Die Ballade vom Strom

Unter dem Patronat der Stadt St. Gallen und des Kunstvereins St. Gallen zeigt die Künstlerin Lucie Schenker in ihrer Jubiläumsausstellung im Architekturforum eine von Leichtigkeit und Raumgespür geprägte Installation.

Brigitte Schmid-Gugler
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Lucie Schenker vor ihrer Installation mit dem Titel «Wellen». Die Arbeit ist Teil ihrer Einzelausstellung im Architekturforum zum Anlass ihres siebzigsten Geburtstags. (Bild: Urs Bucher)

Lucie Schenker vor ihrer Installation mit dem Titel «Wellen». Die Arbeit ist Teil ihrer Einzelausstellung im Architekturforum zum Anlass ihres siebzigsten Geburtstags. (Bild: Urs Bucher)

Am augenfälligsten sind die 34 Metallstangen, die sich vom Betonboden bis zur Decke winden. Gekrümmt und verbogen, wie das stählerne Skelett eines Abbruchhauses. Doch bei Lucie Schenker ist nichts im Abbruch begriffen, ihre «Armierungseisen», die bei ihr «Arabesken» heissen, reflektieren vielmehr einen Zustand. Ein Eindruck physischer Anspannung stellt sich ein, wenn man zwischen den Stäben hindurchgeht. Unwillkürlich zieht sich der Körper zusammen, wie vor dem elektrischen Zaun auf der Kuhweide, die man überqueren möchte.

Rück- und Hinblick

Doch die Anspannung lässt nach, der atmende Leib wird von den Eisenstäben nicht eingesperrt, nicht versehrt, sondern umfangen, eingekleidet. Aus der Perspektive des inneren «Kerns» wachsen die Stäbe nicht nur von unten nach oben, sondern sie «fliessen» als Metapher eines gleitenden Stroms der Gezeiten erdwärts.

Die Stadt St. Gallen richtet Lucie Schenker diese Einzelausstellung zum Jubiläum ihres siebzigsten Lebensjahres aus. Das ist ein guter Grund für einen Rück- und Hinblick auf Verflossenes und Fliessendes. Seit Ende der 1970er-Jahre ist die frühere Textilentwerferin und Mutter von zwei Töchtern (und Künstlerinnen) künstlerisch tätig. Von Beginn an waren Metalldrähte ein wichtiger Bestandteil ihres meist skulpturalen, dreidimensionalen Schaffens. Und wenn sie dann doch auf die Zeichnung kommt, ist der Draht in der metallenen Farbe des Graphits wiederzuerkennen. Graphit hat sie auch im Architekturforum dabei: Ihr Multiple besteht aus zwei aus Lehm geformten Klumpen (Seifenblasen unförmig), einer ist mit Goldplättchen ummantelt, der andere in losem Graphitpulver gedreht und gewendet worden (bei der käuflich zu erwerbenden Arbeit sind die Plastikhandschuhe inbegriffen). Spiegelt sich der Kreislauf der Zeit in den hier ausgebrüteten Kunsteiern? Oder stehen die Klumpen für das dereinst wieder einzuschmelzende Kunstgestänge? Nunmehr zur handlichen Kunstkartoffel geworden?

Transparenz und Empfinden

Heute sagt Lucie Schenker, dass sie oft erst im Nachhinein feststelle, wie ihr aktuelles Schaffen verwoben ist mit früheren Arbeiten. Das Verweben ist ebenfalls eine Konstante – sie hat raumfüllende Installationen gemacht mit Drähten aller Art. Sie hat sie gestreckt und geordnet – zu Gedankengeflechten und Seelennestern. In diese hinein trug sie, wie die Elster das Silberpapier, ihr Gespür für das verwobene Leben im Spannungsbogen zwischen Unrast und Loslassen. Ihr räumliches Denken zeichnet auch im Architekturforum einen Bogen: Zwischen den «Arabesken» hindurchblickend, bündeln sich drahtige «Nester» zum Dialog, ineinander verschlungen und ausfransend, wie das Produkt einer zornigen Strickerin, die dem «Gnusch» ihres Wollknäuels mit der Schere den Garaus macht.

Den filigranen, sich klammernden und sich fliehenden Hirngespinsten hat sie die dreiteilige, ruhig fliessende «Welle» gegenübergestellt. Doch halt: auch in diesen horizontal verlaufenden Linien, bestehend aus drei ungleich dicken Eisenstangen, ist Spannung, ist kurvig Fiebriges, kippen aus dem streng Linearen die unverschlüsselten Noten eines atonalen Dreiklangs. Ja, es ist durchaus möglich, den Aspekt des Klangs mitzudenken. Ein Anschlagen da, ein Streichen dort, und das universale Echo würde den Raum in Schwingung versetzen.

Konsequent durchdacht

Sechs auf Aluminiumplatten aufgezogene Schwarzweissfotografien runden die Rauminstallation ab. Die Künstlerin hat das lose elektrische Kabelchaos, wie es häufig in Entwicklungsländern anzutreffen ist, ins Bild gerückt, ohne den Anspruch, das perfekte Bild zu haben. Doch gerade die farblichen Kontraste, die tiefschwarzen, sich gegen einen grauen Himmel abhebenden Kabelklumpen und -wirrnisse zeigen die Tonalität von Lucie Schenkers Arbeit.

Bis 1. Dezember, Architekturforum, Di bis So, 14 bis 17 Uhr

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