«Die Ängste hören nie auf»

Interview Übermorgen wird er 85, aber Schriftsteller Martin Walser bleibt im Unruhestand. Gleich mehrere Bücher kommen dieses Jahr heraus. In seinem Haus in Nussdorf am Bodensee sprach Walser über das Alter, den Glauben und die Sorgen und das Schreiben seiner Töchter. Roland P. Poschung

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Martin Walser am Bodensee. Im jüngsten Buch «Über Rechtfertigung» schreibt er: «Ein bisschen übertreibend kann ich sagen: Ich war von Anfang an Schriftsteller. Ein Schrift- steller, wenn er halbwegs bei Trost ist, kann nichts anderes sein als ein Schriftsteller. Seine Rechtfertigung holt er sich nicht im Kommunismus oder Nationalismus oder Antisemitismus. Kafka hat mich eingenommen, weil er alles formuliert hatte, was ich brauchte: <Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich>. Solchen Sätzen war ich ausgeliefert und blieb ich ausgeliefert.» (Bild: dpa/Patrick Seeger)

Martin Walser am Bodensee. Im jüngsten Buch «Über Rechtfertigung» schreibt er: «Ein bisschen übertreibend kann ich sagen: Ich war von Anfang an Schriftsteller. Ein Schrift- steller, wenn er halbwegs bei Trost ist, kann nichts anderes sein als ein Schriftsteller. Seine Rechtfertigung holt er sich nicht im Kommunismus oder Nationalismus oder Antisemitismus. Kafka hat mich eingenommen, weil er alles formuliert hatte, was ich brauchte: <Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich>. Solchen Sätzen war ich ausgeliefert und blieb ich ausgeliefert.» (Bild: dpa/Patrick Seeger)

Eben ist sein neuestes Buch erschienen, «Über Rechtfertigung, eine Versuchung», mit der Hauptthese: Rechtfertigung sei heute ersetzt durch Rechthaben. Am Samstag wird Martin Walser 85. Im Interview sagt er, warum es für ihn kein Thema sein kann, mit dem Schreiben aufzuhören.

Herr Walser, Ihr neuestes Buch heisst «Über Rechtfertigung». Ist das eine Rechtfertigung für Ihr Leben und Schaffen, passend zum 85. Geburtstag?

Martin Walser: Natürlich nicht, hoffe ich. Es hat sich so ergeben. Man weiss ja nie Bescheid über die Gründe in sich, warum etwas entsteht. In meinem letzten Roman «Muttersohn» ist wohl ein anderer Ton entstanden als in früheren Büchern. Ich kam weg vom gesellschaftlich-politischen Thema, mehr hin zum Dasein. Ich habe viel, auch schon früher, vom Schweizer Theologen Karl Barth gelesen und mich in der Folge mit der Rechtfertigung auseinandergesetzt.

Woran glauben Sie?

Walser: Man hat keine Meinung über den Glauben. Der Glauben ist nichts Positives, nichts Fixierbares, nicht einmal Abrufbares. Glauben kann man nicht tagein und tagaus ein- und ausschalten. Glauben ist eine hochkomplizierte Lebensbewegung. Lesen Sie Karl Barth zu diesem Thema. Von ihm habe ich einiges gelernt. Dies konnte ich erst, da ich schon vorher zehn Jahre lang vom dänischen Philosophen, Theologen und Schriftsteller Søren Kierkegaard, dem anderen grossen Wortmenschen in Glaubensfragen, gelesen habe. Sie sehen, die Frage nach dem Glauben ist nicht einfach zu erklären.

85 Jahre: Hätten Sie je gedacht, dass Sie so alt werden und immer noch gefragt sind im «Haifischbecken» der deutschen Literatur?

Walser: Ich habe mich stets nur auf die Frage konzentriert, wie lange ich arbeiten kann. Dann machte ich die Erfahrung, mit 65, 70, dass ich plötzlich Sachen schrieb, die ich vorher nie hätte schreiben können. Mit dieser Entwicklung war ich einverstanden. So lange dies so weiter geht, interessiert mich die Frage nach dem Alter und Älterwerden nicht. Das Schreiben selber ist genauso interessant wie vor Jahrzehnten.

Und der Literaturbetrieb?

Walser: Ich schreibe nicht für andere Personen, für Lesende, die ich gar nicht kenne. Ich schreibe für mich, veröffentliche die Texte und hoffe, dass es Leute gibt, die sich für diese Themen interessieren. Ich habe keine Zielgruppe. Allerdings weiss ich nicht, ob ich weiterschreiben könnte, wenn ich keine Leser hätte, ich hoffe ja. Sicher bin ich nicht. Natürlich ist es unglaublich wohltuend und schön, dies ist eine lebenserhaltende Bedingung für den Autor, wenn man Briefe von den Lesenden bekommt, die ihre ganz persönlichen Eindrücke und Erfahrungen widerspiegeln.

Wie gehen Sie mit Sorgen und Existenzängsten um?

Walser: Die habe ich immer, diese Ängste laufen mit, die hören nie auf. Inzwischen habe ich natürlich darüber nachdenken müssen, warum hört die Existenzangst – ein gewaltiges Wort – nicht auf. Ich vermute, dass dies mit der Kindheit zu tun hat. Wenn man in einer Familie aufgewachsen ist, die wirtschaftlich gefährdet war, wenn man die Angst realisiert, die die Eltern vor dem Gerichtsvollzieher haben… Ich glaube, das prägt, man wird dann nie mehr ganz sicher. Rein rational oder rechnerisch müsste ich mir heute sagen, eigentlich müsste es jetzt reichen bis zum Schluss. Aber ich glaube nicht daran. Ich denke immer noch an eine bevorstehen könnende Not. Gut: Sicherheit für einen Autor gibt es überhaupt nicht, weder wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. Jedes neue Buch ist eine Expedition ins Niemandsland.

Hat sich Ihre Beziehung zur eigenen Familie im Alter verändert? Wir haben von Existenzangst gesprochen.

Walser: Um Kinder in die Welt zu setzen, dazu braucht es keinen Mut. Kinder sind unwillkürliche Ergebnisse des Zusammenlebens, die nimmt man in Kauf, lernt sie lieben und wird mit ihnen älter und kann natürlich dann irgendwann feststellen, dass nichts Wichtigeres passiert ist als dass diese Kinder zur Welt gekommen sind. Das Kennenlernen der Kinder ist der intensivste Kurs, den man mitmachen kann auf dem Weg zum Menschsein.

Was gaben Sie Ihren Töchtern Franziska, Alissa, Theresia und Johanna mit auf den Lebensweg?

Walser: Es hat niemals von mir aus einen Versuch gegeben, ein Kind zum Lesen zu bringen, statt zu schwimmen oder fernzusehen. Ich habe mich allerdings dafür interessiert, was meine Kinder lesen. Und das war immer sehr, sehr verschieden. Die eine Tochter hat Gedichte von Erich Fried gelesen, die andere Hesse, die dritte aktuelle politische Literatur. Einmal in einem familiären Abendgespräch hat die Johanna eine ihrer Ansichten so formuliert, dass ich sagen musste: «So formuliert man nicht, wenn man nicht schreibt.» Sie hat das dann zugegeben und mir anschliessend ihre Tagebücher überreicht. Die hatten eine Feinheit und eine existenzielle Intensität, da empfahl ich, diese mit der Schreibmaschine abzuschreiben. So sind vier Bücher von ihr entstanden. Bei der Alissa war es anders und auch wieder nicht. Theresia hat vieles ausprobiert, schliesslich die Schauspielerei. Einmal hat sie mir ein Manuskript für das Programmheft von Genets «Die Zofen» gesandt, welches sie geschrieben hat. Da wusste ich, die kann wirklich gut schreiben. Dann schrieb sie Theaterstücke, eines nach dem anderen. Meine Töchter haben sich so selber entwickelt und selber gefunden.

Sie setzen sich gerne mit Widersachern, mit heiklen Themen auseinander. Macht sich mit dem Älterwerden mehr Gelassenheit, Geduld oder Vergebung spürbar?

Walser: Es fällt mir schwer, mich und mein Verhalten zu diesen Stichwörtern über die Jahrzehnte zu analysieren. Allerdings stelle ich fest, dass ich rascher nervös reagiere als vor 20 Jahren. Das kann damit zu tun haben, dass tatsächlich die Nerven empfindlicher werden. Gelassener, ruhiger, geduldiger oder friedlicher bin ich nicht geworden, das gelingt mir einfach nicht.