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Die Böse auf der Bühne

Dichterwettstreit In einer Woche beginnt in Winterthur die dritte Schweizer Meisterschaft im Poetry-Slam. Mit dabei ist auch die Thurgauerin Martina Hügi (25). Und ihr schwarzer Humor. Lukas G. Dumelin
Mit ihren Slam-Texten will Martina Hügi die Zuhörer vor den Kopf stossen. Und die Realität aus einem andern Blickwinkel betrachten. (Bild: Mira Andres)

Mit ihren Slam-Texten will Martina Hügi die Zuhörer vor den Kopf stossen. Und die Realität aus einem andern Blickwinkel betrachten. (Bild: Mira Andres)

Martina Hügi, finden Sie sich selber lustig?

Martina Hügi: Sagen wir es so: Ich nehme mich nicht immer allzu ernst. Und meine Texte sind eher lustig als nachdenklich.

In einem mokieren Sie sich über Sterbehilfe und erfinden eine Air Dignitas. Das Motto: We fly, you die. Ist das wirklich lustig?

Hügi: In meinen Texten kann ich sehr böse sein. Über Tabus redet man nicht, und Sterben ist ein Tabu. An solchen Grenzen zupfe ich eben gerne herum.

Und wie Sie das tun!

Hügi: Der Dignitas-Text ist meine härteste Auseinandersetzung mit dem Leben. Okay, in einem andern Text bin ich eine Terroristin. Aber nur eine verbale, die gegen Modesünden ankämpft. Gegen Leggins, gegen Hornbrillen. Gegen Dinge, die plötzlich alle tragen müssen.

Haben Sie Aggressionen?

Hügi: Man darf sich doch ärgern!

Woher kommt dieser Ärger?

Hügi: Gerade im öffentlichen Raum gibt es viele Ärgernisse. Aber der Ärger ist das nicht das Wichtigste in meinen Texten.

Sondern?

Hügi: Ich will die Zuhörer vor den Kopf stossen und auf neue Gedanken bringen, indem ich das Böse überzeichne. Es geht mir um Phantasiegedankenwelten, ums Ausbrechen aus der realen Welt.

Heilt das?

Hügi: Wie soll etwas heilen, wenn es gar keine Wunde ist?

Hört man Ihre Texte, nimmt man an, dass es Wunden gibt.

Hügi: Es gibt halt Dinge, die kann man nicht ändern. Zum Beispiel, dass zu viele Leute Zug fahren. Oder keine Busse am Abend. Der Frauenfelder Stadtbusverwaltung habe ich geschrieben, es sei doch eine Schande, dass in einer Kantonshauptstadt nach zwanzig Uhr keine Busse mehr fahren.

Seit längerem fahren in Frauenfeld am Abend aber Busse.

Hügi: Ja? Ich glaube, dann hat der Brief doch etwas gebracht.

Es gibt also Hoffnung.

Hügi: Zu Beginn meiner Zugfahrkarriere habe ich mich fürchterlich darüber aufgeregt, dass immer alle hereindrängen und ich nicht mehr aussteigen kann. Da habe ich einmal die Leute angeschrien – und es hat funktioniert.

Solche Aktionen traut man Ihnen nicht zu. Böse Texte auf der Bühne auch nicht. Vielleicht, weil Sie im ersten Moment klein und zerbrechlich wirken.

Hügi: Komme ich auf die Bühne, muss ich meistens das Mikrophon herunterschrauben. Dann lachen die ersten. Am Anfang hat mich das erstaunt. Es war mir nicht klar, dass die denken: Jö, so eine Kleine. Ich kenne mich ja nicht anders.

Eigentlich sind Sie ja Primarlehrerin. Was unterscheidet das Klassenzimmer von der Slam-Bühne?

Hügi: Die Notengebung ist umgekehrt. Als Poetin werde ich bewertet, im Klassenzimmer bewerte ich die Kinder. Sie stehen im Mittelpunkt. Eine Performance liefere ich dort nicht ab.

Wie sind Sie Lehrerin geworden?

Hügi: Ich habe die Matur am Semi in Kreuzlingen gemacht – und die Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule angehängt.

Weil Sie nichts Besseres gefunden haben?

Hügi: Der Lehrerberuf ist ein schöner Beruf. Er ist abwechslungsreich. Und man kann Teilzeit arbeiten. So habe ich genug Zeit für meine eigenen Projekte.

Sie arbeiten in Bassersdorf und wohnen in Winterthur. Warum wollten Sie nicht im Thurgau bleiben, wo Sie aufgewachsen sind?

Hügi: Die Busverbindungen waren einfach so katastrophal. Nein, im Ernst: In Winterthur finde ich alles, was ich suche. In Frauenfeld habe ich mich dreissig Jahre zu jung gefühlt.

Man sagt, Winterthur sei ein hübscher Ort für alle Ostschweizer, die in eine Grossstadt ziehen wollen, aber Angst vor Zürich haben.

Hügi: Winterthur ist eben sympathischer als Zürich. Nur schon, weil es hier mehr Thurgauer gibt als in Zürich. Der FC Winterthur hat einen eigenen Ostblock. Den haben Frauenfelder gegründet.

Nun beginnt in einer Woche Ihre erste Schweizer Meisterschaft im Poetry-Slam. Was erhoffen Sie sich?

Hügi: Ach, das sehen wir dann schon noch. Erstmal freue ich mich. Auf die Stimmung. Und auf alle Poeten, den ganzen Haufen.

Manche Schriftsteller und Verlage belächeln die Slam-Poeten bis heute. Stört Sie das?

Hügi: Ich habe es noch nie erlebt, dass Leute den Slam abwerten. Höchstens, dass sich nicht alle ein Bild von einem Poetry-Slam machen können.

Ist denn Slam-Poesie Literatur?

Hügi: Ja, gelebte Literatur. Und eine Kunstform, die noch nicht so wahnsinnig alt ist. Nicht so alt wie das Theater. Oder die Erfindung des Buchs. Slam ist ein frisches, tolles, vielseitiges, scharfes Menu. Nur wissen das noch nicht alle.

Haben Ihre Eltern je einen Slam besucht?

Hügi: Nein, aber sie sind entschuldigt. Sie leben im Thurgau.

Ihre Eltern wissen aber, was Sie tun?

Hügi: Ich glaube, ja. (lacht) Und es würde ihnen bestimmt gefallen.

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