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Dichter sind die besseren Reiseführer

Mit Goethe in Italien, mit Annemarie Schwarzenbach ins Baltikum – Auch Schriftsteller gingen auf Reisen. Und Touristen wollten schon in der Antike den Top-Destinationen folgen.
Urs Bader/Hansruedi Kugler
Reisen ist zu einem Massenphänomen geworden: Touristen bei der Rialto-Brücke in Venedig. (Bild: Stefano Mazzola/Getty)

Reisen ist zu einem Massenphänomen geworden: Touristen bei der Rialto-Brücke in Venedig. (Bild: Stefano Mazzola/Getty)

Johann Wolfgang von Goethe in Venedig

Kaum in der Lagunenstadt angekommen, hegt Goethe im September 1786 gleich Pläne für eine bessere Abfallentsorgung: «Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken, … , es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge. … Ich konnte nicht unterlassen, gleich im Spazierengehen eine Anordnung deshalb zu entwerfen und einem Polizeivorsteher, dem es Ernst wäre, in Gedanken vorzuarbeiten. So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu kehren.» Was für ein mitdenkender Tourist!

Johann Wolfgang von Goethe war eben nicht nur ein Italienschwärmer und Dichter, sondern auch Bergbauminister. So interessierte er sich für Landwirtschaft, Erdkunde und Biologie – und er wusste die verbreitete Überheblichkeit des Touristen gegenüber anderen Sitten mit Selbstironie zu verlachen. Eine sympathische Haltung. ­Italien aber brachte Goethe aus mehreren Gründen gewaltig ins Schwärmen: «Jahrelang sollte man in Betrachtung so eines Werks zubringen», jubelte er über Palladios Kloster Carita und andere Kirchen und Paläste.

Dank seiner sehr guten Italienischkenntnisse ging er in Gerichtsverfahren, zu einem Streit um Eigentum, den er aber mehr als Komödie schildert. Und so kommt Goethe zu einer Hauptbegeisterung für Italien: die enorme Lebenslust, in der sich Natur und Kultur vereinen. Und die er im Theater findet: «Die Zuschauer spielen mit, und die Menge verschmilzt mit dem Theater in ein Ganzes, ... sie sehen und hören das Leben ihres Tages, freun sich kindisch, schreien wieder, klatschen und lärmen.» (hak)

Goethe: Italienische Reise. 1817.

Touristen besuchen das 2'350 Jahre alte Theater Epidauros. (Bild: Vangelis Bougiotis/AP)

Touristen besuchen das 2'350 Jahre alte Theater Epidauros. (Bild: Vangelis Bougiotis/AP)

Pausanias in Epidauros

Wer Griechenland bereist, besucht oft auch Epidauros auf dem Peloponnes, die antike Kultstätte für Asklepios (Äskulap), den Gott der Heilkunde. Über Jahrhunderte war Epidauros religiöses Zentrum und Kurort gleichermassen mit Tempeln, Bädern, Gästehäusern, Spitälern und Vergnügungsstätten, wovon heute aber nur noch Überreste zu besichtigen sind. Berühmt ist das 14000 Zuschauer fassende Theater, eines der am besten erhaltenen in ganz Griechenland. Gerühmt hat es schon Pausanias, der griechische Reiseschriftsteller und Geograf, der um das Jahr 115 geboren wurde und um 180 starb: «Die Epidaurier haben in dem Heiligtum ein Theater, das mir besonders sehenswert zu sein scheint.» Die Theater der Römer würden zwar alle anderen wegen ihrer Pracht um vieles übertreffen. Was aber «Harmonie und Schönheit» angehe, könne diesem sein Rang nicht glaubhaft streitig gemacht werden.

Pausanias’ «Beschreibung Griechenlands» richtete sich an gebildete Griechen, die ihre Kultur vertieft kennen lernen wollten, und an römische Touristen. Römischer Tourismus existierte in Griechenland seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Den Besuchern empfahl Pausanias schon fast wie heutige Reiseführer die Top-Ten-Destinationen: «Die Stadt Epidauros selbst bietet folgende erwähnenswerte Sehenswürdigkeiten», heisst es beispielsweise, um diese dann aufzuführen. Uns verleihen die Berichte von Pausanias den Blick der Zeitgenossen auf die Antike. Und sie erfüllen in ihrer Vielfältigkeit antike Überreste buchstäblich mit Leben. Zumindest aber können sie unsere Fantasie anregen. (ub)

Pausanias: Beschreibung Griechenlands, Manesse Verlag, Zürich 1998.

Das Schloss Rheinsberg im Ruppiner Wald- und Seengebiet.

Das Schloss Rheinsberg im Ruppiner Wald- und Seengebiet.

Theodor Fontane in der Mark Brandenburg

Ab dem Sommer 1859 unternahm der Dichter Theodor Fontane (1819–1898) weite Wanderungen durch die Mark Brandenburg im Osten Deutschlands. Eine von ihnen führte ihn auch zum Schloss Rheinsberg am Grienericksee im Ruppiner Wald- und Seengebiet. Mit einem Boot ist die kleine Reisegesellschaft auf den See hinausgefahren. «Nun erst machen wir kehrt und haben ein Bild von nicht gewöhnlicher Schönheit vor uns.

Erst der glatte Wasserspiegel, an seinem Ufer ein Kranz von Schilf und Nymphäen, dahinter ansteigend ein frischer Gartenrasen und endlich das Schloss selbst, die Fernsicht schliessend. Nach links hin dehnt sich der See; wohin wir blicken, ein Reichtum von Wasser und Wald …» Dann folgt «nur in allgemeinsten Zügen» eine Beschreibung des Schlosses – das später, 1912, auch in einer leichten Erzählung von Kurt Tucholsky eine Rolle spielen sollte, in «Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte». Fontane sagte im Vorwort zu seinen über zweitausend Seiten zählenden Reiseberichten: «Es ist ein Buntes, Mannigfaches, das ich zusammengestellt habe: Landschaftliches und Historisches, Sitten- und Charakterschilderung – und verschieden wie die Dinge, so verschieden ist auch die Behandlung, die sie gefunden.» Die Tourismusindustrie greift heute für allerlei Angebote gerne auf den Reiseführer Fontane zurück. (ub)

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Hanser Verlag, München 1987.

Die Universität im Stadtzentrum von Tartu.

Die Universität im Stadtzentrum von Tartu.

Annemarie Schwarzenbach im Baltikum

«Fast wie in den jungen Staaten des Nahen Ostens ist auch hier der Nationalismus an der Grenze nationaler Überheblichkeit, und während die geistige Wandlung noch frisch, ein wenig roh und zuweilen oberflächlich ist, sind die Ansprüche stürmisch und kritiklos.» Die Schweizer Reisejournalistin Annemarie Schwarzenbach fuhr nach ausgiebigen Reisen in arabische Länder 1937 durch Deutschland nach Danzig und weiter nach Litauen und Estland. Der von ihr beschriebene Nationalismus kommt einem heute beim Blick nach Polen und Ungarn bekannt vor. Auf dem Weg dorthin, in Ostpreussen: überall Nazifahnen, Pogrome, Angst.

Schwarzenbach reist und spricht mit so vielen Menschen wie möglich, mit Zufallsbegegnungen: Bauern, Ärzten, SA-Führern, die freimütig Einblick gewähren in ihr Denken. Bei aller bedrückenden Politik schreibt sie: «Dieses Land ist schön – ich habe meine Auffassung von den dürftigen Kartoffeläckern und Sümpfen des fernen Ostpreussen revidiert.» Revidiert hier jemand auch für uns Heutige unser Bild des Ostens? Die baltischen Staaten werden derzeit als Reiseziele beliebt.

Schwarzenbach war schon vor 80 Jahren verblüfft über die Schönheit und Vertrautheit Estlands: «Musste man eine so weite Reise tun, nur um im Gasthaus Kuld Löwi zu wohnen, einem sehr angenehmen und modernen Hotel, das noch vor wenigen Jahren Zum Goldenen Löwen hiess.» Und Tartu habe man «das baltische Heidelberg genannt.» (hak)

Annemarie Schwarzenbach: Baltisches Tagebuch, 1937, in: Insel Europa. Lenos Verlag.

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