Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

DICHTER-SÄNGER: «Hoffentlich vermassel ich’s nicht»

Manche rieben sich die Augen, als Bob Dylan den Literaturnobelpreis erhielt. Ein zweisprachiges Buch mit einer Auswahl von Gedichten und Prosa zeigt ihn als sprachgewaltiges Kind seiner Zeit.
Dieter Langhart
Bob Dylan wollte die Einheit von Poesie, Musik und Performance. (Bild: Sony Music)

Bob Dylan wollte die Einheit von Poesie, Musik und Performance. (Bild: Sony Music)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Mit geschlossenen Augen singt Patti Smith «A Hard Rain’s A-Gonna Fall» an der Feier in Stockholm. Die befrackte und abendbekleidete Gesellschaft wirkt weniger steif und verzeiht dem unsichtbaren Geehrten.

Es tut mir leid, dass ich nicht persönlich bei Ihnen sein kann, aber Sie sollen wissen, dass ich im Geiste ganz bei Ihnen bin und dass es mir eine Ehre ist, einen so angesehenen Preis zu erhalten. Den Nobelpreis für Literatur zuerkannt zu bekommen ist etwas, das ich mir niemals vorstellen und das ich nicht kommen sehen konnte.

Bob Dylans Tischrede – beim Bankett von der schwedischen US-Botschafterin verlesen – beschliesst den wuchtigen Band «Planetenwellen», den Heinrich Detering herausgegeben hat. Und eine Wucht sind Dylans Gedichte und Prosa, die er versammelt hat, neu übersetzt und brillant kommentiert.

Künstlerisches Erwachen zwischen Folk und Beat

Bob Dylan ist nicht nur der Sänger von «Blowin’ in the Wind», «Like A Rolling Stone» oder «The Times They Are A-Changin’». Er verstand sich in seinen frühen Jahren ebenso als Songwriter wie als Lyriker. Ganze Gedichtzyklen legte er seinen Platten bei, Langgedichte erschienen in Szenenzeitschriften.

1961 zog der junge Bob Zimmerman von Minneapolis ins New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village. Er suchte nach der traditionsbewussten Folk Music, nach Vorbildern wie Woody Guthrie, nach Gelegenheiten, als Musiker aufzutreten. Und nach seiner Identität. I can’t tell you the influences ’cause there’s too many to mention an’ I might leave one out: Ich kann nichts über die Einflüsse sagen, weil es zu viele sind und ich einen vergessen könnte (1963).

Heinrich Detering zeichnet das künstlerische Erwachen Bob Dylans nach, das sich zwischen der urbanen Beat Poetry und der ländlichen Folk Music aufspannte. So unterschiedlich sie waren, so einte sie doch ein Ziel: die ­«Suche nach Befreiung von jeder Art von Repression». Dylan verschlang Ginsberg und Kerouac, und auf seinem Débutalbum 1962 ehrte er Woody Guthrie mit zwei eigenen Songs. Vorerst hielt Bob Dylan Traditionen lebendig, indem er Songs sammelte und neu interpretierte; «dass er zum Songwriter geboren ist, entdeckt er erst allmählich». Für den jungen Dylan war die Musik unanfechtbar das Medium – und dennoch schrieb er Texte, die nur zu lesen waren. Wer 1964 das Album «The Times They Are A-Changin’» kaufte, bekam die «11 Outlined Epitaphs» mit, und im selben Jahr lag dem Album «Another Side» ein weiterer Gedichtzyklus bei: «Some Other Kinds of Songs». Jetzt hatte Bob Dylans «creative outburst» eingesetzt, jetzt avancierte er zum Weltstar, dem viel an der Einheit von Poesie, Musik und Performance lag.

Seine Langgedichte belegen, wie Dylan Formensprache und Motive der Folktradition in die Assoziationsflut des Beat umwandelte. Und wie viel Dylans Poesie der Mündlichkeit verdankte, denn die Gedichte voller Verkürzungen und Verschleifungen sollten «fortwährend den Eindruck mündlicher Rede erzeugen»: I end up then / in the early evenin’ / blindly punchin’ at the blind / ­breathin’ heavy / stutterin’: So bin ich am ende / am frühen Abend / schlage blind an die Blenden / atme schwer / stottere (1964).

«Ich bin Dichter, das weiss ich»

Heinrich Detering kristallisiert beim Dichter Dylan drei Schreibphasen heraus, die parallel zum Musiker verliefen: von Nachahmung und Experimentierfreude bis zur Anverwandlung von Traditionen wie Symbolismus, Dada oder Surrealismus. So beginnt der Prosatext «Planet Waves»: Back to the Starting Point! The Kickoff, Hebrew Letters on the wall, Victor Hugo’s house in Paris, NYC in early autumn (1974).

Dylans ungetrübtes Einverständnis von Lyrik und lyrics belegt ein Satz aus «I Shall Be Free No. 10» von «Another Side of Bob Dylan» 1964: I’m a poet / And I know it / Hope I don’t blow it: Ich bin Dichter, das weiss ich. Hoffentlich vermassel ich’s nicht.

Bob Dylan: Planetenwellen. Gedichte und Prosa. Hoffmann und Campe 2017, 496 S., Fr. 29.80

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.