Die besten Kolumnisten sind Frauen

Kolumnen boomen im Blätterwald. Die meist männlichen Polit-Kolumnisten und Schriftsteller von Peter Bichsel bis Pedro Lenz werden neuerdings überstrahlt von zwei Frauen: Laura de Weck und Hazel Brugger. Von beiden sind gerade Kolumnen-Sammlungen als Buch erschienen.

Hansruedi Kugler
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Hazel Brugger: Ich bin so hübsch. Kein&Aber 2016, 176 S., Fr. 13.90.

Hazel Brugger: Ich bin so hübsch. Kein&Aber 2016, 176 S., Fr. 13.90.

Kolumnisten sind die Kabarettisten unter den Journalisten, die Kleinkünstler im Haifischbecken der publizistischen Besserwisser. Und die besten unter ihnen sind wohl genau deshalb so ungeheuer beliebt, ja sympathisch: Sie spüren das Groteske im Leben auf, verbinden Alltagsbeobachtung mit eleganter Gesellschaftsanalyse – ohne jene Rechthaberei, die einem bei vielen politisch gefärbten Kolumnen die Lust am Lesen verdirbt. Denn bei allem Sarkasmus, mit dem man auf groteske Realitäten reagieren kann: Häme und Kunst schliessen sich grundsätzlich aus. Besser, also zum entspannten Entzücken des Lesers, machen es zwei Frauen, die seit Jahren das Genre der Kolumne neu erfinden: die Theaterautorin Laura de Weck mit ihren pointierten Minidramen und einem grandiosen Gespür für knappe Dialoge voller Selbstironie, und Hazel Brugger mit ihrem in vielen Poetry Slams geschulten wortspielerischen Sarkasmus. Offenbar erreicht dieses vergnügliche Kommentieren ein breites Publikum. Das hat nicht nur der «Tages-Anzeiger» gemerkt, für den die beiden Kolumnen schreiben.

Rabiate Selbstironie als Rezept

Aber so ganz glücklich scheint das Schreiben von Kolumnen nicht zu machen: «Kleinkunst» klinge ein bisschen wie eine Behinderung – so fängt eine typische Hazel-Brugger-Kolumne an. Ihre eigenen Bühnenauftritte seien bloss ein «flüchtiger Furz im Universum des Kulturgeschehens», das Schicksal des Kleinkünstlers sei es, «dass er niemals einen Klassiker kreieren wird». Denn statt das zeitlos Gute und Wichtige zu beschreiben, begnügt sich Brugger mit Sterbehilfe-Sarkasmus, opfert übergewichtige Haustiere, verspottet Betroffenheitskitsch und giesst jede Menge Lust am Morbiden in ihre gelegentlich auch politischen Texte. Man hört die Ironie: Denn Hazel Brugger liebt es, das Publikum (auch ohne Klassiker) zum Lachen zu bringen. Für sie spricht: Sie tut das erstens nicht als Gag-Maschine. Und zweitens räumt sie mit ihrem schwarzen Humor mit Sentimentalität, Gedankenlosigkeit und Selbstgefälligkeit auf – Eigenschaften, die uns alle leider immer wieder zu lächerlichen Figuren machen. Brugger hält sich und uns einen unerbittlichen Spiegel vor.

Das nennt man dann wohl Selbstironie. Brugger kann aber auch härter: So fragt sie sich, was wohl ein Extremist denkt, wenn er kurz nach seinem Selbstmord-Tod merkt, dass da gar keine Jungfrauen warten. Oder: Sie stellt sich vor, wie sich der Koch fühlt, der einem Massenmörder die Henkersmahlzeit (ein Kübel Hühnerbeine) zubereitet. Und kehrt auch noch die Philosophin hervor. Wer ewig lebt, dem werde nach und nach alles unwichtig: «Das ewige Leben ist nichts für Weicheier.»

Keine selbstgefällige Satire

Es mag Zufall sein, dass zeitgleich zwei Bücher mit Kolumnen von Laura de Weck und Hazel Brugger auf den Markt kommen. Auf Kleinkunstbühnen waren Frauen jahrzehntelang kaum zu sehen und als Kolumnistinnen waren sie Exotinnen. Das hat sich geändert. Was beide ebenfalls auszeichnet: Sie tappen nicht in die Falle der selbstgefälligen Satire. Denn da verbündet sich der Künstler mit dem Publikum, gemeinsam wird ein Dritter als Depp verspottet und verlacht: «In der Politik machen das die Populisten», sagt der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer dazu.

Beidseitig charmant verspottet

Geradezu meisterhaft beherrscht dies die Theaterautorin Laura de Weck. Schnell und unverfroren wirken ihre Dialoge. Die Leser wollen ja erfreut werden von glasklaren Beobachtungen und glänzenden Gedankensprüngen. Dabei lässt sie genüsslich ihre Figuren sich in Widersprüche verheddern. Sie macht sich etwa über die selbstgerechten Vorurteile gegenüber Bankern lustig und entlarvt einen Regisseur als Macho, für den Schauspielerinnen nur in Rollen als glückliche oder verzweifelte Liebende existieren. Eine junge Künstlerin schwadroniert über die Gentrifizierung ihres Quartiers und merkt nicht, dass sie mit ihrer renovierten Wohnung selbst Profiteurin ist. Ein Jugendlicher beklagt sich über seine Mutter, die ihn und seine Freunde mit peinlichsten Facebook-Einträgen belästigt, obwohl er es selbst war, der ihr Facebook beigebracht hat.

Politik braucht Paartherapie

Neben Themen aus dem Alltag einer urbanen, liberalen Mittelschicht legt Laura de Weck in hoher Kadenz den Finger tief und gewitzt in die Wunden eidgenössischer Politik. Dabei blitzt immer wieder ihr szenischer Erfindungsreichtum auf: So schickt sie Herrn Staat und Frau Bevölkerung zur Paartherapie, weil zwischen ihnen ein «sogenanntes Misstrauensverhältnis» besteht – mit dem Resultat, dass Frau Bevölkerung einräumt, sie sei eigentlich ganz glücklich. Die Masseneinwanderung verulkt sie als Groteske in der Geburtsklinik und setzt einen CVP-Ständerat auf den Beichtstuhl, weil die «Linken» behaupten, er sei ein schlechter Christ, nur weil er für Waffenexporte sei. Armer Kerl. Genauso arm wie Michael Chodorkowski, der auf dem Migrationsamt um Visum-Verlängerung bettelt.

Laura de Weck: Politik und Liebe machen. Diogenes 2016. 128 S., Fr. 21.90

Laura de Weck: Politik und Liebe machen. Diogenes 2016. 128 S., Fr. 21.90

Theaterautorin und Spezialistin für knappe Dialoge: Laura de Weck. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Theaterautorin und Spezialistin für knappe Dialoge: Laura de Weck. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

An Poetry Slams geschulter Sarkasmus: Hazel Brugger. (Bild: Andrea Stalder)

An Poetry Slams geschulter Sarkasmus: Hazel Brugger. (Bild: Andrea Stalder)