Die Abgründe des Kinderhandels

Der eindrückliche Dokumentarfilm «Das Schiff des Torjägers» ist heute im Cineclub zu sehen. Der Kameramann Rainer Hoffmann ist an der St. Galler Erstaufführung persönlich anwesend.

Andreas Stock
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Glücklich, eine Lehre machen zu können. Szene aus dem Film. (Bild: pd)

Glücklich, eine Lehre machen zu können. Szene aus dem Film. (Bild: pd)

Am Beginn der fesselnden Dokumentation von Heidi Specogna steht eine Schlagzeile vom April 2001. Zahlreiche Medien berichteten damals über ein Schiff aus Benin, das 250 Kinder an Bord hatte, die als illegale Arbeitskräfte nach Gabun gebracht werden sollten. Das Schiff sank bei der Überfahrt und riss viele der Kinder in den Tod. In Europa erregte die Story vor allem darum Aufsehen, weil der Besitzer des Schiffs der nigerianische Fussballer Jonathan Akpoborie war. Der spielte damals erfolgreich für den VfL Wolfsburg. Akpoborie wurde wegen des Vorfalls entlassen – ohne dass er Gelegenheit hatte, sich zu verteidigen.

Recherche einer Schlagzeile

Die Schweizer Dokumentarfilmerin Heidi Specogna («Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez») will neun Jahre später wissen, wie die Geschichte hinter dieser Schlagzeile aussieht, wie es den Protagonisten danach erging und was die Hintergründe des Unglücks waren. Ihre Recherchen sind ausgiebig, differenziert, und der Film lässt Widersprüche ebenso zu wie er Antworten auf manche Fragen offen lässt. «Das Schiff des Torjägers» interessiert sich nicht für die Schuldfrage, und der Film urteilt nicht über die Ereignisse und Personen, sondern Heidi Specogna blickt vielmehr in den Schlund der ökonomischen Realitäten.

Das Unglück, bei dem tatsächlich 43 und nicht 250 Kinder auf dem Boot waren, dient der Filmemacherin als Ausgangspunkt für eine grundsätzliche Beleuchtung ökonomischer Abläufe zwischen Europa und Afrika und wirft insbesondere einen Blick auf den Kinderhandel. Sie führte dazu zahlreiche Gespräche und zeigt beispielsweise auch auf, wie junge afrikanische Fussballtalente nach Europa gelangen, um hier Karriere zu machen. Zu den eindrücklichsten Gesprächen gehören jene mit zwei der überlebenden Sklavenkinder. Ihre Eltern verkauften sie damals aus existenzieller Not, doch das Trauma ihrer Kindheit können sie nicht vergessen.

Die Realität vor der Linse

Der Cineclub St. Gallen freut sich, dass der Kameramann von «Das Schiff des Torjägers», Rainer Hoffmann, bei der heutigen Vorführung (eine St. Galler Premiere) des Dokumentarfilms anwesend ist. Hoffmann, 1951 in Hamburg geboren, hat in den letzten zwanzig Jahren mehrmals mit Heidi Specogna zusammengearbeitet. Er ist aber nicht nur als Kameramann tätig, sondern hat bereits mehrere Drehbücher geschrieben und Regie geführt. Unter anderem bei der Verfilmung von «Tanzträume – Jugendliche tanzen den Kontakthof», dem Tanztheater von Pina Bausch. Und er hat beispielsweise mit Yoko Ono an deren Film «Paintings to be constructed in your Head» zusammengearbeitet. Es wird interessant sein, nach der Filmvorführung von Rainer Hoffmann mehr über die Zusammenarbeit mit Heidi Specogna sowie über seine Arbeit an Dokumentarfilmen zu erfahren.

Heute Mo, Kino Rex 1, 20 Uhr