Die alten bösen Lieder

Nachruf Er war der letzte Grossmeister des musikalischen Kabaretts mit politischer Widerborstigkeit. In Salzburg, wo er zuletzt lebte, ist Georg Kreisler 89jährig gestorben. Eine Hommage an den Erfinder des politisch unkorrekten Taubenvergiftens und der Tango tanzenden Tanten. Peter Surber

Drucken
Teilen
Georg Kreisler am Klavier, damals 1955. Im Alter, 2010, schrieb er auf seiner Website: «Ich setze mich nicht mehr ans Klavier und singe meine Lieder. Worüber soll ein alter Mann singen? Über die Liebe? Lächerlich! Über seine Träume? Wen interessiert das? Über Politik? Er hat doch keine Zukunft mehr. Über den Tod? Peinlich!» (Bild: AKG)

Georg Kreisler am Klavier, damals 1955. Im Alter, 2010, schrieb er auf seiner Website: «Ich setze mich nicht mehr ans Klavier und singe meine Lieder. Worüber soll ein alter Mann singen? Über die Liebe? Lächerlich! Über seine Träume? Wen interessiert das? Über Politik? Er hat doch keine Zukunft mehr. Über den Tod? Peinlich!» (Bild: AKG)

Sein letztes Buch, 2011, ist ein Wien-Buch geworden, eine Sammlung von Satiren über «die einzige Stadt der Welt, in der ich geboren bin». Die Texte schon älter, das Nachwort aber neu; Georg Kreisler beschreibt darin den Wiener als ewig einsam Wandernden und endet so: «<Servas, Franz!>, sagt der Wiener und geht weiter. <Servas, Krankheit, servas, Tod!>»

Jetzt hat er ihn selber erwischt, 89jährig, nach einer schweren Infektion: Der Tod, den Kreisler in seinen Liedern und Büchern rabenschwarz herbei- und von sich weggesungen und -geschrieben hat. So wie im Lied «A Bidla Buh», das im flotten Schlagerton die Frauen im Akkord um die Ecke bringt, eine Sammlung exquisitester Todesarten. Oder wie in der Moritat vom «Guaten alten Franz», dem Lobgesang auf den besten aller Freunde, dem er am Ende auf der Jagd eine Kugel in den Kopf jagt. Dummer Unfall halt, aber ja: «Es is was intressantes, wie es dazu kommen is.»

Die Kunst des Übertreibens

«Intressant»: Kreisler, der Mann mit den scharf lachenden Zähnen und den bissigsten Einfällen, hat die Welt stets von ihrer schlimmstmöglichen, also interessantesten Wendung her gedacht. Und dabei die österreichische Lebenskunst-Devise chansontauglich gemacht: «Die Lage ist verzweifelt, aber nicht ernst.»

Er selber formulierte sein Humorrezept einmal so: «Man nehme ein an und für sich grausiges Ereignis und übertreibe es masslos, so dass es seinen Schrecken verliert und grotesk wird. Und dann kann man noch eine Musik dazu schreiben, die gar nicht dazu passt, und schon ist das Lied fertig.» So funktioniert etwa «Schlag sie tot», ein Lied, das mit allem und allen aufräumt – und so ins Irre und Entlarvende kippt.

Das Wiener Gift

Der Hang zum Töteligen muss mit Wien zusammenhängen, aber auch mit seinem Lebensgang. 1922 in der österreichischen Hauptstadt als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren, musste Georg Kreisler mit den Eltern 1938 das Land verlassen. Er emigriert in die USA, wird fünf Jahre später amerikanischer Staatsbürger und schlägt sich als Pianist, Arrangeur, Dirigent auf Bühnen und im Film durch. Hier wird er zum Meisterpianisten und illusionslosen Humoristen.

1955 kehrt er nach Wien zurück und macht sich rasch einen Namen als Kabarettist. Seine «nichtarischen Arien», «seltsamen Gesänge», «Worte ohne Lieder» oder «Lieder zum Fürchten» werden legendär – sein schwarzer Humor verstört die einen und beglückt die andern.

Typisch dafür ist sein wohl berühmtestes Chanson. Ein Gassenhauer die Melodie, wie stets bei Kreisler; aufgekratzte Fröhlichkeit in der Stimme, und ein Schlag in die Magengrube der Text: «Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau, / Geh mer Tauben vergiften im Park!» Die Platte mit dem gleichnamigen Titel, erschienen 1955, verkaufte sich hunderttausendfach, umso bemerkenswerter, als das Lied sich von keiner Seite vereinnahmen lässt. Die Botschaft? Zwielichtig. Die Haltung? Unzuverlässig bis verwerflich. Es geht gegen die unschuldigen Tauben, man vertreibt sogar noch den Spatz, weil der dem «armen Tauberl» das Gift vor dem Schnabel wegschnappt. Das ist Kreisler: boshaft, unkorrekt, giftig wie das Arsen, das er den Viechern aufs Grahambrot streut.

Dass er selber mit der Zeit genug hatte, aufs «Taubenvergiften» reduziert zu werden, ist die andere Geschichte. «Obwohl man längst keine Tauben mehr vergiftet, sondern Urwälder entlaubt, Millionen Kinder verhungern lässt und von begrenzten Atomkriegen plappert, halten es manche Menschen noch immer für schwarzen Humor», kritisierte er sich selber. Und löste das Problem auf seine Weise: Er verfasste immer wieder neue, tagesaktuelle, noch bitterere Strophen, schrieb und sang an gegen AKW oder Kriegstreiberei: «Taubenvergiften für Fortgeschrittene».

Das Gift wirkte, in den Anfängen wohl mehr als später. Hie und da erregten seine «alten bösen Lieder» (ein Heine-Zitat) Missfallen; so verlor er etwa den festen Sendeplatz im Fernsehen, den er ab 1968 mit der Kabarett-Serie «Die heisse Viertelstunde» erhielt, bald wieder. Heute, im fortgeschrittenen Verblödungsstadium der TV-Comedy, sehnt man sich nach einem wie Kreisler.

Der aber hatte schon 1972 in seinem «Vorletzten Lied» gesungen: «Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen.» Zwar machte er weiter Lieder, auch Operetten, Satiren, Romane (einer heisst «Ein Prophet ohne Zukunft») – in der öffentlichen Wahrnehmung blieb er das «Genie des Makabren», der Hofnarr mit der durchschlagenden Wirkungslosigkeit.

«Doch ich bin bèse»

Kreislers schwarzgalliger Humor steckte voll Wortwitz, Reimereien und Blödeleien – «Zwei alte Tanten tanzen Tango» ist ein Höhepunkt dieser dadaistisch angehauchten Sprachvirtuosität. Den vertracktesten Humor aber investierte Kreisler, der brillante Pianist, in seine Musik. Ins Lied vom «Triangel» hat er die halbe Operngeschichte zitatweise hineingeschmuggelt.

Noch bewunderswerter geht es im Song vom «Musikkritiker» zu und her. Kreisler spielt Schumann, Dvorák, Schubert, Beethoven, erfindet um des Reimes willen kurzerhand einen Meister namens Dnjepropjetrowsky, das alles wird verkalauert und vergassenhauert, dass es eine pure Lust ist. «Heute findet jede Zeitung / grössere Verbreitung durch Musikkritiker»: So, mit gemein stolpernden Synkopen, fängt das Lied an, und Strophe eins endet mit dem Bekenntnis: «Hindemith, Strawinsky und Varèse / sind zwar gut, doch ich bin bèse.»

Wienerisch böse, so dass man ihm nicht böse sein konnte: Das ist Georg Kreisler ein langes Leben lang geblieben. Servas!

Aktuelle Nachrichten