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Leïla Slimanis schreibt im Debütroman über eine Nymphomanin

Unerotisch für einen erotischen Roman. Unfeministisch für eine Feministin. Leïla Slimanis Geschichte einer unglücklichen Nymphomanin hinterlässt ein schales Gefühl.
Susanna Petrin
Die marokkanisch-französische Autorin Leïla Slimani. (Bild: Vittorio Zunino Celotto/Getty (Lausanne, 9. März 2019))

Die marokkanisch-französische Autorin Leïla Slimani. (Bild: Vittorio Zunino Celotto/Getty (Lausanne, 9. März 2019))

In Marokko, wo Leïla Slimani geboren und aufgewachsen ist, gilt Jungfräulichkeit bis heute als das höchste Gut einer Frau. Gepflegt wird ein Idealbild reiner Unschuld, dem kaum eine irdische Frau genügen kann – und will. Die Autorin hat wie zum Kontrast das schwarze Gegenbild zur unbefleckten Jungfrau geschaffen: Eine sexsüchtige Frau im libertinären Paris. Schon nach wenigen Seiten im heute erschienenen Roman «All das zu verlieren» gibt man das Zählen der Sexualpartner dieser Adèle auf.

Gelangweilt und im Beruf ohne Ehrgeiz

Diese Nymphomanin ist nebenbei Journalistin, Ehefrau und Mutter eines kleinen Sohnes. Alles nur halbherzig. Ihr Sohn ist ihr mehr Last als Freude. Geheiratet hat sie, «um dazuzugehören und wie die andern zu sein». Im Beruf ist ihr jeder Ehrgeiz abhandengekommen. Um ihre Work-Sex-Balance zu absolvieren, erfindet sie in rasch dahingeworfenen Artikeln gerne auch mal ein paar Zitate. Regretting Motherhood und Fake-Journalismus à la Relotius, den über erfundene Zitate gestolperten Spiegel-Journalisten, werden also am Rande vorweggenommen.

Eine Frau, von ihrem inneren Monster zerfressen

Leïla Slimani hat eine Protagonistin geschaffen, die alle anlügt. Doch das wirklich Tragische an Adèles Doppelleben ist, dass sie nicht einmal Genuss aus ihrem Treiben zieht. Sie hat zwar Sex, sehr viel Sex, aber fast ausschliesslich schlechten, mechanischen. Sie starrt dabei an die Decke und hofft auf den nächsten Mann. Da ist ein unfüllbares Loch, eine nie zu stillende Gier. Am ehesten Vergnügen bereiten Adèle die Momente vor dem Verkehr, den durchzuziehen sie sich lustlos verpflichtet fühlt. Um wenigstens irgendetwas zu spüren, lässt sie sich gerne auch mal schlagen. Sie will ein Objekt sein, «eine Puppe im Garten eines Ungeheuers».

Monstrositäten scheinen ein Spezialgebiet Slimanis zu sein: Den Prix Goncourt, Frankreichs höchste literarische Auszeichnung, gewann sie 2016 für einen Roman («Dann schlaf auch du»), in dem eine Nanny die Kinder in ihrer Obhut tötet. Nun folgt mit Adèle also eine Frau, die von ihrem inneren Monster zerfressen wird. Wobei die Reihenfolge umgekehrt ist: «All das zu verlieren» ist Slimanis Debüt. Es erscheint aber erst jetzt, fast fünf Jahre später, auf Deutsch.

Ohne Spass am Sex

Madame Bovary und Anna Karenina kommen einen in den Sinn. Aber Adèle lässt die Tiefe dieser unglücklich Liebenden vermissen, die Tragik ihrer gesellschaftlichen Zwänge. Da ist sie doch näher bei Catherine Millets mit ihrem autobiografischen, freizügigen Skandalbuch «Das sexuelle Leben der Catherine M.» – doch ohne den Spass am Sex. Slimani erzählt konkret und mit sachlicher Distanz. «All das zu verlieren» ist denn auch ein höchst unerotischer erotischer Roman. Der Stoff ist zwar süffig, die vielen lakonisch skizzierten Episoden lesen sich leicht. Doch Slimanis Charaktere bleiben banal. Im schlimmsten Fall geben sie Plattitüden von sich: «Es ist stärker als ich.» Oder die Autorin meint erklären zu müssen, was klar ist: «Adèle ist eine verwöhnte Frau, und ihr Mann ist stolz darauf, wie unabhängig sie ist. Sie findet, dass das nicht genügt. Dass dieses Leben klein und erbärmlich ist, ohne jeden Glanz.» Eine schlimme Kindheit der Protagonistin wird angedeutet, auf eine Psychologisierung aber verzichtet. Adèle bleibt bis zum Ende eine schablonenhafte Behauptung.

Kluger Essay ist besser

Ist das jetzt ein anti-emanzipatorischer Roman, weil da eine Frau sich Männern als Objekt hingeben will? Oder ist es genau umgekehrt, weil eine Frau sich holt, was sie will – was immer das auch sei? Irritierend ist die Moral der Geschichte: Eine Frau, die sexuell aktiv ist, wird dafür mit innerer Gepeinigtheit bestraft. Das kann nicht die Botschaft der erklärten Feministin Slimani sein. Das Buch hat Debatten ausgelöst, die einiges interessanter sind als es selbst: Auf einer Lesereise in Marokko haben sich zahlreiche Frauen der Autorin geöffnet.

Im daraus entstandenen Essayband «Sex und Lügen» erzählen sie vom unfreien Leben in einem Land, in dem Liebe nur in der Ehe gelebt werden darf, in dem Frauen nicht über sich und ihren Körper bestimmen dürfen, in dem bereits ein Kuss zwischen zwei Jugendlichen strafrechtlich verfolgt werden kann. Theorie und Praxis, Recht und Moral, Leben und Liebe sind unvereinbar. Klug kommentiert und dokumentiert Leïla Slimani die Doppelmoral einer ganzen Region. Wer je ein Argumentarium gegen die Parolen von Fanatikern braucht, kann es in ihren Essays finden. Leïla Slimani, inzwischen eine anerkannte Autorin, eine politische Stimme sowie Präsident Macrons Botschafterin für Frankophonie, hat seit ihrem Erstling deutlich Gehaltvolleres zu bieten.

Leïla Slimani: All das zu verlieren. Roman. Luchterhand Verlag. 224 S., Fr. 34.–

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