Die Domorgel in Sommerlaune

Samstags um die Mittagszeit für eine halbe Stunde eintauchen in erfrischende Konzertprogramme internationaler Gäste – das ist das Konzept des nunmehr dritten Orgelsommers in der St. Galler Kathedrale. Zum Auftakt hat Eun Hye Lee gespielt.

Bettina Kugler
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Parat für Viernes «Hymne au soleil»: Eun Hye Lee an der Domorgel. (Bild: Urs Bucher)

Parat für Viernes «Hymne au soleil»: Eun Hye Lee an der Domorgel. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Für Louis Viernes «Hymne au soleil» aus den Fantasiestücken op. 53 könnte die Tageszeit nicht besser passen. Zwar hält sich die Sonne an jenem Vormittag Anfang August, anders als in den heissen Juliwochen, ziemlich bedeckt. Doch in der Kathedrale strahlt sie in markant punktierten Akkorden prächtig auf und zeigt sich stolz auf dem Zenit. Staunend lauscht man ihr nach auf ihrer Bahn.

Gerade noch herrschte das samstags zu dieser Stunde übliche Kommen und Gehen; jetzt hat sich das Kirchenschiff beachtlich gefüllt. Wenn überhaupt, fallen hinten die Türen leise ins Schloss. Weitgereiste Touristinnen gedulden sich eine halbe Stunde für das Selfie im Weltkulturerbe. Mit Viernes Hymnus beginnt eine sinnlich-klangvolle Zäsur, mitten im Tag.

Kurze, zündende Programme

Oben auf der Empore sitzt Eun Hye Lee am Spieltisch. Für ihr Auftaktkonzert des 3. Orgelsommers in der Kathedrale hat die in Arbon lebende junge Südkoreanerin ein kompaktes, dabei höchst vielseitiges Programm aus Werken des frühen 20. Jahrhunderts zusammengestellt – neben Vierne Stücke des Belgiers Joseph Jongen, des Italieners Ulisse Matthey, des St. Gallers Johann Gustav Eduard Stehle.

«Den Stehle habe ich ihr aufgeschwatzt», verrät Domorganist Willibald Guggenmos, künstlerischer Leiter der jungen Konzertreihe. Nicht nur als musikalische Reverenz vor dem vor hundert Jahren verstorbenen ersten St. Galler Domkapellmeister – sondern auch passend zum Datum: Stammt von ihm doch eine reizvoll verspielte, nicht eben einfältige Phantasie über Zwyssigs Schweizerpsalm.

Organisten unterwegs

Als sommerliches Pendant zu den Abendmusiken im Advent hat der Orgelsommer rasch Anklang gefunden. Für die einen ist er der erfrischende Abschluss des Wocheneinkaufs, vergleichbar den «Marktmusiken» in anderen Städten. Andere schätzen die fünf kleinen, feinen Konzerte als Gelegenheit, Stücke zu hören, die sonst oft zwischen Stuhl und Bank fallen: zu lang oder zu «weltlich» für den Gebrauch im Gottesdienst, zu kleinteilig für ein abendfüllendes Programm.

Gerade darauf jedoch legt Guggenmos Wert. «Mit einem zwanzigminütigen Messiaen kann man in diesem Rahmen nicht kommen», sagt er. Abgesehen von diesem Grundsatz haben seine Gäste freilich Carte blanche. So machen die wenig geläufigen Namen Moritz Brosig, Clément Loret und Léeon Boëllmann neugierig auf das nächste Konzert mit dem Franzosen Jean-Luc Salique (8.8.), «French Favorites» hat der Lausanner Organist Jean-Christophe Geiser am 15.8. im Gepäck.

Aus München reist am 22.8. Christoph Hauser an mit virtuosen Transkriptionen bekannter Orchesterstücke; unter anderem sind zwei Sätze aus Holsts Suite «The Planets» dabei. Den weitesten Weg nach St. Gallen hat der Neuseeländer Martin Setchell, der zum Abschluss am 29.8. ebenfalls Hits verspricht – von Wagners Pilgerchor aus «Tannhäuser» bis zu Mussorgsky.

Natürlich kommt Setchell nicht eigens für die halbe Stunde nach Europa. Der Sommer ist Hochsaison für Konzerttourneen, davon zeugt auch die Agenda des St. Galler Domorganisten. Nie sind die Temperaturen angenehmer in kühlen Kirchen. Vor allem kurz vor Mittag.

8.,15.,22.,29.8., 11.30 Uhr, Kathedrale

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