Des Menschen Verantwortung

Engagement für sozial Schwache bestimmt das Kino der Dardenne-Brüder. Auch in «La fille inconnue».

Walter Gasperi
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Adèle Haenel als junge Ärztin im Film «La fille inconnu». (Bild: PD)

Adèle Haenel als junge Ärztin im Film «La fille inconnu». (Bild: PD)

Hautnah ist die Kamera an der jungen Ärztin Jenny Davin (Adèle Haenel), wenn sie mit ihrem Praktikanten einen alten Mann abhört. In einem Schwenk folgt ihr die Kamera zur Tür und wieder zum Patienten. Spannung bauen Jean-Pierre und Luc Dardenne schon mit dieser ersten Einstellung auf, ziehen den Zuschauer durch die Präsenz der Schauspieler und den genauen Blick unmittelbar ins Geschehen. Ihre Erzählweise ist deutlich ruhiger als in ihren frühen Filmen, in denen eine unruhige Schulterkamera die Erregung der Protagonisten nach aussen kehrte. Aber unverändert ist ihre Haltung, ihr soziales Engagement.

Vertrauten die beiden Dardenne-Brüder in ihren ersten Filmen auf Laien, so besetzen sie seit einigen Jahren die Hauptrollen mit Stars wie Cécile De France, Marion Cotillard oder nun Adèle Haenel. Sie spielen gesellschaftlich integrierte Frauen, doch deren Blick richtet sich auf Randständige. Da winkt der Protagonistin von «La fille inconnue» eine Karriere in einem renommierten medizinischen Zentrum, doch sie verzichtet auf das Angebot, als eine junge Afrikanerin in der Nähe ihrer Praxis tot aufgefunden wird. Von Schuldgefühlen geplagt, beschliesst sie, eine Hausarztstelle zu übernehmen – im tristen, bei Lüttich gelegenen Seraing – und will gleichzeitig die Identität der unbekannten Toten klären.

Dokudrama weitet sich zur Krimihandlung aus

So wird ein quasidokumentarischer Einblick in die Arbeit der Hausärztin mit Hausbesuchen bei alten und sozial schwachen Patienten geboten, aber anderseits entwickelt sich mit den zunehmend verbissenen Recherchen eine Krimihandlung. Auf Schritt und Tritt folgt der Film der jungen Ärztin. In jeder Szene ist sie präsent. Kaum einmal weitet sich der Blick zu einer Totalen, weniger Beklemmung als vielmehr Dichte erzeugen aber die nahen Einstellungen. Denn die Handlung wird zwar in ein soziales Umfeld eingebettet, aber der Fokus liegt ganz auf den Menschen.

Ganz erreicht «La fille inconnue» zwar nicht die Intensität der bisherigen Arbeiten der Dardennes, aber auch dieses Sozialdrama vermag aufzurütteln, weil hier eben nicht doziert wird, sondern sich der Appell zu Verantwortung gegenüber den Schwachen aus der Geschichte und glaubwürdig gezeichneten Figuren heraus entwickelt.

Ab heute im Kinok St. Gallen, weitere Kinos der Region folgen

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