«Die Angst ist die wahre Krankheit»: Wie der Frauenfelder Schriftsteller Usama Al Shahmani mit Corona umgeht

Alle Lesungen wurden abgesagt, die Bibliotheken - sein bevorzugter Schreibort - geschlossen. Seine Angehörigen im Irak leben in grosser Unsicherheit. Trotzdem bewahrt sich der Frauenfelder Autor Usama Al Shahmani die Hoffnung: «Schreiben ist meine Waffe, mit der ich meine Liebe zum Leben und zur Hoffnung verteidige. Schreiben ist für mich ein Impfstoff gegen Verzweiflung und Angst.»

Dieter Langhart
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Ein Bild aus vor-Corona-Tagen: Der Schriftsteller Usama Al Shahmani im botanischen Garten in Frauenfeld.

Ein Bild aus vor-Corona-Tagen: Der Schriftsteller Usama Al Shahmani im botanischen Garten in Frauenfeld.

Bild: Reto Martin

Der irakische Schriftsteller und Übersetzer Usama Al Shahmani lebt mit seiner Frau und ihren zwei Kindern in Frauenfeld. Er vermisst soziale Kontakte, die Inspiration der Bibliothek. Er ist in regem Austausch mit seinen Eltern und seinem Bruder im Irak. Auch da ist das Coronavirus angekommen.

Sie telefonieren oft mit Ihrer Familie. Wie ist die Lage im Irak?

Usama Al Shahmani: Die Informationen sind spärlich und selten vertrauenswürdig. Ich habe vorhin mit meinen Eltern telefoniert und erfahren, dass heute zwölf Menschen gestorben und über 200 mit dem Virus infiziert worden sind. Mein Vater sagte: «Es gibt viele, die sich nicht an diese Isolation halten, aber ich komme nie aus dem Haus. Die Isolation ist nicht so schlimm. Ich habe das Gefühl, sie reinigt mein Leben von manchen Dingen wie nervigen Einladungen.»

Wie steht es um die medizinische Versorgung?

Sie ist miserabel, aber die Leute verteilen Medikamente und Masken. Wer infiziert ist, hat keine Chance, ins Spital zu kommen, muss daheim bleiben, sein Geld reicht nur fürs Essen. Meine Eltern versuchen, mit den Widrigkeiten umzugehen, so gut es geht. Sie haben ein kleines Haus mit grossem Garten, und meine Mutter ist meistens im Garten – gerade hat sie ein neues Beet für Auberginen und Koriander angelegt. Sie sagte: «Die zwei Zitronenbäume blühen und duften, und ich glaube nicht, dass die Welt im Frühling untergeht.»

Und wie geht es dem Land wirtschaftlich?

Mein Bruder erzählte mir, dass viele Menschen sich solidarisch verhalten, dass zum Beispiel viele Hausbesitzer auf die Miete verzichten.

Leidet das Land immer noch unter den Folgen der Kriege?

Ja. Meine Eltern hören Nachrichten, Ungewissheit und Korruption herrschen vor, Sicherheit ist ein Fremdwort. Erst langsam realisieren die Politiker, was wichtig wäre, aber die Regierung informiert die Menschen nicht. Und drüben im Iran behaupten die Mullahs, das Virus sei «Gottes Strafe». Die Jungen ziehen sich zurück, ihre Träume sind zerrissen. Auch im Irak fliehen viele in den Glauben.

Wie geht es Ihnen?

Wir haben oft gelacht in unserer Familie, und wir müssen das Lachen auch in schwierigen Zeiten behalten, selbst wenn es künstlich wirkt – damit es nicht verlorengeht. Ich bin dankbar, dass wir in einem sicheren Land leben dürfen. Für mich als Schriftsteller ist es manchmal schwierig, daheim sitzen zu müssen, um einen Gedanken weiter zu spinnen.

Schriftsteller Usama Al Shahmani vermisst im Lockdown die luftige Weite der Kantonsbibliothek Frauenfeld (hier im Bild vom April 2019).

Schriftsteller Usama Al Shahmani vermisst im Lockdown die luftige Weite der Kantonsbibliothek Frauenfeld (hier im Bild vom April 2019).

Bild: Reto Martin

Was vermissen Sie?

Mich mit Freunden zu treffen, den gesellschaftlichen Kontakt und die luftige Weite einer Bibliothek. Meine Frau und ich versuchen, einen neuen Alltag für uns und die Kinder zu entwickeln. Es ist nicht immer einfach, den Tag sinnvoll zu füllen.

Wie reagieren Sie als Schriftsteller auf Corona?

Ich bin seit bald zwei Wochen immer zu Hause und versuche, in Worte zu fassen, was ich erfahre. Ich notiere mir Stichwörter, Ideen, will nicht in Schockstarre verfallen, sondern mein Gleichgewicht und die Hoffnung behalten. Meine Erfahrungen im Irak helfen mir dabei. Mich irritiert das Paradoxe der Situation, dass etwa die Landesgrenzen geschlossen sind, die Welt aber gleichzeitig keine räumlichen Grenzen mehr kennt – sie ist sehr klein geworden. Das Virus und die Globalisierung vertragen sich nicht mit Isolation und Rückzug.

Wie geht es Ihren Kindern, die jetzt nicht zur Schule gehen können?

Unser Sohn ist 14 und lernt online. Es ist eng daheim, wir haben keinen eigenen Garten wie meine Eltern. Wir haben alle Angst – und diese Angst vor der Krankheit ist die wahre Krankheit. Wir sollen sie nicht übertreiben. In einem Märchen aus «Tausendundeine Nacht» war ein Mann auf dem Weg nach Bagdad. Er stiess er auf einen schrecklichen Geist, er fragte ihn: «Wer bist du?» Der Geist antwortete: «Ich bin die Pest! Ich gehe nach Bagdad, um tausend Menschen zu töten.» Der Mann traf den Geist wieder, als er auf dem Rückweg war, also blieb er stehen und sagte zu ihm: «Sie haben mir gesagt, dass Sie nach Bagdad gehen, um tausend Menschen zu töten, während ich zehntausend ihrer Opfer in der Stadt gefunden habe!» Die Pest antwortete: «Ich sagte dir die Wahrheit. Ich habe nur tausend Menschen getötet, aber der Rest ist vor Angst und Panik gestorben!»

Was tun die Al Shahmanis gegen die Angst?

Jeder muss seinen Beitrag leisten. Wir bleiben daheim, ohne Panik zu verbreiten. Das Coronavirus ist ein unsichtbarer Feind, wir müssen aus der Angstspirale herausfinden. Angst ist vorübergehend; wir können etwas lernen und gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Für Usama Al Shahmani ist Schreiben ein Impfstoff gegen Verzweiflung und Angst. Im September 2019 unterrichtete er Oberstufenschüler des Oberstufenzentrums Auen in einer «Schreibinsel».

Für Usama Al Shahmani ist Schreiben ein Impfstoff gegen Verzweiflung und Angst. Im September 2019 unterrichtete er Oberstufenschüler des Oberstufenzentrums Auen in einer «Schreibinsel».

Bild: Andrea Stalder

Werden wir in dieser Krise solidarischer?

Der Krieg war brutal, aber die Iraker lernten, sich zu engagieren und einander zu helfen, das war für sie selbstverständlich. Auch hier halten die Menschen zusammen, helfen einander. Nicht jeder für sich, wir sitzen alle in einem Boot. Mir fällt Helmut Kohls Satz ein: «Charakter zeigt sich in der Krise.» Das gilt auch für die Gesellschaft: Wir müssen Mensch bleiben.

Was können wir tun?

Ich bin ehrenamtlich für die Nachbarschaftshilfe in Frauenfeld tätig. Es freut mich sehr, Medikamente beim Arzt oder in der Apotheke für jene abzuholen, die nicht nach draussen gehen können oder dürfen.

Sie lieben Ihre Spaziergänge in den Wäldern; Ihr zweites Buch handelte von den Bäumen.

Ich brauche sie sehr, aber jetzt muss ich mein Temperament bändigen. Auch beim Einkaufen weicht man einander aus. Das ist richtig, aber es tut weh.

Wie weit sind Sie mit Ihrem neuen Roman?

«Im Fallen lernt die Feder fliegen» erscheint im Herbst; derzeit schreibe ich an einem Theaterstück. Ich habe kein Büro und habe mich am Stubentisch eingerichtet. Ich vermisse mein Café und die Bibliothek, kann mich da nicht mehr austauschen. Meine Lesungen sind abgesagt, nicht bloss verschoben worden, neue Anfragen bleiben aus.

Haben Sie sich nie gefragt: Warum schreibe ich?

Doch, mehrfach. Und jedes Mal, wenn ich die Frage anders beantworte, ist die Konstante mein Wunsch, mein Leben mit Menschen zu teilen. Schreiben ist meine Waffe, mit der ich meine Liebe zum Leben und zur Hoffnung verteidige. Schreiben ist mir unter allen Umständen wichtig. Für mich ist es ein Impfstoff gegen Verzweiflung und Angst. Ich bitte die Sprache, meinen Lebenswunsch zu erfüllen. Ich schreibe auf deutsch und auf arabisch. Meine Sprachen umarmen mich; das Arabische drückt mich fester. Und ich gehe in den Wald und tanke Kraft fürs Weiterleben. Das Umarmen eines Baumes ist immer noch erlaubt, und dies tue ich fast jeden Tag.

Hat «zu Hause bleiben» eine neue Bedeutung bekommen?

Ja. Das Wort scheint mir manchmal wie ein Kippbild: Jeder könnte es anders sehen. Es hat aber an Bedeutung gewonnen und gleichzeitig Unterschiede zwischen uns ausgeglichen.

Ein Wunsch?

Ich bin sicher, dass unser Leben Stück für Stück wieder zum Blühen kommt und dass es im Sommer ein grosses Fest geben wird in meiner Stadt.