Die Anmut der Natürlichkeit

Sie war einer der ganz grossen Stars, sowohl des Hollywood-Kinos als auch des europäischen Films. Ingrid Bergman (1915–1982) war eine wandlungsfähige Schauspielerin und ruhelose Frau mit einem sehr bewegten Leben. Morgen wäre ihr 100. Geburtstag.

Andreas Stock
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Ingrid Bergman als Hitchcock-Heldin in «Spellbound» – ihr erster von drei Filmen mit dem Meister des Thrillers. (Bild: Madison Lacy/The Kobal Collection)

Ingrid Bergman als Hitchcock-Heldin in «Spellbound» – ihr erster von drei Filmen mit dem Meister des Thrillers. (Bild: Madison Lacy/The Kobal Collection)

Sie war keine der perfekten Hollywood-Schönheiten jener Zeit. «Sie hat eine viel zu grosse Nase, schiefe Zähne und unmögliche Augenbrauen», kritisierte der US-Produzent David O. Selznick das Äussere der 24jährigen Schwedin. Trotzdem hatte er sie unter Vertrag genommen, um sie in den USA zum Star aufzubauen. Ingrid Bergman träumte davon, in Hollywood Karriere zu machen. Doch die ehrgeizige Actrice hatte sich in der Heimat mit erfolgreichen Filmen genug Selbstbewusstsein geholt, um sich nicht klaglos in die Maschinerie des amerikanischen Studiosystems einzufügen. Sie wollte nicht eines der zahlreichen Jungtalente sein, die zu einem Star wie alle anderen geformt wurden. Sie überzeugte Selznick, dass sie weder Nase, Haare, Zähne noch ihren Namen ändern werde, vielmehr sollte das US-Publikum sie in ihrer Natürlichkeit entdecken.

Zögerlicher Start in Hollywood

Die Erfolge gaben Bergman recht. In der gestylten Künstlichkeit Hollywoods war ihr Image des «natürlichen Mädchens» neu. Bereits in ihrem ersten US-Film, ein Remake ihres letzten schwedischen Streifens «Intermezzo», erntete sie viel Lob für eine ungekünstelte Spielweise. Selznick zeigte sich zudem beeindruckt von der strengen Disziplin der jungen Schauspielerin. Bergman selbst äusserte sich begeistert über die professionelle Arbeit in Hollywood, wo alles ein bisschen grösser war.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs übersiedelte die Schwedin mit ihrem ersten Ehemann Petter Lindström und der kleinen Tochter Pia nach New York. Sie spielte zunächst Theater in New York, denn der Start in den USA erwies sich als nicht so einfach. Bergman wollte arbeiten, aber Selznick hielt mit seinem Schützling zurück. Für drei Filme lieh er sie an andere Studios aus, darunter «Dr. Jekyll und Mr. Hyde» mit Spencer Tracy. Der Horrorstreifen bekam nicht besonders gute Kritiken, doch Bergman wurde für den Part des Barmädchens gelobt.

Zwei Filme für den Star-Olymp

Als David O. Selznick den Vertrag für einen weiteren Film aushandelte, gab es noch kein Drehbuch. Der Titel war «Casablanca» und die 27-Jährige sollte an der Seite des 43jährigen Stars Humphrey Bogart spielen. Der Rest ist Geschichte: «Casablanca» wurde zum Kultfilm, der Satz «Ich seh' dir in die Augen, Kleines» (im Original «Here's looking at you, kid) und das Musikstück «As Time Goes Bye» sind Evergreens, die unendlich oft zitiert werden.

«Casablanca» startete im November 1942 in den Kinos der USA, bereits im August 1943 folgte mit dem romantischen Kriegsdrama «For Whom the Bell Tolls» («Wem die Stunde schlägt») ein weiterer Kinoerfolg. Während Bergman als Ilse die anmutige Begleiterin spielte, die für ihren Mann auf die grosse Liebe verzichtet, verkörperte sie im zweiten an der Seite von Gary Cooper eine Partisanin. Den Kurzhaarschnitt, den sie sich dafür zulegte, prägte einen neuen weiblichen Look. Die Schauspielerin gehörte nach diesen zwei Filmen zu den ganz grossen Stars in Hollywood.

Ingrid Bergman wurde nun verehrt und als Ehefrau und fürsorgliche Mutter zu einem Vorbild für junge Amerikanerinnen – was sich bitter rächen sollte. Doch zunächst folgte ein weiterer Höhepunkt: Im klaustrophobischen Thriller «Gaslight» (1944) unter der Regie von George Cukor spielte sie eine verletzliche Frau, die von ihrem Mann in den Wahnsinn getrieben wird. Facettenreich zwischen Angst, Selbstzweifeln und Abhängigkeit verkörperte sie die Frau. Das brachte ihr 1945 den ersten Oscar ein.

Hitchcock und der längste Kuss

Dass spätestens danach der Meister des Suspense auf sie aufmerksam wurde, überrascht nicht, wenngleich Bergman nicht zum Typus der aufreizenden Hitchcock-Blondinen wie Tippi Hedren, Grace Kelly oder Janet Leigh gehörte. Aber ihre natürliche Eleganz und zurückhaltende Sinnlichkeit wusste er in drei Filmen innert vier Jahren sehr wohl zu nutzen. An der Seite von Gregory Peck entstand «Spellbound» («Ich kämpfe um Dich», 1944), «Under Capricorn» («Sklavin des Herzens», 1949) und dazwischen ihr gemeinsames Meisterwerk «Notorious» («Berüchtigt», 1946). Ein romantischer Spionagethriller, worin sie sich vom sorglosen Mädchen zur verantwortungsvollen Doppelagentin wandelt. Legendär ist die lange Kussszene von ihr und Cary Grant, mit der Alfred Hitchcock die damaligen Zensurbestimmungen umging.

Der Ehe und Hollywoods müde

«Ich war in Amerika sehr glücklich. Mir gefiel es dort bis auf die letzten Jahre sehr gut», erinnerte sich Ingrid Bergman im ausführlichen Interview, das im prächtigen Bildband des Schirmer-Mosel-Verlags (siehe Kasten) zu finden ist. Die Schauspielerin, die es nach neuen Herausforderungen dürstete, begann darunter zu leiden, dass man ihr die gleiche Art von Rollen anzubieten begann. Zur Entfremdung von Hollywood, das ihr «einfach nicht realistisch genug» war, kam die Entfremdung vom Ehemann Petter Lindström, was in der Affäre mit dem ungarischen Kriegsfotografen Robert Capa gipfelte. Die Schauspielerin trat nun häufiger in Theaterstücken fürs Radio auf, wo sie die Rollen spielen durfte, die man ihr im Kino nicht geben wollte. Capa dürfte es gewesen sein, der sie auf den italienischen Regisseur Roberto Rossellini und dessen neorealistischen Filme «Rom, offene Stadt» und «Paisa» aufmerksam machte. Ingrid Bergman war beeindruckt davon und wollte auch «dorthin, wo die echten Menschen waren»: Sie schrieb dem Regisseur in einem Brief, dass sie gerne mit ihm drehen würde. Es war damals ein grosses Medienereignis, als sie im März 1949 in Rom ankam, wo Rossellini sie am Flughafen abholte.

Der italienische Skandal

Der Skandal begann, als in den Medien ein Foto erschien, auf dem Rossellini und Bergman Hand in Hand zu sehen waren. Als ihr Film «Stromboli» im Februar 1950 in die Kinos kam, schlug die Affäre mit der Meldung der unehelichen Geburt von Robertino neue Wogen. Aus «moralischen Gründen» wurde «Stromboli» teils boykottiert, und das US-Publikum empfand es als Verrat an seinen Idealen. Mit den Zwillingen Isabella und Isotta-Ingrid folgten aus der Ehe mit Rossellini zwei weitere Kinder. Fünf Filme drehte sie mit dem Italiener – keiner war zunächst ein Erfolg; doch ihre Wertschätzung wuchs. Rossellini inszenierte Ingrid Bergman als eine schöne Fremde, die sich im Italien der Nachkriegszeit zu verlieren droht. Ein Gefühl, das ihr bald einmal selber nicht fern war. So konnte Bergman sich nie daran gewöhnen, dass sie ihre Figuren improvisieren sollte, es kein fertiges Drehbuch gab. Und Rossellini sie nicht mit anderen arbeiten lassen wollte. 1955 gibt sie die «künstlerische Trennung» (die Scheidung folgte 1957) von ihm bekannt und steht für Jean Renoir in «Elena et les hommes» (Weisse Margeriten) wieder in einem Filmstudio. 1958 heiratet sie den schwedischen Produzenten Lars Schmidt – die Ehe dauert bis 1970.

Comeback in den USA

«Anastasia», 1956 in London gedreht, markierte die Rückkehr ins US-Kino: Für die psychisch labile Anna Anderson, die in die Identität der Zarentochter Anastasia gezwungen wird, erhielt Bergman ihren zweiten Oscar. Dass sie auch komödiantisches Talent hat, bewies sie danach ein erstes Mal in der Komödie «Indescreet» mit Cary Grant. Es folgten weitere europäische Produktionen, darunter «Goodbye Again» («Lieben Sie Brahms?») sowie die Dürrenmatt-Verfilmung von «Der Besuch der alten Dame» («The Visit», 1964) von Bernhard Wicki – der Dürrenmatt nicht gefallen haben soll. Erfolge feierte Ingrid Bergman dafür erneut in London am Theater. Für die Komödie «Cactus Flower» (1969) stand sie nach 20 Jahren erstmals wieder in einem Hollywood-Studio.

Das Jahr 1974 hat es in sich: Es bringt ihr den dritten Oscar – diesmal als beste Nebendarstellerin in der meisterlichen Agatha-Christie-Verfilmung «Murder on the Orient Express» – für eine knapp fünf Minuten lange Szene als Missionarin, in der sie ein Spektrum an unterschiedlichen Empfindungen zum Ausdruck bringt. Und 1974 wird bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Acht Jahre kämpfte sie dagegen an, sie arbeitete unvermindert weiter. Drei Filme drehte sie noch, darunter mit Landsmann Ingmar Bergman. Es waren anstrengende Dreharbeiten, nicht nur ob ihres schlechten Gesundheitszustands, wie der Regisseur in seinen Memoiren schreibt. «Herbstsonate» (1978) war erneut eine grosse Frauenrolle; eine, aus der sich Parallelen zum realen Leben lesen lassen: eine erfolgreiche Frau, die ihre Karriere vor die Familie stellte und sich mit der Tochter aussöhnen will. Die Verkörperung der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir im TV-Zweiteiler wird ein letzter, beeindruckender Kraftakt. Am 29. August 1982, ihrem Geburtstag, stirbt Ingrid Bergman im Alter von 67 Jahren in London. «Ich habe nichts bereut», hatte sie einmal gesagt.