Die Angst, sich nicht zu genügen

GOTTLIEBEN. Noch keine 30 Jahre alt, hat sie Anfang Woche ihren dritten Preis für ihr literarisches Schaffen erhalten. Macht so viel Anerkennung nicht auch Angst? Ein Gespräch mit Dorothee Elmiger, derzeit Stipendiatin im Bodmanhaus Gottlieben.

Kathrin Zellweger
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Schreibpause im Bodmanhaus: Stipendiatin Dorothee Elmiger. (Bild: Reto Martin)

Schreibpause im Bodmanhaus: Stipendiatin Dorothee Elmiger. (Bild: Reto Martin)

Ausser den Kirchglocken, die in Gottlieben verlässlich den Tag einteilen, lenkt Dorothee Elmiger nichts ab. Abgeschirmt, aber nicht eingesperrt weilt sie zwei Monate als Stipendiatin der Kulturstiftung des Kantons Thurgau im Kleinen Literaturhaus. «Eine Zeit in einem paradiesischen Zustand, weil ich nichts muss ausser mich lesend und schreibend dem Thema widmen, das ich schon lange mit mir herumtrage und das vielleicht meinen nächsten Text bestimmen wird.» Und dennoch gibt es auch die andere Seite: «In der Einladung liegt eine diffuse Erwartung an mich, die Schreibende, auch wenn niemand etwas Konkretes von mir fordert.»

Mäandernde Suche

Sie arbeitet an einem längeren Text, wobei «arbeiten» zu konzis und zu zielsicher klingt. Treffender ist der Vergleich mit einer mäandernden Suche, die jeder Fährte folgt. Intuitiv recherchiert sie in jede mögliche Richtung, in allen verfügbaren Medien. Daneben umkreist sie schreibend ihre Motive, bis sie die passende Sprache und den richtigen Ton gefunden hat. Nicht über Personen schreiben, sondern mit ihrer Stimme reden. Die Anfangsphase eines neuen Werkes sei angstmachend und berauschend zugleich. Trotz Zweifeln und Unsicherheiten kehrt sie jeden Morgen an den Schreibtisch zurück. Mehr lässt sie sich nicht entlocken, «weil ich sonst ein Geheimnis zerstörte». Bloss eines sagt sie: Die Naturbeobachtungen am See und die Atmosphäre von Gottlieben, nach Los Angeles 2012 ihr zweiter Aufenthalt als Stipendiatin, werden darin keine unmittelbaren Spuren hinterlassen.

Die Poesie braucht Raum

Dorothee Elmiger hat, allen erhaltenen Preisen und guten Buchkritiken zum Trotz, Respekt und auch eine gewisse Scheu vor Bezeichnungen wie Schriftstellerin, Autorin oder Literatin. «Sich so zu nennen, bedeutet auch zu sagen: Ich bin eine Autorität, ich habe etwas zu sagen. Ich schreibe und brauche keine Schublade für mein Tun.» Elmigers Einwand klingt nicht kokett, eher vorsichtig und zurückhaltend. Dass sie sehr wohl etwas zu sagen hat, belegen ihre beiden Romane «Einladung an die Waghalsigen» und «Schlafgänger».

In ihrem Zweitling, so schrieb ein Kritiker, würden Politik und Poesie verschmelzen. Keine politische Literatur im engen Sinn, wie wir sie von Frisch und Muschg kennen. Von Literaten politische Aussagen zu erwarten, empfindet sie als einengende Auflage. Denn der Poesie muss Raum gelassen werden, damit sie sich in ihrer Ambivalenz und ihrem Reichtum zeigen kann. Elmiger bewundert die Sprachkraft und das Formbewusstsein eines Peter Weber oder einer Erica Pedretti, fühlt sich hingegen keinem bestimmten literarischen Genre verpflichtet. «Man kann vielleicht sagen, dass alle meine Texte einen politischen Kern haben. Denn schreibend untersuche ich die Sprache, die wir verwenden, suche zu ergründen, warum wir sie so und nicht anders einsetzen. Mich interessiert, wer bestimmte Begriffe in welche Richtung definiert.»

«Angst begleitet mich immer»

Innert weniger Jahre hat sie drei Preise entgegennehmen können; zweimal wurde sie zudem für den Schweizer Buchpreis nominiert. Ältere Schriftsteller-Kollegen äussern sich bisweilen abschätzig über – in ihren Augen – zu frühe öffentliche Anerkennung; sie orakeln, dass dies für die schriftstellerische Entwicklung kaum von Gutem sein könne. «Ich bin bezüglich Preisen etwas autistisch. Ich freue mich über die Anerkennung und bin dankbar für die finanzielle Unterstützung. Beim Schreiben aber blende ich jeden Gedanken daran aus. Meine Angst, nicht zu genügen, hat mit mir und nicht mit Preisen zu tun. Sie begleitet mich immer.» Einen Negativpunkt eines Preises sieht sie dennoch: Er spielt Werke und deren Autoren gegeneinander aus.

Dieses Jahr wird Dorothee Elmiger 30 Jahre alt. Ihr grösster Wunsch? «Dass mein Schreiben und meine Auseinandersetzung mit Literatur fruchtbar und möglich bleiben.»

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