Die Botschaft der Bratwurst

Das Theater Parfin de siècle spielt in der Orangerie eine Collage von Ruth Erat, Arnim Halter und Regine Weingart. «Humor mit Biss» überzeugt durch Spielfreude, eine filigrane Musikkulisse – und die Reduktion aufs Maximum.

Beda Hanimann
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Karge Bühne, wenig Requisiten – und viel Spielfreude: Pia Waibel in «Humor mit Biss». (Bild: Hanspeter Schiess)

Karge Bühne, wenig Requisiten – und viel Spielfreude: Pia Waibel in «Humor mit Biss». (Bild: Hanspeter Schiess)

Schuld ist die Bratwurst. Vor vierzig Jahren, so der erste Satz im neuen Sommerprogramm des Theaters Parfin de siècle, hätten die Menschen noch dreimal mehr gelacht als heute. Das hat verschiedene Gründe. In St. Gallen ist einer eben die Bratwurst. Weil die nämlich falsch hingelegt werde. «Nicht so», wie Arnim Halter mit breitestem Smile-Lächeln erklärt, «sondern so». Seine Mundwinkel sacken ab zum griesgrämigen Lätsch. Die hübsche Wurst-Episode ist Teil der Eingangsplauderei, mit der Arnim Halter, Helmut Schüschner, Regine Weingart und Pia Waibel ihre Collage eröffnen. Und in der schon aufblitzt, was diesen Abend prägt: eine unbändige Spielfreude.

Feuchtgebiete

Es geht um das Lachen, um den Humor. Der lateinische Begriff humor bedeute so viel wie Feuchtigkeit, Flüssigkeit, Saft, lernen wir. In der Antike sei damit die richtige Mischung der Körpersäfte gemeint, die zu einer guten Stimmung verhelfe. Wir folgen dem Quartett in die Feuchtgebiete menschlichen Seins – und denken: «Feuchtgebiete», wär' auch kein schlechter Titel für das Programm gewesen, vielleicht der etwas schrägere als «Humor mit Biss». Einer allerdings auch, der falsche Erwartungen hätte wecken können. Aber so was passt ja auch zum Thema Humor.

Anker und Spitzweg am Piano

An einem lauen Sommerabend wie bei der Premiere bedauert man es leise, wenn um acht Uhr der letzte Fleck Tageslicht mit schwarzen Tüchern getilgt wird. Ein Hauch Gartenstimmung auch im Innern der Orangerie, wäre das nicht machbar gewesen, fragt man sich. Doch die Frage rückt bald in den Hintergrund.

Auf der Rückwand der kargen Bühne prangen die Namen, mit denen man es in den folgenden Fünfviertelstunden zu tun bekommt. Christian Morgenstern, Johann Nestroy, Wilhelm Busch, Georg Kreisler und andere. Dann beginnt Urs C. Eigenmann am Bühnenrand auf seinem E-Piano zu spielen. Mit seiner Strickkappe ist er eine Mischung aus Anker'schem Bauer und Spitzweg'schem Musikus. Seine Klänge deuten subtil Epochen und Stimmungen an, eine filigrane musikalische Kulisse.

Raffinierte Reduktion

Stichwort Kulisse: Aus der Not (der fehlenden Theater-Infrastruktur in der Orangerie) macht das Parfin de siècle eine Tugend (nämlich die Reduktion auf das Wesentliche). Ein Vorhang, einmal auf Brusthöhe gesenkt, evoziert schon einen monumentalen Szenenwechsel, zwei Holzböcklein, von den Schauspielern stetig neu plaziert, ändern das Bild in Nuancen, was aber schon für Zug und Bewegung sorgt. Requisiten und Kostüme: eine raffinierte Reduktion auf das Maximum. Ein schmales Stoffband um den Hals, die entsprechende Musik – und man ist im Mittelalter.

Kalauer und Philosophisches

Diese Raffinesse der äusserlichen Zurückhaltung lässt Raum für die Texte und Pointen, für Gestik und Mimik. Da ist der schelmische und dann wieder schnoddrige Halter, der professorale wie lakonische Schüschner. Da ist die unerschrockene und handkehrum sanft flötende Weingart, die zuckersüss strahlende Waibel. Dass dieses Team sich blind versteht, spürt man in jeder Szene.

Und so wechseln sich Gags und Pointen ab mit Humorklassikern wie Morgensterns ästhetischem Wiesel, Kreislers vergifteten Tauben oder Nestroys Erörterungen über Dumme und G'scheite. Vom Kalauer zur Philosophie wogt es hin und her – aber sie sind nie seicht, diese Feuchtgebiete. Und mit dem Lied «Der Mensch muss weg» (weil er der Grund allen Übels ist) kommen die vier zur Quintessenz – die sich aber postwendend ins Gegenteil kehrt. Denn ohne den Menschen mit all seinen Fehlern und Macken wär's nur halb so lustig auf dieser Welt.

Bis 1. September täglich ausser montags, je 20 Uhr