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Neues Album von Rammstein:
Die Brandstifter sind wir

Das Spiel mit der Provokation beherrschen die Deutschen um Sänger Till Lindemann immer noch bestens.
Michael Graber
Rammstein mit Till Lindemann (Mitte) spielen auch dieses Mal wieder mit dem Feuer. (Bild: Universal)

Rammstein mit Till Lindemann (Mitte) spielen auch dieses Mal wieder mit dem Feuer. (Bild: Universal)

Ein Streichholz. Braun mit rotem Kopf vor weissem Hintergrund. Das Cover des unbetitelten neuen Albums von Rammstein ziert nichts ausser diesem kleinen Streichholz. Jetzt wissen wir Schweizer spätestens seit Mani Matters «I han es Zündhölzli azündt» um die Flächenbrände, die ein solches Hölzchen auslösen kann. Natürlich, denkt man, Rammstein sind Brandstifter, die wieder einen Feuersturm der Entrüstung entfachen wollen. Haben sie ja auch tatsächlich bereits wieder geschafft: Im Video zum Song «Deutschland» inszenierte sich die Band – unter anderem – als todgeweihte KZ-Häftlinge. Geschmacklos? Sicher! Provokant? Natürlich! Das Feuer war gelegt.

Und Till Lindemann und seine Bandkollegen sehen keinen Anlass, als Feuerwehrmänner einzuspringen: Interviews zu ihrem Album und damit verbunden Diskussionen um Grenzüberschreitungen gibt es keine. Rammstein lassen das Feuer lodern. Wer sich der Deutung der Songzeilen verweigert, der nimmt zumindest in Kauf, dass man die Deutung jenen unguten, braunen Geistern überlässt, welche schon seit Jahren um die Band schwirren.

Das r rollt wieder krrrrräftig

Auch auf dem neuen Album, das diesen Freitag erscheint, rollt Lindemann das r wieder kräftig, durch viele Songs zieht sich eine Stechschritt-Ästhetik, die Texte kreisen um Gewalt und Sex und leben von scharfer Betonung. In diesem Spiel mit der Provokation, mit der steten Grenzüberschreitung und all dem Leicht-falsch-zu-Verstehenden steckt viel vom Reiz von Rammstein. Und: Rammstein wären ohne all diese Dinge auch eine fade Band.

Weder die krachenden Riffs noch das eskalierende Drum und auch nicht das gurgelnde Keyboard schaffen ein Alleinstellungsmerkmal, das irgendwie nachvollziehbar machen würde, warum auch die kommende Tour durch grosse Stadien längst restlos ausverkauft ist.

Erst das Feuer der Provokation, das nackte Brachiale und das stürmische Pathos haben Rammstein Hunderttausende Fans rund um den ganzen Globus beschert. Noch mehr zum Tragen kommt das an den Konzerten, an denen alles noch etwas wuchtiger und dramatischer ist und wo eigentlich ständig irgendetwas explodiert oder raucht.

Auch im 25. Jahr des Band­bestehens wird wenig an der ­bewährten Erfolgsformel geschraubt. Wenn Lindemann in «Puppe» die Geschichte eines Jungen erzählt, der Tag für Tag mitbekommt, wie seine Schwester im Zimmer nebenan als Prostituierte arbeitet, während er sich im Bett verkriecht, dann ist die Eskalation so unumgänglich wie erwartbar. Wenn der Sänger dann aber die Stimmfarbe ändert und hysterisch «ich reisse der Puppe den Kopf ab» schreit, macht er die innerliche Zerrissenheit dieses Jungen bedrohlich fühlbar.

«Zeig dich» ist eine wütende Anklage gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche. «Verstecken, verzichten, verbrennen und vernichten. Verhütung verboten, verstreuen sie Gebote», singt Lindemann, dazu wuchern Gitarren, und dann und wann setzt noch ein Kirchenchörchen ein.

Auf Probleme macht Rammstein mit dem Dampfhammer aufmerksam. Gleichzeitig wirkt diese Kritik an sexueller Gewalt etwas hohl, wenn zwei Lieder später schon wieder plastisch-drastisch über Sex gedichtet wird («Ich sehe dich an und mir ist schlecht, Häute fallen auf die Haut / ich schaue dir tiefer ins Geschlecht, Leib und Brüste gut gebaut»). Insgesamt sind die elf Songs aber grösstenteils harmlos, teilweise fast etwas langweilig. «Deutschland» polarisiert mit Abstand am meisten, was aber vor allem dem im Refrain gegrölten «Deutschland» geschuldet ist. Die Relativierung «Meine Liebe kann ich dir nicht geben» versteckt sich zwar etwas im allgemeinen Gitarrengewitter, folgt aber rasch.

Und sie spielen auch damit, dass sie Erwartungen unterlaufen. Wer im ersten Song der Platte «Deutschland» mit falschem Nationalstolz mitsingt, muss drei Songs später höllisch aufpassen, dass er nicht auch mit derselben Inbrunst «Ich bin Ausländer» mitgrölt. Dieses «Ausländer» klingt wie eine zu stampfig geratene Disco-Hymne und dreht sich im Kern um das Liebemachen mit fremden Frauen im Ausland.

Mit rammsteinhafter Drastik könnte man hier von einer Vermischung der Rassen sprechen – so ziemlich der Albtraum jedes deutschnational Gesinnten.

Sie geben uns nur das Streichholz

Und da wären wir wieder beim Streichholz. Das Streichholz auf dem Cover ist nicht abgebrannt. Am Ende legt gar nicht Rammstein das Feuer, man legt nur anderen den Teppich dafür. Die Brandstifter sind auch wir. Wir, die deuten. Wir, die Dinge hören wollen. Wir, die eigentlich die ganze Zeit nur aufs Feuer warten. Rammstein gibt uns nur das Streichholz in die Hand.

Rammstein ermöglicht die Eskalation, nimmt das Feuer in Kauf und schaut genüsslich zu, wenn es brennt. Mitschuldig mindestens. Aber zum Zündeln braucht es uns alle.

Rammstein (Universal). Live: Bern, Stade de Suisse, 5. Juni

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