Die Crux mit dem Glamour

Das Zurich Film Festival kommt je länger, je besser an: Die neunte Austragung verzeichnet einen Zuschauerrekord. Viel Prominenz und Stars auf dem grünen Teppich stellen aber weiterhin den Filmwettbewerb stark in den Schatten.

Andreas Stock
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«Goldenes Auge» nach Mexiko: Jurypräsident Marc Forster mit dem Spielfilmregisseur Diego Quemada-Diez (rechts). (Bild: ky/Ennio Leanza)

«Goldenes Auge» nach Mexiko: Jurypräsident Marc Forster mit dem Spielfilmregisseur Diego Quemada-Diez (rechts). (Bild: ky/Ennio Leanza)

In Zahlen war das 9. Zurich Film Festival (ZFF) ein voller Erfolg: Mehr Filme, mehr Gäste – und vor allem mehr Publikum. Mit 71 000 Besucherinnen und Besuchern vermeldet die Festivalleitung eine Steigerung von über 20 Prozent (Vorjahr: 58 000). Das ZFF entwickelt sich somit kontinuierlich zu einem Publikumsfestival, bei dem die Filmfans sich nicht nur zwei Stunden vor dem Auftritt von Harrison Ford an den grünen Teppich stellen, um vom US-Star vielleicht ein Autogramm zu bekommen. Auch in den Filmvorführungen sitzt man in zahlreichen ausverkauften Vorstellungen.

Schwierige, gesunde Balance

Dass Zürich sich seinen Platz im jährlichen Festivalkalender erobert hat, steht ausser Frage. Doch wird sich das Festival überlegen müssen, wie es sich noch besser positionieren kann und eine gesunde Balance zwischen dem Starrummel und den Filmwettbewerben erreicht. Denn während über den Besuch von Schauspieler Hugh Jackman in Zürich auf allen Kanälen zu hören und lesen ist, fällt die mediale Berichterstattung über die Wettbewerbe bescheiden aus. Das mag auch daran liegen, dass es keine Pressevorführungen des Wettbewerbs gibt.

Der Wettbewerb sei das Herz des Festivals, sagt der künstlerische Leiter Karl Spoerri. Als Aushängeschild eines Festivals müssen hier aber nicht nur qualitativ überzeugende Filme zu sehen sein – was freilich vom aktuellen Angebot abhängt. Das Programm braucht auch eine Handschrift, eine Ausrichtung, um sich von anderen Filmwettbewerben möglichst zu unterscheiden.

Schweizer Dok gewinnt Preis

Der Unterschied beispielsweise zum Filmfestival Locarno wurde dieses Jahr besonders deutlich: Zwar wollen beide Festivals ein Ort für junge Regisseurinnen und Regisseure sein. Doch während in Locarno 2013 ein sehr experimentierfreudiges, kunstvolles Kino den Wettbewerb prägte, wird in Zürich stärker das traditionelle Erzählkino gepflegt. Der Hauptpreis des diesjährigen Zurich Film Festival geht denn auch an das mexikanische Roadmovie «La jaula de oro». Die deutsche Tragikomödie «Finsterworld» von Regisseurin Frauke Finsterwalder setzte sich beim Wettbewerb der deutschsprachigen Spielfilme durch und erhielt zudem den Kritikerpreis. Der Schweizer Beitrag, Petra Volpes episodischer Spielfilm «Traumland», ging leer aus; dafür gewann Anna Thommen mit ihrem Dokumentarfilm «Neuland» ein «Goldenes Auge» für die Schweiz.

Verleihförderung für Sieger

Die Preise sind mit jeweils 20 000 Franken dotiert, dazu kommen 60 000 Franken für die Promotion des Films in den Schweizer Kinos. Gerade dieser Beitrag dürfte eine willkommene Unterstützung sein. Denn sowohl der mexikanische Film wie auch «Finsterworld» und «Neuland» haben einen Schweizer Verleih. Noch immer ist aber wenig verständlich, wieso die Spiel- und Dokumentarfilme aus Deutschland, der Schweiz und Österreich von den internationalen Produktionen getrennte Wettbewerbe haben. So lassen sich zwar vier Preise vergeben – aber eigentlich schwächt dies den Wert der Preise. Auffällig auch, dass die fürs Festival-Prestige wichtigen Uraufführungen sich vor allem im Dokumentarfilm-Wettbewerb finden. Die Mehrheit der Streifen im internationalen Wettbewerb aber lief bereits an anderen Festivals.

Idealer Herbsttermin

Interessant ist auch, wie sich das Programm der Gala-Premieren und Spezialprogramme entwickelt. Der September scheint sich dabei je länger, je mehr als idealer Termin für das ZFF zu erweisen. Denn das Kino-Herbstprogramm ist einerseits gespickt mit Filmen, die sich Potenzial für eine Oscar-Nominierung ausrechnen. Andererseits dienen Festivals wie Toronto für Nordamerika sowie San Sebastián und mittlerweile eben auch Zürich für Europa als «Startrampe» für Filme der anstehenden Herbst- und Wintersaison. Weil Regisseure und Stars zur Promotion ihrer Streifen sowieso durch Europa touren, kann auch das ZFF profitieren. Das ist im Bereich des anspruchsvolleren Unterhaltungskinos eine ungleich komfortablere Position, als sie Locarno innehat, das zeitlich vor Venedig und Toronto liegt.

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