Dialoge zwischen Werk und Raum

Der Vorarlberger Künstler Gerold Tagwerker reflektiert über Strukturen und Raster, über Architektur und unsere Existenz – und das Kunstmuseum Appenzell ist der perfekte Ort für eine Zwiesprache zwischen innen und aussen.

Dieter Langhart
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Moiré-Labyrinth: Fünf der acht «mirror.paravents» Gerold Tagwerkers in Raum 2 des Kunstmuseums Appenzell. (Bild: Hanspeter Schiess)

Moiré-Labyrinth: Fünf der acht «mirror.paravents» Gerold Tagwerkers in Raum 2 des Kunstmuseums Appenzell. (Bild: Hanspeter Schiess)

APPENZELL. «Bitte beachten Sie, dass auf dem Boden lose Stromkabel liegen.» Das kommt auf Baustellen vor, nur schreibt das niemand hin, denn die Handwerker wissen Bescheid und sind ohnehin per du. Steht das aber in einem Kunstmuseum, ist eher Achtsamkeit geboten, nicht Vorsicht. Und steht das im Kunstmuseum Appenzell auf dem Saalzettel, sind jene Skulpturen Gerold Tagwerkers gemeint, in denen er mit Licht arbeitet.

Ein Haus wie eine Skulptur

Es gibt kaum einen idealeren Ort für die erste monographische Ausstellung des Vorarlbergers als der Bau von Annette Gigon und Mike Guyer in Appenzell – ein Gebäude wie eine Plastik. Die zehn Räume haben den Künstler und den Kurator zu einem Rundgang inspiriert, zu einer «Werk-Erzählung», wie ihn Roland Scotti bezeichnet.

Lediglich achtzehn Werke aus den letzten vierzehn Schaffensjahren Tagwerkers umfasst sie – perfekte Reduktion statt überladene Werkschau. Pur stehen und hängen die Werke in den zehn Kabinetten: ohne Beschriftung, nur der Saalzettel gibt die Titel und Entstehungsjahre an.

Raster als Symbol für Struktur

Nein, es sind neunzehn Werke, denn die Glasspiegelarbeit im Foyer dient als Prolog, als Einstimmung auf die Ausstellung «_grids.zeroXV». Und zeigt eines der dominanten Stilmerkmale Tagwerkers auf: den geometrischen Raster. Für den Künstler symbolisiert der Raster «die Idee einer Struktur, aus der die Welt gebaut sein könnte», wie Roland Scotti sagt.

Und diese Struktur zeigt sich ebenso immanent in den Werken wie im formalen und ästhetischen Dialog, den sie mit dem Museumsgebäude und, gezielt und gekonnt, mit jenem Raum eingehen, in dem sie stehen, hängen oder liegen. Scotti: «Tagwerkers Werke verändern die sichtbare Wirklichkeit.» Und dafür soll man sich Zeit nehmen – Gerold Tagwerker hat keine Skulpturen erschaffen, die sich en passant erfassen lassen.

Variation in der Einheitlichkeit

Beeindruckend bei Tagwerker, wie konsistent seine künstlerische Sprache ist und wie gezielt er ihre Wörter variiert. Manchmal erinnert er an den Minimalismus wie gleich im ersten Raum: In «untitled.german.ornament» fügt er ein einziges Modul zu einer Mauer übers Eck zusammen, die an die billigen Sichtschutzmauern der Nachkriegszeit erinnert, während er in «6x4x18W.flash» je vier konventionelle Deckenleuchten zu einem sechsfachen Raster kombiniert.

Raum zwei unterteilen acht Wände aus Spiegeln und Lochblechen. «Mirror.paravents» erinnert äusserlich an Bürotrennwände. Nur – die Spiegel stellen einen Bezug zum Körper des Betrachters her und spielen mit unserer beschränkten Wahrnehmung. Die Wände selber bilden einen Raster und sind auch nicht identisch, die unterschiedlichen Lochgrössen erzeugen verschieden starke Moiré-Effekte.

Spiegel setzt Tagwerker immer wieder bei Skulpturen ein, befragt mit ihnen existenzielle Zustände. In «Mirror_X» wird das Spiegelbild des Betrachters mit zwei Sprüngen durchgeixt, im «grid.portrait» erlebt er sich vor und hinter dem Gitter. Und in «EXIT_door» ist eine Tür ironisch an die Wand gelehnt. Der Spiegel hinter dem Exit-Zeichen wirft uns den «Ausgang» auf die Stirn, dahinter ist eine Klingel für die Rückkehr, eine unmögliche Rückkehr. Und bei «broken.mirror», der «vielleicht narrativsten Arbeit der Ausstellung» (Scotti), verschwindet beim Betrachten der eigene Kopf – und der destruktive Akt («da ist etwas kaputtgegangen») weicht konstruktiven Gedanken.

Ernst, Ironie, Kippzustände

Neben der Ernsthaftigkeit, die der Künstler an den Tag legt, macht auch eine gewisse Ironie den Rundgang zu einem Erlebnis. Die zwei Skulpturen namens «Alexander» im sechsten Raum, eine aus Stahl, die andere aus Holz, sind zugleich Reverenz an Alexander Rodtschenko und Persiflage auf Ikea-Möbel. «X_door» greift «durchgestrichen» als Motiv wieder auf und zitiert im Untertitel «Liebe ist kälter als der Tod» Fassbinders ersten Spielfilm – hinter dieser Tür kann sich alles Mögliche ereignen.

Im letzten, im zehnten Raum: die grösste Skulptur. Die «johnson.twins» erinnern an die «Puerta de Europa» von Johnson und Burge in Madrid, nur sind sie bei Tagwerker schräge Eisenkäfige, die so labil wirken, als müssten sie gleich kippen.

Gerold Tagwerker: _grids.zeroXV, Kunstmuseum Appenzell; bis 18.10. Di–Fr 10–12/14–17, Sa/So 11–17 Uhr Führungen: So, 6.9./4.10., 14 Uhr www.kunstmuseumappenzell.ch

Gerold Tagwerker Bildender Künstler in Wien 1965 in Feldkirch geboren (Bild: Dieter Langhart)

Gerold Tagwerker Bildender Künstler in Wien 1965 in Feldkirch geboren (Bild: Dieter Langhart)