Die Avantgarde

LESBAR RUSSLAND

Erika Achermann
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Bild: Erika Achermann

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LESBAR RUSSLAND

1913 setzte sich die russische Avantgarde an die Spitze der literarischen und künstlerischen Bewegungen Europas. Es war das Jahr zwischen den beiden Russischen Revolutionen 1905 und 1917, eine Zeit ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Felix Philipp Ingold, bis 2005 Professor für Kultur- und Sozialgeschichte Russlands an der HSG, hat ein einzigartiges Nachschlagewerk geschaffen. Er beginnt mit einem ausführlichen Essay zu Politik und Gesellschaft im zaristischen Russland von 1913. Danach leuchtet er die Welt der Kunst aus: Leuchtende Namen wie Stravinski, Malewitsch, des Moskauer Künstlertheater, Reaktionen russischer Künstler auf Picasso und bisher kaum bekannte Namen tauchen auf, auch unveröffentlichte Texte. Ingolds Wälzer ist kenntnisreich, detailversessen, nicht durchgehend leserfreundlich, nicht zu vergleichen mit «1913» von Florian Ilies. Aber ein Werk enzyklopädischen Wissens aus jener Zeit, als Russlands Gesellschaft auf einem Vulkan tanzte.

Felix Philipp Ingold: Der grosse Bruch. Russland im Epochenjahr 1913. Matthes & Seitz 2013. 620 S., Fr. 64.30

Die Literaturgeschichte

Swetlana Geier, berühmt geworden als Übersetzerin der fünf grossen Romane von Dostojewski, hat vor ihrem Tod 2010 Essays zu Puschkin übersetzt. Sie sind jetzt unter dem Titel «Statt einer russischen Literaturgeschichte» erschienen. Puschkins Essay «Nonexistenz einer russischen Literatur» von 1834 macht den Auftakt, darauf folgen Aufsätze und Reden von Dostojewski, Tolstoi, Alexander Blok und anderen, die sich auf Puschkin beziehen. Maxim Gorki zweifelte 1934 nicht mehr an der Existenz einer russischen Literatur wie Puschkin, aber er wünscht sich keine avantgardistische Sprachspielereien, sondern Realismus, in dem die positiven Helden siegen. Nobelpreisträger Joseph Brodsky meinte 1987 gar, dass man Politiker nicht nach ihrem politischen Programm wählen sollte, sondern aufgrund ihrer Leseerfahrungen. Zeitgenössische Autorinnen und Autoren fehlen leider.

Swetlana Geier: Statt einer russischen Literaturgeschichte. Puschkin zu Ehren. Dörlemann Zürich 2013, 250 S., Fr. 25.-

Bild: Erika Achermann

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