Endlich auch auf Deutsch: Das berührende Werk des Westschweizer Dichters Giauque

Francis Giauque litt unter dem Gewicht der schrecklichen Gesellschaft. Nun erhält seine Arbeit neue Aufmerksamkeit.

Dieter Langhart
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Francis Giauque am 13. Juli 1952 in Sonvilier. (Bild: PD)

Francis Giauque am 13. Juli 1952 in Sonvilier. (Bild: PD)

«Ich liebe dich, wie ein Mann in meiner Situation noch lieben kann, und es ist die letzte Möglichkeit, mir zu beweisen, dass ich noch am Leben bin.» Poststempel Prêles, 23. April 1959; Absender Francis Giauque, 25, Dichter, ­unheilbar an der Haut und im Herzen krank; Empfängerin Emilienne Farny, 21, Studentin aus gutem Hause. Giauque lebt noch bis 1965, am 13. Mai wird er aus dem Neuenburgersee geborgen, ein Jahr nach dem Tod seiner geliebten Mutter.

Das ist der Stoff für die Geschichte und die Gedichte eines Poeten aus der Romandie. Charles Linsmayer hat die Liebesgeschichte – durch Zufall – wiederentdeckt. Er ist zu den Überlebenden gefahren, er hat Giauques Leben minuziös recherchiert und für die wunderbare Reihe «Reprinted by Huber» zugänglich gemacht.

Sein ebenso engagiertes wie ausgewogenes biografisches Nachwort gibt Zeugnis von einem Menschen, dessen Kerze an beiden Enden brannte. Eines unerbittlichen Menschen, dessen «Glut der Schwermut im Schattenraum der Nacht» schimmerte; in dem sich das Gefühl entwickelte, «dass ich nie dazu fähig sein würde, eine Existenz als ‹normaler› Mensch zu führen», wie im Protokoll einer der zahlreichen Psychiatriesitzungen zu lesen ist, die er über sich ergehen lassen musste.

In einfachsten Verhältnissen aufgewachsen

Francis Giauque wuchs in einfachsten Verhältnissen auf, 800 Meter über dem Bielersee im französischsprachigen, zu Bern gehörigen Kaff Prêles. Hughes Richard, sein Jugend- und Lebensfreund bis zu dessen Tode, Kronzeuge für Giauques Leben und Werk, sprach von einer «übermässigen Liebe der Mutter zu ihrem Sohn», während das Verhältnis zum Vater zurückhaltend bis verschlossen geblieben sei.

Francis sei ebenso intelligent wie faul gewesen, ein Charmeur, der bei den Mädchen ankam. Er schlägt das Gymnasium aus und tritt in die Handelsschule von Neuchâtel ein, jobbt nebenher, verabschiedet sich kurz vor dem Diplom, obwohl ihn der Schriftsteller Jean-Pierre Monnier mit der modernen Literatur vertraut gemacht hat. Giauque beschliesst ein Leben «ausserhalb oder gegen die andern».

Er liest Beckett, Prével und Reverdy, Hölderlin, Becker und Pavese und entdeckt die poètes maudits als Vorbilder: Tristan Corbière, Edmond-Henri Crisinel und den Seelen- und Leidensgenossen Antonin Artaud, dessen «Fragments d’un Journal d’Enfer» er sein eigenes Höllentagebuch hinzugesellt. Giauque leidet «unter dem Gewicht dieser schrecklichen Gesellschaft», schreibt glühende Gedichte und Prosastücke, die er später teils vernichtet, nimmt in Lausanne eine Stelle als Buchhändler an. Im Sommer 1956 trifft er die Kunststudentin Emilienne Farny.

Der Tod ist wie eine Horde hungriger Hunde

In Giauques Lyrik erscheint seine ­Liebe zu ihr ausnahmslos als schwierig, ­bedroht:

«Leer ist der Traum / die Kraft fehlt /
unsere Liebe / aufzubinden / wie ein Bündel / stachelige Zweige.»

Bald stürzt er in eine Depression, seine Hautkrankheit verschlimmert sich. Er resigniert und spricht erstmals davon, diesem Leben ein Ende zu setzen, das ihm die Krankheit aufgezwungen habe. Da entsteht sein Erstling, das Bändchen «Parler seul».

Darin ist nicht nur Giauques Aufschrei für die Gebeutelten der Welt zu erkennen, da setzt er seine Verzweiflung bewegend in Verse, schreit und schreibt sich die Seele aus dem Leib. Er wird immer wieder psychiatrisch interniert, arbeitet an seiner zweiten Publikation, die unglückliche Liebe zu Emilienne macht ihn noch kranker. Und der grosse Genfer Schriftsteller Gorges Haldas ist nicht der erhoffte Fürsprech, sondern rührt keinen Finger für den jungen Dichter.

Christoph Ferber und Barbara Traber haben die knochenharte Verzweiflung im dünnen Werk des Francis ­Giauque feinfühlend ins Deutsche übertragen: das bewegende Vermächtnis eines begabten und wortgewaltigen Dreissigjährigen, der für das Scheitern seines Lebens starke Bilder gefunden hatte: «Schweigen / verlassene Nacht / der Tod ist in uns / wie eine Horde / hungriger Hunde.» Unbedingt lesen.

Buch und Dramatisierung

Francis Giauque: Die Glut der Schwermut im Schattenraum der Nacht
Reprinted by Huber Nr. 37
Th. Gut Verlag Zürich
264 Seiten.


«Francis Giauque: Nachtbraut»: Zweipersonenstück von Markus Keller Premiere 8.2. Theater an der Effingerstrasse, Bern. 
Weitere Vorstellungen: 11.2. Biel, 13.2. Stans, 16.2. Twann, 19.2. Moosseedorf, 26.2. Zürich, 4.3. Basel, 5.3. Frauenfeld, 26.3. Lenzburg, 31.3. Herisau, 23.4. St. Gallen; Luzern (Datum noch offen)