DEUTSCHER POP: Wer das Chaos bezwingen will

Die Berliner Musikerin Judith Holofernes hat mit «Ich bin das Chaos» ihr zweites Soloalbum vorgelegt. Am Samstag stellt sie es zum Abschluss des diesjährigen Kulturfestivals St. Gallen vor.

Oliver Seifert
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Judith Holofernes (früher bei Wir sind Helden) scheint im Chaos ganz entspannt. (Bild: Marco Sensche)

Judith Holofernes (früher bei Wir sind Helden) scheint im Chaos ganz entspannt. (Bild: Marco Sensche)

Oliver Seifert

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Feierlich hebt der A-cappella-Gesang an: «Freude, schöner Götterfunken / Tochter, mach dein Physikum! / Wir betreten feuertrunken / Eigenheim, o Eigentum!»

Schon mal gehört, aber in irgendwie anderer Version, oder? Die Vorlage «An die Freude» vom Dichter Friedrich Schiller schnappte sich Komponist Ludwig van Beethoven seinerzeit für den als «Ode an die Freude» bekannten vierten Satz seiner 9. Sinfonie. Nun hat sich die dichtende und komponierende Judith Holofernes des Stoffs bemächtigt und ihren eigenen Reim drauf gemacht. In ihre moderne Adaption der «Ode an die Freude» stossen später noch eine freche Ukulele und eine quicklebendige Trompete und machen das freudvolle Chaos perfekt.

Das kleine Drama im grossen Durcheinander

Apropos Chaos. Selbst wenn Holofernes mit dem Titel ihres zweiten Soloalbums «Ich bin das Chaos» auf den ersten Blick ein mutiges Bekenntnis liefert, so geht es ihr doch in den elf neuen Songs darum, das Chaos der Existenz allgemein zu fassen zu kriegen: das Absurde und das Wunderbare, das Tragische und das Komische, das Widerwärtige und das Sympathische. Ihr gut sortiertes Album bildet jedenfalls beides ab, die Freude und den Schmerz, und es wühlt sich stellvertretend für alle durch persönliches Wirrwarr und emotionale Konfusion, um dann Aussagen zu treffen, die über das Private hinausgehen. Willkommen in der alten neuen Unübersichtlichkeit!

Die Berliner Musikerin – als singender Teil der Band Wir sind Helden zehn Jahre sehr erfolgreich – personalisiert das kleine Drama im grossen Durcheinander der Weltläufe: Da ist «Der letzte Optimist», der sich mit aller Macht gegen das Faktische des Realen aufbäumt und selbst Klavier und Streicher gegen sich hat. Da werden die verantwortungsvolle Charlotte und die leidensfähige Lisa in zwei Songs gewürdigt – zwei charakterfeste Frauen, die keine Schwäche zeigen wollen und das Tohuwabohu bei sich selbst oder anderen doch nicht in den Griff kriegen. Während «Charlotte Atlas» wütet und lärmt als rockiger Protestsong, sind «Die Leiden der jungen Lisa» (hier durfte Goethe Pate stehen) in einer melancholischen Ballade verpackt. Da ist aber auch Henry, der sich die Wehklage einer überempfindsamen Seele anhören muss und dessen praktische Tipps nicht weiter- helfen.

Unangepasst, unartig, unabhängig

Sehr konkret ist das Leiden in den Liedern der für ihr Engagement wie ihre Kritik geschätzten Mutter zweier Kinder als Frau von Ex-Helden-Schlagzeuger Pola Roy. Sehr absolut sind mitunter die Begriffe, die das Leiden veranschaulichen sollen. Das Herz, die Welt, das Glück, der Krieg. Der Wahnsinn ist hier gewissermassen zu Ende gedacht oder: Die Grösse eines Problems ist nur eine Frage der Perspektive. Denn so eindeutig sind die Dinge nicht, wie behauptet wird, das will Holofernes im Song «Das Ende» noch einmal explizit deutlich machen. Kein falscher Glaube, keine falschen Wahrheiten über das Gute und das Böse, Gewinner und Verlierer helfen weiter. Wer das Chaos bezwingen will, muss sich die Freiheit nehmen dürfen.

Nach der EP «Kamikaze- fliege» (1999) und dem Album «Das leichte Schwert» (2014) setzt «Ich bin das Chaos» konsequent den eingeschlagenen Weg der mittlerweile 40-jährigen Judith Holofernes entlang der Marken Unangepasstheit, Unabhängigkeit, Unartigkeit fort.

Eine Hommage an das Kuddelmuddel

Ihre Texte sind weiterhin mit dem nötigen Eigensinn versehen, ihre Stimme jault und quiekt immer noch in den schrägsten Tönen, ihre Musik hat sich eine angenehme Sperrigkeit bewahrt, ohne es verbissen darauf anzulegen. Wo Pop und Ballade passen, kommen eben Pop und Ballade zum Einsatz, basta. Helfend zur Seite beim Werkeln an den Songs standen ihr der färöische Musiker Teitur Lassen und der bereits erwähnte Berliner Musiker Pola Roy. Eine internationale Allianz auf den Spuren des Chaos, mit Respekt und Skrupel vor allzu simplen Domestizierungsversuchen. Die elf Lieder sind auch eine gelungene Hommage an das Kuddelmuddel, das viel besser zu ertragen ist durch gestrenge Befolgung der in «Unverschämtes Glück» definierten Maxime: «Haste schon mal vorgeleidet / biste besser vorbereitet».

Support erhält Holofernes am Samstag im St. Galler Museumshof von Panda Lux, deren tanzbarer deutscher Pop gut dazu passt. Die vier Rorschacher werden vor allem Songs ihres Début- albums «Versailles» vorstellen, das im Januar erschienen ist.

Sa, 22.7., 20.30 Uhr, Hof Historisches und Völkerkundemuseum. Afterparty im Oya