«Spagat»: Christian Johannes Koch thematisiert in seinem neuen Film die soziale Ungleichheit in der Schweiz

Das Integrationsdrama «Spagat» von Regisseur Christian Johannes Koch handelt von der sozialen Ungleichheit in der Schweiz. Am ZFF ist es zu sehen.

Manuel Meyer, San Sebastián
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«Spagat» macht die in der Schweiz unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten für papierlose Menschen deutlich.

«Spagat» macht die in der Schweiz unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten für papierlose Menschen deutlich.

Bild: © CognitoFilms

Ein dunkler Wintertag. Eine triste Vorstadt von Bern. Plattenbauten. Die Sozialwohnung ist etwas heruntergekommen. Marina und Artem stört das deprimierende Szenario nicht weiter. Sie wälzen sich im Bett und lieben sich innig. Sie sind glücklich, auch wenn das Leben um sie herum alles andere als schön zu sein scheint.

Doch was der Zuschauer in «Spagat» zu sehen glaubt, spielt sich ganz anders ab: Marina, eine Schweizer Lehrerin, führt eigentlich ein ruhiges, nahezu erfülltes Familienleben. Sie hat einen liebevollen Ehemann, eine etwas rebellische Tochter im Teenageralter. Sie geht in ihrem Job auf. Mit ihrer Familie lebt sie in einem schönen Haus auf dem Land. Doch als sie Artem, den Vater ihrer Schülerin Ulyana kennen lernt, beginnt sie mit dem papierlosen Migranten aus der Ukraine eine Affäre, die ihr ganzes Leben ins Wanken bringt.

Artem und Ulyana leben seit einigen Jahren unauffällig und ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Sie kämpfen sich eher schlecht als recht durchs Leben. Als das Mädchen bei einem Diebstahl erwischt wird, fliegt aber nicht nur ihr Versteckspiel auf, sondern auch die Liebesbeziehung zwischen Marina und Artem.

Das Spielfilmdébut von Regisseur Christian Johannes Koch, das am 68. Internationalen Filmfestival von San Sebastián seine Weltpremiere feierte, ist ein solides, ruhig inszeniertes Drama, welches einen sehr intimen Blick auf die in Bedrängnis geratenen Figuren freilegt.

Die Idee zum Film kam dem 34-jährigen Filmemacher und Drehbuchautor 2016 im Studium an der Filmuniversität Babelsberg. «Ich wollte einen Film über die soziale Ungleichheit in einem reichen Land wie der Schweiz machen, die man hier auf den ersten Blick nicht sieht. Ich wollte hinter die Fassade schauen», erzählt Koch kurz vor der Weltpremiere in der nordspanischen Küstenstadt.

In Deutschland, wo der Schweizer zwölf Jahre in Berlin lebte, wären die Parallelwelten der Menschen mit Migrationshintergrund sichtbarer als in Schweiz. Konkreter Anstoss für «Spagat» war aber Kochs Verwunderung über den Widerspruch, dass papierlose Kinder in der Schweiz in die Schule müssen, gleichzeitig aber gar nicht da sein dürften.

Macht die Schweiz genug für die Flüchtlingshilfe?

Vor der jüngsten Tragödie im griechischen Flüchtlingscamp Moria und der Debatte, welche Hilfen die Schweiz geben könne, erhalte der Film eine dramatische Aktualität, meint die Schweizer Nachwuchsschauspielerin Nellie Hächler, die grossartig Marinas rebellische Teenagertochter Selma spielt. «Dass ein reiches Land wie die Schweiz nur 20 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus dem Lager aufnehmen will, finde ich skandalös», sagt sie. Macht die Schweiz, die eines der restriktivsten Migrationsgesetze in Europa hat, genug für die Flüchtlingshilfe? Oder vernachlässigt sie ihre humanitäre Tradition? Nicht nur in Griechenland, auch daheim? Fragen, die auch Kochs Gesellschafts- und Integrationsdrama aufwirft.

Der Film ist vielschichtiger. Neben dem Aspekt, wie wir in einer globalen Gemeinschaft zusammenleben möchten, stellen sich im Film noch viel wichtigere Fragen, meint Regisseur Koch: «Wie entscheiden wir uns eigentlich als Menschen, wenn wir wirklich wählen müssen zwischen dem Gesetz und dem, was wir als gerecht empfinden? Wann müssen wir beginnen, persönliche Verantwortung für unser gemeinschaftliches Zusammenleben zu übernehmen?» Fragen, die sich vor allem in Marina widerspiegeln, deren Figur grandios von Schauspielerin Rachel Braunschweig interpretiert wird. Als ihre Affäre mit Artem auffliegt, schwankt sie zwischen ihrer Liebe und ihrer heilen Familienwelt. Ein Spagat zwischen zwei Lebensrealitäten, der gleichzeitig die in der Schweiz unterschiedlichen, aber oftmals vor unseren Augen versteckten Lebenswirklichkeiten für papierlose Menschen schonungslos aufzeigt.

«Helfen» ist eines der zentralen Themen des Films, dessen Konzept aber sehr zweischneidig sein kann. Es gibt selbstloses Helfen, aber auch Hilfe mit egoistischen Komponenten. Ein Konzept, das sich auch leicht vom persönlichen auf die politische Ebene mit Blick auf die Schweizer Migrationspolitik heben lässt.

Nach der Premiere in San Sebastián, wo «Spagat» im renommierten New Directors Wettbewerb läuft, ist Kochs sehenswertes Gesellschaftsdrama auch im Fokus-Wettbewerb des ZFF. Im Frühling 2021 soll der Film in Schweizer Kinos kommen.

Spagat von Christian Johannes Koch (CH 2020). 110 Minuten. Am ZFF: 27./29.9. & 1./2.10.