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Die Adventskalender-Geschichte (22/24): Der Tänzer, der keine Zukunft mehr in St.Gallen hatte

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um einen Tänzer, der wegen eines neuen Tanzchefs nicht nur das Theater St.Gallen verlassen musste, sondern sogar Europa.

Julia Nehmiz
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Tanz voller Gefühl: Thanh Pham Tri in «Desiderium», seiner letzten Produktion in St.Gallen im Juli 2019.

Tanz voller Gefühl: Thanh Pham Tri in «Desiderium», seiner letzten Produktion in St.Gallen im Juli 2019.

Bild: Anna-Tina Eberhard

So ist das am Theater: Wenn ein neuer Chef kommt, wird fast dem gesamten Ensemble gekündigt. Der neue baut sich eine neue Compagnie auf. Ich fragte also im Herbst 2018 im St.Galler Tanz-Ensemble, wen es getroffen hat. Zwei Tänzer waren bereit, mir Auskunft zu geben über ihre Sorgen und Schwierigkeiten, eine neue Stelle finden zu müssen. Im Sommer 2019 traf ich sie nochmals zu Gesprächen und sah ihren letzten Tanz in St.Gallen. Ihre Geschichten haben mich berührt. Besonders die von Thanh Pham Tri. Und die Reaktion einer Tagblatt-Leserin.

Julia Nehmiz, Redaktorin.

Julia Nehmiz, Redaktorin.

Bild: Ralph Ribi

Thanh Pham Tri ist in einem Dorf in Vietnam aufgewachsen, seine Eltern sind Bauern. Der Tänzer unterstützte sie mit seinem Lohn. In unserem ersten Gespräch sagte er:

«Sie haben keine Vorstellung von meinem Leben.»

Tanzen sahen sie ihn nur einmal, an seiner Abschlussprüfung der Staatlichen Ballettschule in Hanoi.

Ihn traf die Kündigung besonders hart: Wenn er keine neue Festanstellung findet, muss er visabedingt zurück nach Vietnam. Freischaffend zu arbeiten, kam für ihn deswegen nicht in Frage. Beim ersten Treffen im Herbst 2018 war er noch guter Dinge.

Noch einmal in der Kathedrale St.Gallen tanzen: Thanh Pham Tri in «Desiderium» im Juli 2019.

Noch einmal in der Kathedrale St.Gallen tanzen: Thanh Pham Tri in «Desiderium» im Juli 2019.

Bild: Anna-Tina Eberhard

Kurz vor Weihnachten 2018 schrieb er mir eine Mail: Nach der Veröffentlichung seiner Geschichte im «Tagblatt» stand eines Abends eine ältere Dame aus Rorschach an der Theaterpforte, drückte ihm nach der Vorstellung Schokolade, einen Brief und 1000 Franken in die Hand. Er war unglaublich gerührt, wollte es nicht annehmen, er werde ganz gut bezahlt am Theater. Es sei Weihnachten, sagte sie. Und er brauche doch Unterstützung für seine Zukunft. Thanh Pham Tri besuchte sie später in Rorschach, lud sie zu seinen Aufführungen ein. Er hatte eine neue Freundin gefunden.

Sie kam auch zu seiner letzten Premiere im Juli 2019. Thanh Pham Tri wirkte zuvor bedrückt, seine heitere Zuversicht war überdeckt von einer Trauer. Er hatte kein neues Engagement gefunden und wusste: Nach der Premiere, nach den letzten Vorstellungen blieben ihm noch wenige Wochen, um seine Freunde in Europa zu besuchen. Dann musste er ein neues Leben in Vietnam starten. Obwohl er acht Jahre in Europa gearbeitet hatte, zwei davon in St.Gallen.

Als Journalistin hat man normalerweise mit der Veröffentlichung des Textes abgeschlossen mit der Geschichte. Hier nicht. Neulich fragte ich bei Thanh Pham Tri nach, wie es ihm ergeht in seiner neuen, alten Heimat. Gut, schrieb er zurück. Er sei zweieinhalb Monate in Indien gewesen, habe einen Yoga-Lehrer-Kurs absolviert. Und vielleicht kommt er doch noch einmal nach Europa, um zu tanzen: Er habe ein Angebot für einen Gastvertrag für eine Opernproduktion am Theater Bonn, er warte, dass sie ihm den Vertrag schicken. «Hoffentlich bekomme ich das Visum für Deutschland.» Ich drücke ihm die Daumen.

Der Besuch der letzten Tanz-Premiere von Thanh Pham Tri zum Nachlesen:
Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie:

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