Österreich empört.

Künstlerinnen wendeten sich angewidert ab von diesem Konzept eines geheiligten und prophetischen Kunst- und Künstlerverständnisses, wie es auch bei den subver­siven Gruppen der Surrealisten und Futuristen anzutreffen ist.

Es sind der Marquis de Sade, Antonin Artauds «Theater der Grausamkeit», die Mythen der Antike und Richard Wagner, von denen sich Nitsch inspirieren lässt, um sein Gesamtkunstwerk zu schaffen.

Er präsentiert sich darin als eine Art «Hohepriester der Kunst».

Er wollte ja ursprünglich Kirchenmaler werden. Der Gedanke der Erlösung durch das Opfer, die dionysische Ekstase hat er im sechs Tage dauernden «Orgien-Mysterien-Theater» auf seinem Schloss Prinzendorf und später auch in Kurzfassung im Burgtheater inszeniert.

Brus: «Mein Körper ist das Ereignis»

Vermutlich ist aber auch ein Aspekt der drängenden Sexualität darin enthalten, die Verdrängung, die Sigmund Freud, ebenfalls ein Wiener, erforschte. «die schönheit des psycho-pathologischen ausbruchs aus den einengungen der norm versetzte uns in verzückung, süsse schauer überkamen uns, schildert Nitsch seine Erfahrung beim ­Betrachten von Günter Brus’ schmerzlicher Körperkunst. Günter Brus hat mit einer Rasierklinge Brust und Oberschenkel aufgeschlitzt, Egon Schieles Selbstbildnisse mit seinem nackten Körper nach­gestellt, um seelische Zustände lebendig sichtbar zu machen. «Mein Körper ist das Ereignis», war seine Aussage.

Günter Brus: Wegbereiter der radikalen Performance-Kunst. (Bild: APA)

Günter Brus: Wegbereiter der radikalen Performance-Kunst. (Bild: APA)

Der Wille zur Macht

Es ist nicht das Werk von Hermann Nitsch an sich, das in mir Abneigung weckt. Die blutroten Schüttbilder des Künstlers können sehr wohl faszinieren. An Pfingsten war Vernissage einer biografisch geprägten Geburtstagsausstellung im Nitsch-Museum in Mistelbach nahe Wien. Das internationale Publikum kam zahlreich, junge Frauen darunter, die den Künstler bewundern.

Der Ausstellungsraum ist eine sakrale Werkhalle. Der Meister durchquert den Raum. Es ist der totalitäre Anspruch des Hermann Nitsch, der Unbehagen, sowie sein «ich schaffe die Welt neu mit dem grössten fest der menschheit». Er meint damit sein Orgien-Mysterien-Theater als Gesamtkunstwerk. «ich muss missionieren», sagt er 2016 in einem Gespräch, das auf der CD «nitsch und seine musik» dokumentiert ist: «der ablauf der schöpfung lärmt, ist klang, ist der donnernde, jauchzende lichtlaute brunstruf des weltalls, das geschrei des auferstandenen . . .»

Die Frage nach der Liebe

Inzwischen ist der Künstler des Gesamtkunstwerks in seinen Wandbildern vom roten Lebenssaft zum strahlenden Gelb gelangt, zum Licht, zur Sonne. Und weil der Mensch in seinen Bildern – im Theater natürlich schon –nicht vorkommt, fügt er seinen weissen Malerkittel ins grosse Gelbe, ein Versuch, sich als Künstler mit dem Kosmos zu vereinen.

Das Spektrum der Wiener ­Aktionisten ist jedoch weit. Auch Brus begann in den Sechzigerjahren mit skandalösen Happenings. An der Uni Wien hat er in der sogenannten «Uni-Ferkelei» auf das Rednerpult gekackt. Zarte Verletzlichkeit und Witz findet er erst, nachdem seine Frau Anna Brus, mit der er immer zusammengearbeitet hat, bei der «Zerreissprobe» 1970 Einhalt gebot.

Selbstverstümmelung und ­Sexualität waren ausgelotet.

Er konnte mit dem provokanten Aktionismus abschliessen, die Frage nach der Liebe – wen oder was lieben? – stellen. Er begann mit bissig-scharfen gesellschaftskritischen Bild-Wort-Dichtungen, lyrischen Sätzen mit Bildmotiven wie: «Vom Satzbau verlassen, können Wörter weder lieben noch hassen» (1999). Günter Brus bleibt dennoch ein Wegbereiter der radikalen Performance-Kunst, in dessen Nachfolge man auch den Russen Pjotr Pawlewskij sehen kann, der sich an den Hoden auf dem Roten Platz festnagelte, um gegen Putin zu protestieren.

Wo aber bleibt die Erlösung, die Hermann Nitsch verspricht, nach so viel Lust, Gewalt und Leiden, die unsere Welt spiegelt? Im Kosmos beim eher im Machismo verhafteten Nitsch? Oder doch eher bei Günter Brus, der zusammen mit seiner Frau Anna die emanzipatorischen Strömungen seiner Zeit in seine Kunst aufgenommen hat?

Die Ausstellung in Mistelbach ist noch bis 5.5.2019 zu sehen. Es finden dort regelmässig Aktionen statt. www.nitschmuseum.at

Der Katalog «Günter Brus: Unruhe nach dem Sturm» ist beim Verlag Walther König, Köln, erschienen.

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