Zurich Film Festival
Die chinesische Revolution hat eben erst begonnen

Der australische Regisseur Shaun Jefford begeistert am Zurich Film Festival mit seinem furiosen Dokumentarfilm Beijing Punk.

Sven Zaugg
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Hedgehog (dt. Igel). So heisst die chinesische Punkband, hinter deren Schlagzeug die zierliche Atom sitzt, wie sie sich nennt, und die ihr Schulmädchen-Image mit bis ans Kinn zugeknöpftem kariertem Hemd und Hornbrille minutiös kultiviert. Drischt sie auf die Teller, wird sie zur Furie. «We are the Kids that still have spikes», sagt sie und kichert verlegen als habe sie eben einen Vers fehlerfrei aufgesagt.

Diese junge Frau ist nur eine von vielen porträtierten Punks im furiosen Dokumentarfilm Beijing Punk des Regisseurs Shaun Jefford. Wochenlang tauchte der australische Autodidakt und Musik-Aficionado während der Sommerolympiade 2008 ein ins Pekinger Nachtleben, vornehmlich im D-22 - einem Lokal, das an den legendären Londoner Club CBGB der Siebzigerjahre erinnert. Der Filmemacher kontrastiert das von der Parteileitung stilisierte Bild eines geeinten, progressiven Chinas mit dem dröhnenden Underground des Pekinger Nachtlebens. Ein Bild voller Absurditäten und Rebellion.

Denn sie wollen so gar nicht sein wie ihre Väter

Eigentlich hatte der Australier anderes im Sinn, nämlich eine amerikanische Metal-Band auf ihrer Tour durch das Land der Mitte zu begleiten, erzählt er anlässlich der Vorführung am Zurich Film Festival. Dann jedoch begegnete der Filmemacher den «cracy» Jungs von Misandao und wusste: Über die muss ich einen Film drehen.

So ungezwungen und rotzig diese Aussage anmutet, so ergiesst sich auch seine filmische Collage über die Leinwand. Mit Super-8 und Handycam, rohem Schnitt und einer Prise Youtube-Ästhetik entbehrt Beijing Punk jeglicher filmischen Konventionen; Jeffords Handschrift ist der Punk. Er, der kein Journalist sein will, wird für beschränkte Zeit Teil der Szene, lässt jegliche Distanz zu den Porträtierten vermissen, nimmt an Sauforgien teil, haust mit den Punks in ihren abgewrackten Wohnungen im Stadtteil Tongzhou und realisiert: Sie, die jungen Menschen von Peking, die so gar nicht sein wollen wie ihre Väter, sind mausearm. Aber sie fühlen sich frei.

«Fuck it! Ich werde ein Punk»

«You know», sagt der, einem untersetzten Sumo-Ringer mit dem Gesicht eines Säuglings gleichenden Leadsänger von Misandao Leijin, «weisst Du! Ich sagte mir: Mein Vater ist Arzt und verdient beschissene 400 Dollar und arbeitet sieben Tage die Woche. Fuck it! Das ist nichts für mich. Ich will frei sein. Ich werde ein Punk.»

Tatsächlich führt Jefford den Betrachter in eine musikalische Welt, die von Kreativität und Vitalität nur so strotzt. Angelehnt an den Punk der späten Siebziger und dem New Wave der frühen Achtziger entladen sich die Songs, deren Themen sich vom Sozialkritischen über den hemmungslosen Konsum von Drogen bis hin zum Kopulieren bis zur Bewusstlosigkeit erstrecken, wie ein Gewitter. Er illustriert die Schaffenskraft von Bands wie Demerit, PK-14, Carsick Cars, Misandao und Hedgehog mit hinreissenden Konzertmitschnitten und intimen Interviews. Jeder tut, was er will und so wie er es mag Punk eben. Unter einem Regime, das Individualismus per Dekret verbietet, ein Befeiungsschlag sondergleichen.

Codein und Arbeitslager

Aber was eigentlich hat Punk mit China zu tun? Rein gar nichts, ist man geneigt zu sagen und doch: Der Punk ist Ventil, ist Zufluchtsort für eine Generation, deren Wünsche, Ängste und Sorgen im gesellschaftlichen Korsett des chinesischen Systems keinen Platz haben. Beijing Punk zeigt eine erstaunlich gut organisierte, vitale Gegenkultur, die erst am Anfang steht. Dieser Ansicht zumindest ist der junge Booker des D-22 Nevin Domer. Er ist Dreh und Angelpunkt der Undergroundszene, organisiert Konzerte und versammelt auf seinem Label Maybe Mars die angesagtesten Bands.

Seine Aufgabe gestaltet sich indessen nicht ganz einfach, schauen doch die Sittenwächter immer mal wieder nach dem Rechten, zensieren Songtexte oder verdonnern einen Codein saufenden Punk zu ein paar Monaten Arbeitslager. Nach der Veröffentlichung von Beijing Punk, so Regisseur Shaun Jefford, stellten die Behörden Domers Wohnung nicht weniger als viermal auf den Kopf.

Punk, das ist für das westliche Musikverständnis ein Begriff, den es sich zu bemühen nur mehr selten lohnt. Doch im China des 21. Jahrhunderts ist das Phänomen ein nahezu unbeschriebenes Blatt. «In Amerika oder Europa haben wir alles schon mal gehört, es gibt nichts Neues, das nicht als Referenz zu etwas schon Dagewesenem verstanden wird», sagt D-22-Gründer Michael Pettis. In China sei Punk etwas Neues, jung und voller Esprit.

Beijing Punk (AUS, CN, UK, USA 2010). 71 Min. Regie: Shaun Jefford

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